Die dicksten Koffer bringen die SBB
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 15.02.2009 5 Kommentare
Freitagabend in der Gepäckaufgabe: Wer jetzt noch seine Koffer bringt, will sie möglichst schnell am Ferienort haben. (Bild: Sophie Stieger)
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Die letzten Jahre flogen sie mit dem Flugzeug nach St. Moritz. In Kloten bestiegen sie einen Vierplätzer, und 20 Minuten später waren sie in Samedan. Kostenpunkt: 2100 Franken. Dieses Jahr stehen sie am Freitagabend bei der Gepäckaufgabe im Hauptbahnhof, der Zürcher Banker und seine Frau, und lassen von ihrem Chauffeur drei dicke Gepäckstücke auf das Förderband hieven. Am Samstagmorgen wollen sie ihnen folgen – per Zug. Warum nur? «Ja, wissen Sie, die Wirtschaftskrise», antwortet der Banker betont nonchalant.
Auch bei den SBB geniesst das Paar einen First-Class-Service. Sie spazieren in die Schalterhalle hinein und können ohne Anstehen die Formalitäten erledigen. Kosten: 20 Franken pro Tasche, weil es «so schnell wie möglich» gehen soll, das heisst, maximal 24 Stunden. Am Abend zuvor ging das nicht so locker: Da standen die Reisenden zuweilen bis auf die Strasse hinaus an, wie Benno Niederberger, Leiter der Gepäckaufgabe, sagt. Das waren jene, die gewissermassen B-Post lösten: Der Transport dauert zwei Tage, dafür kostet er nur 10 Franken pro Gepäckstück. Am Samstag wollen die meisten Reisenden ihr Gepäck am Ferienort haben, denn dann ist Schichtwechsel in Hotels und Ferienwohnungen.
Laut Niederberger haben er und sein Team in den Sportferien mit Abstand am meisten zu tun – drei- bis viermal mehr als an Spitzentagen im Sommer, denn dann haben die Reisenden mit Ski und Skischuhen am meisten Gepäck. So gehören die Wintersportorte auch zu den häufigsten Destinationen, vor allem die in Graubünden. Seit der Lötschbergtunnel offen ist, holen die Walliser Ferienorte aber auf.
Neben dem Check-in nehmen zwei junge Frauen einen orangen Riesen von einem Gepäckstück in Empfang und beginnen, den Inhalt zwischen Taschen, Rucksäcken und Koffer neu zu verteilen. Neben Pullover und Skihosen kommen stapelweise Schokoladentafeln zum Vorschein, und mehrere Beutel Heidi-Fondue. Damit, so erklärt eine Frau, werde ihre russische Kollegin in Singapur eine Fondue-Party veranstalten – bei über 30 Grad Celsius. Egal. Die Russin war mit ihrer Schweizer Kollegin für ein paar Tage in der Lenzerheide Snowboarden, sie hatten «great snow», grossartigen Schnee. Das Fondue wird ihr das Heidi-Land-Feeling noch etwas verlängern.
Rückgang wegen rollender Koffer
Dann sind Benno Niederberger und sein Team an diesem Abend doch noch gefordert. Plötzlich ist die halbe Schalterhalle mit Gepäckstücken verstellt, mit Monstertaschen für eine ganze Sippe. Ein distinguierter älterer Herr und seine junge Begleiterin laufen geschäftig hin und her, am Schalter fällt das Wort «Sekretärin». Sie reden nicht viel, ihr Gepäck aber ist geschwätzig. Das Etikett verrät, dass sie im Hotel Seidenhof logierten haben und jetzt nach Zermatt in den Schnee wollen. Die SBB transportieren jedes Jahr über 500'000 Gepäckstücke durch die ganze Schweiz. Zu Beginn der 90er-Jahre waren es noch mehr als doppelt so viele. Den Rückgang erklären sich die SBB damit, dass mehr Wintersportler ihre Ausrüstung mieten und dass heute fast alle Koffer Räder haben.
Der Service ist nicht kostendeckend; die SBB legen jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag drauf, genau wollen sie ihn nicht beziffern. Da sie den Gepäcktransport aber als wichtigen Service für ihre Fahrgäste betrachten, halten sie im Gegensatz zu den Bahnen anderer Länder daran fest.
Die dicken Taschen des Zürcher Bankers liegen nun in den Regalen hinter der Schalterhalle. Sie werden hier die Nacht verbringen, denn es wird jeweils nur ein Kurs am Morgen von Gepäckarbeitern begleitet. So werden die Koffer am nächsten Morgen um 10.12 Uhr mit dem Zug nach Chur fahren, werden im Logistikzentrum sortiert und um 14.58 Uhr - vielleicht noch vor dem Banker - in St. Moritz eintreffen.
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Erstellt: 15.02.2009, 21:32 Uhr
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5 KOMMENTARE
@ Benno Fässler: Der Reisegepäckversand nach Österreich dauert drei Arbeitstage (Aufgabetag + 3 Arbeitstage). Das Gepäck wird an Domiziladressen ausgeliefert (Hotel, Wohnung etc.). Der Versand an Bahnhöfe ist nicht möglich. Kosten CHF 30.- pro Koffer und Sendung. Bedingung ist eine gültige Zugsfahrkarte.
@ Benno Fässler: Am besten Sie fragen direkt bei den SBB und nicht in der Kommentarspalte des Tages-Anzeigers.
Der Service ist gut. Meine Schwiegermutter reiste aus Südamerika mit Swiss an und reiste mit SBB/RhB ins Engadin. Der Koffer wurde am Bahnhof im Engadin ausgeliefert und das Hotel holte ihn ab! Auch bei der Rückreise konnten wir am Bahhof einchecken (!) und sie konnte den Koffer in Südamerika in Empfang nehmen. Einmalig der Service der OeV!
Tja, würden die SBB immer noch Gepäckstücke auch von Nicht-Zugreisenden transportieren, wäre das ganze vielleicht doch kostendeckend. Aber, dass man ein Ticket haben muss, um einen Koffer aufzugeben, ist unverständlich ... oder darf man nicht, weil man sonst ins Gehege der Post wildern geht? Schade.
"Das Gepäck wird ihnen von den SBB nachgeliefert." Wie soll der treue SBB-Nutzer diese Aussage /oder Behauptung) interpretieren? Soll das heissen, das Gepäck wird in der Ferienunterkunft geliefert, wenn der Gast schon wieder seit längerer Zeit zu Hause ist? Ich würde gerne ohne Koffer mit den Transalpin nach Wien reisen, aber das Gepäck musste man vor 3 Jahren mindestens 3 Wochen vorher aufgeben.
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