Die alternativen Durstlöscher

Der Zürcher Getränkehändler Intercomestibles behauptet sich seit 25 Jahren – trotz oder gerade wegen Selbstverwaltung und kleiner Lohnschere.

Demokratischer Getränkehandel: Die Belegschaft von Intercomestible. Vorne links sitzend die beiden Geschäftsleiter Tom und Beat Schegg.

Demokratischer Getränkehandel: Die Belegschaft von Intercomestible. Vorne links sitzend die beiden Geschäftsleiter Tom und Beat Schegg. Bild: Reto Oeschger

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Mit Getränken zu handeln, ist wenig glamourös. Harasse werden ein- und ausgeladen, später wieder abgeholt, die Lagerbuchhaltung nachgeführt. Das gilt auch für die Intercomestible 87 AG. Seit 25 Jahren ist sie im Geschäft und chauffiert ihre Lieferwagen mit den knallroten Blachen vorwiegend durch die Stadt. Doch etwas ist anders bei der Firma, die im Logo eine Bierflasche im Comicstil führt. Beheimatet ist Intercomestibles seit sechs Jahren im Industriequartier in der Binz, einem der letzten Gebiete der Stadt, das dank der bezahlbaren Mieten auch für KMU interessant ist. Im Lager hängen Nespresso-kritische Plakate und nebenan, in einem verglasten Büroraum, sitzt Beat Schegg. Er ist einer von sieben Geschäftsleitern und seit 20 Jahren bei der IC.

Der Lagerist verdient nur 6 Franken weniger pro Stunde als der Geschäftsleiter

«Es kostet uns viel Geld und viel Energie, die Firma so zu führen, wie wir das tun», sagt der 48-Jährige. Geld kostet es auch ihn, weil er sich mit einem Gehalt begnügt, das halb so gross ist wie das in der Branche übliche. «Allfällige Gewinne investieren wir in die Strukturen, in die ganze Belegschaft», sagt Schegg. Will heissen: Der Lagerist verdient hier mit 30 Franken brutto nur 6 Franken weniger in der Stunde als die Geschäftsleiter. Er verdient damit vergleichsweise viel, die Geschäftsleiter hingegen wenig. Eine Lohnschere, die sogar noch verkleinert werden soll, wie Schegg sagt.

Er und seine Mitstreiter glauben daran, dass der Weg der Selbstverwaltung und Mitbestimmung, den IC eingeschlagen hat, der richtige ist. «Ich brauche keine 12'000 Franken im Monat. Mir ist eine Stelle in einem freundschaftlich und fair strukturierten Umfeld wichtiger», sagt auch Roland Rüegsegger. Er ist seit einem Jahr an Bord und zuständig für Betriebsentwicklung.

Grosse Nachfrage nach lokalen Bieren

1987 war es, als der heute als Krimiautor bekannte Stephan Pörtner Intercomestibles gründete. An der Brauerstrasse, als Quartierladen, in dem er diverse Biere, Weine und allerlei Bioprodukte im Angebot führte. Zum Laden gehörte auch der Getränkelieferdienst.

Die Lockerung des Gastgewerbegesetzes befeuerte die Geschäfte der jungen Firma. Die Nachfrage nach lokalen Bieren wurde immer grösser. Das anfangs von Freunden betriebene Geschäft wuchs über die Jahre zu einem stattlichen Unternehmen heran. Heute bearbeiten über 60 Mitarbeiter 25'000 Aufträge pro Jahr, die aktuell für einen Umsatz von 16 Millionen Franken sorgen. IC gehört damit zu den fünf grössten Getränkehändlern der Stadt.

«Einer unserer grössten Erfolge ist die Etablierung lokaler und/oder unter fairen Bedingungen hergestellter Produkte», sagt Schegg. Gut 90 Prozent aller Biere, die IC verkauft, stammen denn auch aus kleinen oder mittelgrossen Brauereien wie Turbinenbräu, Paul oder Amboss. Trotzdem könne man sich dem Markt nicht verschliessen, weshalb man auch Red Bull oder Coca-Cola vertreibe, obwohl man zu Letzterem auch 12 Alternativen im Sortiment führt.

Den urban Chic gab es gratis

Mit dem Wachstum stiegen auch die Anforderungen. Man sei heute froh über qualifizierte Kadermitarbeiter, die sich mit einem geringeren als dem marktüblichen Lohn begnügen, sagt Schegg.

Zweimal pro Jahr versammeln sich die 40 Mitarbeiter, die gemeinsam die Mehrheit der IC-Aktien besitzen, um über neue Regelungen zu bestimmen. Demnächst darüber, ob der Betrieb einen grossen, dreiachsigen Lieferwagen kaufen soll – es wäre der erste in der Flotte. Oder eben, ob im Lohnsystem Anpassungen gemacht werden. 21 Stimmen entscheiden, ob ein Vorschlag durchkommt. «Das demokratische Modell und der gemeinsame Firmenbesitz haben sich bewährt, die Leute fühlen sich ernst genommen», sagt Schegg.

Sicher ist: Intercomestibles hat sein alternatives Geschäftsmodell – in dem seine Geschäftsleiter mehr Sozialarbeiter sind als an anderen Orten – in einem hart umkämpften Markt behaupten können – seit nunmehr 25 Jahren. Den eingangs erwähnten urbanen Chic, den die Firma umgibt, gab es gratis dazu. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.11.2012, 09:33 Uhr)

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