Die dicksten Koffer bringen die SBB

Viele Zürcher lassen in den Sportferien ihre Ski und Koffer im Hauptbahnhof zurück, um unbelastet in die Berge zu reisen. Das Gepäck wird ihnen von den SBB nachgeliefert.

Freitagabend in der Gepäckaufgabe: Wer jetzt noch seine Koffer bringt, will sie möglichst schnell am Ferienort haben.

Freitagabend in der Gepäckaufgabe: Wer jetzt noch seine Koffer bringt, will sie möglichst schnell am Ferienort haben. (Bild: Sophie Stieger)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS). Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Die letzten Jahre flogen sie mit dem Flugzeug nach St. Moritz. In Kloten bestiegen sie einen Vierplätzer, und 20 Minuten später waren sie in Samedan. Kostenpunkt: 2100 Franken. Dieses Jahr stehen sie am Freitagabend bei der Gepäckaufgabe im Hauptbahnhof, der Zürcher Banker und seine Frau, und lassen von ihrem Chauffeur drei dicke Gepäckstücke auf das Förderband hieven. Am Samstagmorgen wollen sie ihnen folgen – per Zug. Warum nur? «Ja, wissen Sie, die Wirtschaftskrise», antwortet der Banker betont nonchalant.

Auch bei den SBB geniesst das Paar einen First-Class-Service. Sie spazieren in die Schalterhalle hinein und können ohne Anstehen die Formalitäten erledigen. Kosten: 20 Franken pro Tasche, weil es «so schnell wie möglich» gehen soll, das heisst, maximal 24 Stunden. Am Abend zuvor ging das nicht so locker: Da standen die Reisenden zuweilen bis auf die Strasse hinaus an, wie Benno Niederberger, Leiter der Gepäckaufgabe, sagt. Das waren jene, die gewissermassen B-Post lösten: Der Transport dauert zwei Tage, dafür kostet er nur 10 Franken pro Gepäckstück. Am Samstag wollen die meisten Reisenden ihr Gepäck am Ferienort haben, denn dann ist Schichtwechsel in Hotels und Ferienwohnungen.

Laut Niederberger haben er und sein Team in den Sportferien mit Abstand am meisten zu tun – drei- bis viermal mehr als an Spitzentagen im Sommer, denn dann haben die Reisenden mit Ski und Skischuhen am meisten Gepäck. So gehören die Wintersportorte auch zu den häufigsten Destinationen, vor allem die in Graubünden. Seit der Lötschbergtunnel offen ist, holen die Walliser Ferienorte aber auf.

Neben dem Check-in nehmen zwei junge Frauen einen orangen Riesen von einem Gepäckstück in Empfang und beginnen, den Inhalt zwischen Taschen, Rucksäcken und Koffer neu zu verteilen. Neben Pullover und Skihosen kommen stapelweise Schokoladentafeln zum Vorschein, und mehrere Beutel Heidi-Fondue. Damit, so erklärt eine Frau, werde ihre russische Kollegin in Singapur eine Fondue-Party veranstalten – bei über 30 Grad Celsius. Egal. Die Russin war mit ihrer Schweizer Kollegin für ein paar Tage in der Lenzerheide Snowboarden, sie hatten «great snow», grossartigen Schnee. Das Fondue wird ihr das Heidi-Land-Feeling noch etwas verlängern.

Rückgang wegen rollender Koffer

Dann sind Benno Niederberger und sein Team an diesem Abend doch noch gefordert. Plötzlich ist die halbe Schalterhalle mit Gepäckstücken verstellt, mit Monstertaschen für eine ganze Sippe. Ein distinguierter älterer Herr und seine junge Begleiterin laufen geschäftig hin und her, am Schalter fällt das Wort «Sekretärin». Sie reden nicht viel, ihr Gepäck aber ist geschwätzig. Das Etikett verrät, dass sie im Hotel Seidenhof logierten haben und jetzt nach Zermatt in den Schnee wollen. Die SBB transportieren jedes Jahr über 500'000 Gepäckstücke durch die ganze Schweiz. Zu Beginn der 90er-Jahre waren es noch mehr als doppelt so viele. Den Rückgang erklären sich die SBB damit, dass mehr Wintersportler ihre Ausrüstung mieten und dass heute fast alle Koffer Räder haben.

