Die Zürcher Wirte wollen keinen Pranger

Der Kanton Zug will, dass Wirte künftig freiwillig den Bericht der Lebensmittelkontrolle aufhängen. In Zürich kommt die Idee gar nicht gut an.

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In Dänemark funktioniert es, in Finnland, Grossbritannien und den USA auch: Wirte hängen den Bericht der Lebensmittelkontrolle für die Gäste gut sichtbar auf. Jetzt will Zug als erster Kanton der Schweiz das gleiche einführen und per Gesetz festhalten. Wie der vereinfachte Kontrollbericht aussehen wird, welche Punkte er berücksichtigt, wie lange er ausfallen darf, wie der Vollzug geregelt ist – das alles ist noch offen. Dafür steht fest, dass die Wirte selber entscheiden können, ob sie die Mängelliste aufhängen oder nicht.

«Vorgehen ist widersprüchlich»

In Zürich will man von einer Transparenz in Sachen Lebensmittelkontrolle nichts wissen. Dieses Vorgehen sei widersprüchlich, sagt Christina Weber, Leiterin Gesundheitsschutz der Stadt Zürich. «Eine gesetzliche Regelung kann nicht freiwillig sein. Wenn etwas freiwillig ist, braucht es kein Gesetz.» Die Aufgabe der Lebensmittelkontrolle bestehe lediglich darin, zu überprüfen, ob die Wirte die gesetzlichen Vorschriften auch einhalten, sagt Weber. Sie glaubt an den mündigen Restaurantbesucher: «Ein aufmerksamer Gast kann selber entscheiden, ob ein Lokal sauber ist oder nicht.»

Die Verhältnisse in den rund 4300 Gastro- und Lebensmittelbetrieben der Stadt Zürich sind alles andere als vorbildlich – trotz der Kontrollen. 2007 sind in zwei von drei Betrieben Mängel festgestellt worden, oft nur geringfügige, aber immerhin waren die Verstösse gegen die Hygiene in 82 Fällen derart gravierend, dass Strafanzeige erstattet werden musste. In 68 Fällen mussten Betriebe geschlossen oder Benützungsverbote ausgesprochen werden.

Trotz diesen Zahlen wiegelt die Leiterin des Gesundheitsschutzes ab: «Diese Berichte sind eine Momentaufnahme.» Es sei Sache der Wirte, ob sie diese auch veröffentlichen wollen – diese Möglichkeit gebe es heute schon. Eine strengere gesetzliche Regelung würde mehr Schaden als Nutzen anrichten. «Wenn ein Wirt eine Liste aufhängen muss, in der er schlecht wegkommt, was glauben Sie, wie er bei der nächsten Kontrolle reagieren wird?», sagt sie und gibt die Antwort gleich selbst: «Entweder würde er mich bestechen oder bedrohen.» Für Weber ist der Zuger Vorschlag deshalb ein Schnellschuss: «Die wichtigsten Punkte wie Vollzug oder Kontrolle sind nicht zu Ende gedacht.»

Warum soll aber in Zürich nicht funktionieren, was ihm Ausland längst selbstverständlich ist? Darauf kann Weber keine Antwort geben: «Ich weiss nicht, wie es im Ausland funktioniert.» Sie betont aber, dass in Zürich im Vergleich zu Deutschland härter durchgegriffen wird. Sie hatte Gelegenheit, während zweier Tage deutsche Lebensmittelinspektoren zu begleiten, und war verblüfft, wie tolerant die Deutschen waren. «Betriebe, die eine positive Bewertung erhielten, hätten wir in Zürich umgehend geschlossen.»

«Wer Schmutz sucht, findet ihn auch»

Was sagen die Wirte zu einer öffentlichen Regelung? Gastrounternehmer Rolf Hiltl ist für Transparenz. Doch auch er betont, dass es heikel sei. «Sauberkeit ist ein dehnbarer Begriff», sagt er. «Wer Schmutz sucht, findet ihn auch. Und es kommt immer darauf an, wer kontrolliert.» Hiltl selbst hätte vor mehr Transparenz nichts zu befürchten. Er hat sein Restaurant an der Sihlstrasse gerade eben umfangreich renoviert, seine sanitären Anlagen sind auf dem modernsten Stand. Er fürchtet aber negative Konsequenzen für das Gastgewerbe insgesamt. «Eine solche Regelung könnte zu ähnlichen Zuständen führen wie vor der Liberalisierung des Gastronomiegesetzes», sagt Hiltl. Damals gab es tatsächlich Korruption. Wirte haben beispielsweise den früheren Zürcher Chef-beamten Raphael Huber bestochen, um Betriebsbewilligungen zu erhalten.

Schikanen gegen die Wirte

«Völlig daneben», findet Ernst Bachmann, Präsident von Gastro Zürich, den Zuger Vorschlag. Erhalte jemand zu Unrecht eine schlechte Beurteilung, werde er den schlechten Ruf nie mehr los.

«Wir sind auch schon beanstandet worden», sagt Gastronom Michel Péclard (Coco, Münsterhöfli, Pumpstation, Balthazar). Der hygienische Standard sei in Zürich sehr hoch. Und überhaupt: «Es gibt schon jetzt genügend Gesetze und Schikanen gegen die Wirte», sagt Péclard. Ähnlich tönt es vom Szenebeizer Koni Frei (Volkshaus, Kanzlei, Sportbar, Longstreet-Bar, Central): «Staatliche Kontrollen sind gut, aber an den Pranger stellen ist schlecht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2008, 20:55 Uhr

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