«Die beste Party habe ich mit mir selber»
Ellen Allien über das perfekte DJ-Set: «Der Raum, das Licht, die Musik, die Leute, alles wird eins, alles schwebt.»
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Zur Person
Ellen Allien
Ellen Allien, bürgerlich Ellen Fraatz, ist 1969 in Westberlin zur Welt gekommen. Den ersten Kontakt mit elektronischer Musik, konkret mit Acid House, hatte sie 1988 in London. Nur vier Jahre später stand Allien dann erstmals selbst hinter den Plattentellern, und es dauerte nicht lange, bis sie regelmässig die legendären Berliner Klubs Tresor, Bunker oder E-Werk rockte – und selbst erste Techno- und Electro-Tracks produzierte. Ellen Alliens bisherige sechs Alben sind alle auf ihrem 1999 gegründeten Label BPitch Control erschienen. 2006 ging die Berliner Techno-Queen dann «fremd» und lancierte ihr eigenes Modelabel. Die neuste Ellen-Allien-Fashion-Winterkollektion ist eben erschienen; zu sehen ist sie auf ihrer Website.
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Hallo Frau Allien . . .
(unterbricht) Wir können gerne Du sagen.
Okay. Hallo Ellen.
Hallo.
Darf ich mit einer frechen Frage beginnen, die auf persönlicher Erfahrung basiert?
Klar. Aber auf freche Fragen gibt es freche Antworten.
Okay. Die Frage lautet: Weshalb machen DJs niemals tiefgründige oder weltbewegende Aussagen?
Dies liegt ziemlich sicher an den langweiligen und öden Fragen der Journalisten. DJs können genauso originell antworten wie Rockstars oder Künstler. Aber manchmal sind die Interviews einfach so stupid, dass man am liebsten davonlaufen würde.
Was ist für dich die Killerfrage, bei der du am liebsten davonlaufen würdest?
Wenn man mich fragt, wie ich mich als Frau in der von Männern dominierten DJ-Welt fühle.
Und wie lautet die Antwort auf diese Frage?
(lacht) Unverschämt. Soll ich jetzt aufhängen und das Gespräch beenden?
Ich hoffe es nicht.
Gut, machen wir weiter. Nächste Frage. Ich hoffe, die ist besser (lacht).
Sie ist religiös. Es gab vor Jahren mal eine Band namens Faithless, die in einem Song behauptete, Gott sei ein DJ. Blasphemie?
So weit würde ich nicht gehen. Es war ein Song, keine vertiefte Abhandlung dieses Themas. Aber nein, Gott ist bestimmt kein DJ. Wie auch kein DJ jemals ein Gott sein wird. Ein guter DJ, egal ob weiblich oder männlich, versteht es, die Massen zu bewegen, Kult-artige Momente zu erzeugen, die Leute in einen Rausch zu versetzen. Das ist viel, aber keine Religion.
Zur Religion fehlt auch die Message. Techno ist Musik ohne Botschaft, die Strassenparaden sind apolitische Karnevalsumzüge . . .
(unterbricht heftig) Falsch, alles total falsch! Techno auflegen, das ist wie träumen ohne Worte, eine andere oder höhere Form der Kommunikation.
Das klingt ein wenig esoterisch.
Nennen wirs doch spirituell.
Reden wir nun über die Spiritualität in der Techno-Musik?
Nein, wir reden über die angeblich apolitischen Strassenparaden. Egal ob wir die frühere Love Parade in Berlin oder die Street Parade in Zürich nehmen, beide Anlässe waren und sind riesige Demonstrationen, die aufzeigen, wie Menschen aus verschiedenen Kulturen, von verschiedenen Ländern und aus unterschiedlichen Altersgruppen friedlich zusammen sein, sich austauschen und feiern können. Ein stärkeres politisches Signal kann man doch gar nicht mehr aussenden.
Ist es nicht eher die gemeinsame Konsumhaltung, welche diese Massenmenschen zusammenbringt?
Nur wenn man Entspannung und Spass haben endlich auch als Formen des Konsums akzeptiert.
Dann könnte man auch behaupten, Klubs seien Wellness-Oasen.
Ein guter Gedanke. Die Klubs sind jedenfalls die besten aller Meeting Points, weil es nirgendwo eine höhere Toleranz gibt. Es spielt keine Rolle, ob ich scheu oder leicht verrückt oder verliebt oder leicht betrunken bin. Es ist egal, ob ich Sandalen oder High Heels trage oder grüne Haare habe, ich bin willkommen, kann tanzen, mit Leuten quatschen, rumstehen, schweigen. Das ist Freiheit. Und gelebte Toleranz.
Das ist ein eigenartiges Gespräch. Wir reden über Soziales, über Politik, über Lebenshilfe. Dabei sollten wir doch über Techno reden.
Das ist überhaupt nicht eigenartig, denn Techno hat mit all dem sehr viel zu tun. Techno hat Brücken geschlagen, von Ost nach West und umgekehrt. Als 1989 die Mauer fiel, bin ich das erste Mal mit dieser Welt in Kontakt gekommen. Ich habe erlebt, wie dieser Sound mitgeholfen hat, Menschen zusammenzubringen, die Sexualität zu entspannen, die Geschlechterdiskussion zu entkrampfen.
Das war damals. Damals gab es auch noch wilde Warehouse-Partys und Klubs mit Kultstatus. Schöne gestrige Technowelt, ja, aber die ist längst passé.
Ich finde, dass Nostalgie im Nachtklub-leben nichts verloren hat. Klubs verschwinden, neue Klubs entstehen, die Partys verändern sich mit dem Sound. Es ist eine stetiger Wandel, schnelllebig, kreativ. Deshalb sage ich: Früher wars nicht besser und nicht schlechter, es war einfach anders.
Du bist nun seit bald zwei Dekaden ein prägendes Element dieser Szene. Macht es dir keine Mühe, wenn du heute für Leute auflegst, die deine Kinder sein könnten?
Nein, überhaupt nicht. Ich liebe, was ich mache, und die beste Party habe ich sowieso stets mit mir selbst. Wenn ich auflege, drifte ich oftmals völlig ab, bin irgendwo anders. Dann spielt es auch keine Rolle, ob die Leute locker rumhüpfen oder cool rumstehen.
Aber wenn niemand tanzt, ist doch deine persönliche Party auch nicht besonders lustig.
Es passiert mir aber nie, dass niemand tanzt (lacht).
Gibt es so etwas wie das perfekte DJ-Set?
Klar.
Hast du das schon mal hingekriegt?
Ja, schon mehrmals.
Was passiert in diesem Moment?
Das ist magisch, kaum zu beschreiben. Der Raum, das Licht, die Musik, die Leute, alles wird eins, alles schwebt.
Das klingt schon wieder esoterisch.
Spirituell, nicht esoterisch.
Oder nach Drogentrip.
Nein, es geht dabei nicht um Drogen. Wie gesagt, mit Worten ist dem nicht beizukommen, das muss man erleben.
Kann es eine DJ-Karriere ohne Drogen geben?
Nein.
Gibt es ein Pensionsalter für DJs?
Wenn man sich nicht mehr neu erfinden kann, dann lässt mans besser bleiben. Oder wenn man es nicht versteht, würdevoll zu altern.
Was meinst du mit würdevoll altern?
Nehmen wir Madonna und Björk. Madonna renkt sich wegen ihres Jugendwahns in den Videos fast die Gelenke aus, ist immer in den Schlagzeilen, aber künstlerisch stehengeblieben. Björk sucht nach immer neuen musikalischen Ideen, ist leicht verrückt, liebt den schrillen Bühnenauftritt, aber nicht die Öffentlichkeit. Was Björk macht, ist würdevoll altern.
Das heisst, dass Kinder . . .
(unterbricht) Sorry, aber ich muss jetzt aufhören. Ich muss ins Yoga. Ciao.
Mit Ellen Allien telefonierte Thomas Wyss (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.10.2009, 04:00 Uhr
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