Der Service ist nicht kostendeckend; die SBB legen jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag drauf, genau wollen sie ihn nicht beziffern. Da sie den Gepäcktransport aber als wichtigen Service für ihre Fahrgäste betrachten, halten sie im Gegensatz zu den Bahnen anderer Länder daran fest.

Die dicken Taschen des Zürcher Bankers liegen nun in den Regalen hinter der Schalterhalle. Sie werden hier die Nacht verbringen, denn es wird jeweils nur ein Kurs am Morgen von Gepäckarbeitern begleitet. So werden die Koffer am nächsten Morgen um 10.12 Uhr mit dem Zug nach Chur fahren, werden im Logistikzentrum sortiert und um 14.58 Uhr - vielleicht noch vor dem Banker - in St. Moritz eintreffen.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2009, 21:32 Uhr

KOMMENTAR SCHREIBEN







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

5 KOMMENTARE

Pascal Sommer

17.02.2009, 13:51 Uhr

@ Benno Fässler: Der Reisegepäckversand nach Österreich dauert drei Arbeitstage (Aufgabetag + 3 Arbeitstage). Das Gepäck wird an Domiziladressen ausgeliefert (Hotel, Wohnung etc.). Der Versand an Bahnhöfe ist nicht möglich. Kosten CHF 30.- pro Koffer und Sendung. Bedingung ist eine gültige Zugsfahrkarte.


Mark Berger

16.02.2009, 19:33 Uhr

@ Benno Fässler: Am besten Sie fragen direkt bei den SBB und nicht in der Kommentarspalte des Tages-Anzeigers.


Christoph Schaer

16.02.2009, 19:01 Uhr

Der Service ist gut. Meine Schwiegermutter reiste aus Südamerika mit Swiss an und reiste mit SBB/RhB ins Engadin. Der Koffer wurde am Bahnhof im Engadin ausgeliefert und das Hotel holte ihn ab! Auch bei der Rückreise konnten wir am Bahhof einchecken (!) und sie konnte den Koffer in Südamerika in Empfang nehmen. Einmalig der Service der OeV!


Markus Martens

16.02.2009, 13:26 Uhr

Tja, würden die SBB immer noch Gepäckstücke auch von Nicht-Zugreisenden transportieren, wäre das ganze vielleicht doch kostendeckend. Aber, dass man ein Ticket haben muss, um einen Koffer aufzugeben, ist unverständlich ... oder darf man nicht, weil man sonst ins Gehege der Post wildern geht? Schade.


Benno Fässler

16.02.2009, 12:29 Uhr

"Das Gepäck wird ihnen von den SBB nachgeliefert." Wie soll der treue SBB-Nutzer diese Aussage /oder Behauptung) interpretieren? Soll das heissen, das Gepäck wird in der Ferienunterkunft geliefert, wenn der Gast schon wieder seit längerer Zeit zu Hause ist? Ich würde gerne ohne Koffer mit den Transalpin nach Wien reisen, aber das Gepäck musste man vor 3 Jahren mindestens 3 Wochen vorher aufgeben.



Veranstalter

am Montag

Lokalverzeichnis

Werbung

Die Top-Themen im

Umfrage

Soll in Zürich ein nächtliches Trinkverbot auf öffentlichem Grund eingeführt werden?

Ja

Nein


Der Zwillingsmord von Horgen


Publireportage

Lernen, wann und wo man will

Lernen wo man will.

Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Jobsuche

Kaum wird irgendwo ein Job frei, ist er auf jobwinner.ch.

Weiterbildung

Weiterbildung AusbildungFinden Sie die passende Schule für Ihre Weiterbildung in Beruf und Freizeit.
Jetzt nach Weiterbildung suchen:

BMI-Rechner

Body-Mass-Index Rechner



[Alt-Text]



© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten