Zürich
Die einen wollen reden, die anderen Ueli Maurer stören
Von Stefan Schlegel. Aktualisiert am 06.05.2010 14 Kommentare
Stichworte
Wenn heute Abend Verteidigungsminister Ueli Maurer an der Uni über Sicherheitspolitik spricht, muss er mit Störaktionen rechnen. Die radikale Gruppe «Uni von Unten», die schon einmal einen Vortrag von Novartis-Chef Daniel Vasella verhinderte, ruft zur Protestkundgebung auf. «Keine SVP-Politiker an der Uni. Keine Plattform für Ueli Maurer», heisst es auf einem Flyer. Die Uni sei ein Ort der freien Debatte, an dem sich das bessere Argument durchsetzen müsse. Hier könne es nicht sein, dass einer wie Maurer «seinen Stuss» erzählen könne, sagt ein «Uni von Unten»-Aktivist.
Die Uni-Leitung ist vorgewarnt. «Wir beobachten die Proteste und entscheiden aufgrund der Situation, wie wir damit umgehen», sagt Sprecherin Christina Hoffmann. Für Maurers Besuch gebe es ein flexibles Sicherheitsdispositiv, mit dem man auch auf unerwünschte Zwischenfälle reagieren könne. Ob ein Dialog zwischen dem Bundesrat und den Studenten in Gang komme, sei Sache des Instituts für Auslandsforschung, das Bundesrat Maurer eingeladen hat.
Zersplitteter Protest
Am Umgang mit dem Gastredner zeigt sich, wie zersplittert die Protestbewegung an der Universität inzwischen ist. So findet ein anonymer Vertreter von «UnsereUni»: «Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich finde, man sollte auch Ueli Maurer nicht den Mund verbieten.» Seine Gruppe ging aus der Uni-Besetzung vom letzten November hervor, betreibt inzwischen eine Website und gibt eine eigene Zeitung heraus. Morgen Freitag organisiert sie das «Forum Uni-21» in den Räumen der Uni, an dem Dozierende mit Studierenden aus der ganzen Schweiz Workshops über die Zukunft der Bildung veranstalten.
Die Möglichkeit, für den Kongress Räume der Uni zu benutzen, verschaffte sich «UnsereUni» mit einem Trick. Ein von der Uni anerkannter Verein reservierte die Räume und gab an, sie selber zu nutzen. «UnsereUni» dagegen sei bis heute nie aus der Anonymität herausgetreten, beklagt Rektor Andreas Fischer. Die Besetzung der Uni im vergangenen Herbst wurde vom Grossteil der Studierenden als bemühend empfunden. Zuletzt hat die Uni-Leitung die aufrührerischen Studenten einfach kaltgestellt. Zur Beruhigung der Lage bot sie den Besetzern einen Pavillon ausserhalb des Uni-Gebäudes an. Eines Nachts wurden dann plötzlich die Schlösser ausgewechselt. Dennoch blicken die Besetzer mit einigen Monaten Distanz recht zufrieden auf die Aktion zurück. Zwar geben alle zu, dass sie die Besetzung schnell aufgerieben hat. Aber sie empfanden die Zeit im «Haribo-Hörsaal», wie sie den grossen, grellfarbigen Hörsaal im Untergrund zu nennen pflegen, nicht nur als lehrreich, sondern auch als befreiend.
«Politisch Interessierte, die ein Studium an der Uni beginnen, müssen nun nur noch halb so viel Frust erleben wie ich, bis sie ihr Engagement einbringen können», sagt Marco, der vom politischen Desinteresse seiner Kommilitonen erschreckt und vom offiziellen Studierendenrat (StuRa) enttäuscht war. Durch die Besetzung fand Marco endlich eine Möglichkeit, sich einzusetzen. Seinen Nachnamen und auch sein Studienfach will er nicht angeben. Weil die Besetzer weder Führer noch Sprecher haben, wie er sagt.
«Lesegrüppli» zu Bologna
Nach der ersten Euphorie und der ersten Ernüchterung ist eine kleine Bewegung entstanden. Im Zürcher Studienbetrieb ist «UnsereUni» zwar isoliert, dafür gut vernetzt mit ähnlichen Gruppierungen im Rest der Schweiz und ganz Europa. «Ich würde zwar nicht von einer neuen Massenbewegung sprechen», sagt Sarah Schilliger, die in Basel dem Mittelbau angehört und die Besetzungen in Basel und in Zürich hautnah verfolgt hat. «Aber bemerkenswert ist, wie durch diese Protesterfahrungen viele Studierende eine Politisierung erfahren haben. So gibt es jetzt Lesegrüppli, die sich mit den Ursprüngen und Hintergründen der Bologna-Reform auseinandersetzen.»
Diese Politisierung brauchte Vollversammlungen, die viele Teilnehmer abgeschreckt haben. Doch der harte Kern der Besetzer wollte gerade eine Grundsatzdiskussion. Mit dem StuRa, der die Aufgabe hat, die Studierenden gegenüber der Uni-Leitung zu vertreten, hat «UnsereUni» noch keinen Umgang gefunden. Zwar sei es den Besetzern zu verdanken, dass die Bologna-Debatte ein verhältnismässig grosses Echo gefunden hat, räumt StuRa-Präsidentin Gwendolyn Marx ein. «Dankbar sind wir den Besetzern deswegen aber nicht. Das Verhältnis zur Uni-Leitung wurde für uns während der Besetzung zum Hochseilakt. Und für das Ziel, aus dem StuRa eine öffentlich-rechtliche Körperschaft zu machen, könnte die Besetzung ein Rückschlag sein», sagt Marx.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.05.2010, 00:03 Uhr
WRITE A COMMENT
14 Kommentare
Ich möchte den Beteiligten vorschlagen Gräben überbrückende Konsensveranstaltung zu suchen. Freiheit und Selbstbestimmung sind höchste öffentliche Güter, deren Schutz und Respektierung allen ein Anliegen sein müssen. Sicherheit und Vertrauen in eine zuverlässige Gesellschaft sollten jedem ein Anliegen sein, Universitäten , unitopie.(s)ch e Orte. Beteiligt Euch alle, in Anstand und Respekt. Antworten
Interessant ist dabei, was das SIAF schreibt: "Das Schweizerische Institut für Auslandforschung unterhält enge Beziehungen mit einer Reihe von Partnern, die das Institut sowohl finanziell wie ideell unterstützen. Der Austausch von Ideen und die gemeinsame Präsenz in der Öffentlichkeit werden dabei gestärkt. Unsere Partner: CS, Nestle, Ernst&Young, Vontobel, SwissLife, SwissRe, und UBS" Antworten
Die Studentengruppe «Uni von unten» wird im Text als "radikal" bezeichnet. Gleiches lässt sich von Ueli Maurer sagen, wenn man bedenkt, in welchen Kreisen er überall verkehrt: VPM, Rechtsradikale, christliche Fundamentalisten etc. "Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt" sagte der Dichter Günter Eich. Antworten
Diese totalitären Fanatiker missbrauchen ihr Privileg studieren zu dürfen. Unsere Gesellschaft, Reiche, Arme, Bürgerliche, Linke und Firmen, alle zahlen daran, dass dieses Privileg bestehen kann. Doch diese verwöhnten Bürschchen wollen andere am Studieren hindern, wenn ihnen das Thema nicht genehm ist. Antworten
Vergleiche ich den oben geschriebenen Text mit dem angeblichen Flyer, so frage ich mich, wieso der Autor des Textes den Artikel in dieser Art und Weise geschrieben hat. Solche Aktionen kritisch hinterfragen Ja, aber Inhalte (bewusst) weglassen, nur damit scheinbar ein anderer Eindruck entstehen soll, ist höchst fraglich.. Antworten
Lesegrüppli für Bologna,, Faktor Zeit und Stress wird wohl mit eine grosse Rolle spielen warum Studenten-Aufstände nicht mehr allzu IN sind.. und auch die Zukunft der Job nach dem Abschluss, auch da wird heute vielleicht genauer hingesehen wie früher. wer wo mit wem aufmümpfig war. Antworten
Selbstbeweihräucherung und grossspurige Propaganda zu betreiben. [Zitat End] Der Vortrag läuft unter einer Vortragsreihe vom SIAF. Ich zitiere deren Impressum -> Trägerschaft: << Das Schweizerische Institut für Auslandforschung unterhält enge Beziehungen mit einer Reihe von Partnern, die das Institut sowohl finanziell wie ideell unterstützen. [...] Unsere Partner: CS, UBS, Néstlé [und 4 andere] >> Antworten
Im Zweifelsfall zählen an der Uni die Argumente der Macht, nicht die Macht der Argumente. Ein krasses Beispiel dafür ist das Schweizerische Institut für Auslandforschung (SIAF), welches direkt von der Privatwirtschaft bezahlt wird und unter Vorgaukelung von Wissenschaftlichkeit allerlei Grossunternehmern und rechtsbürgerlichen Politikern die Möglichkeit bietet, im akademischen Dekor Antworten
@ all: Das stimmt was ihr sagt. Leider wurde der Flyer unvollständig zitiert. Ich zitiere den ganzen relevanten Paragraphen: [Zitat Anfang] Dass die Uni ein Ort ist der freien Debatte, wo sich das bessere Argument durchsetzt, ist nach wie vor eitel Wunschdenken. Hier wird auch immer Wissenspolitik betrieben und ideologischer Konsens hergestellt. Antworten
"Die Uni sei ein Ort der freien Debatte, an dem sich das bessere Argument durchsetzen müsse" und dann lässt man einen Andersdenkenden nicht reden? Seltsames Verständnis von einer "freien" Debatte, die studierten Bürschlein. Da würde vielleicht mal ein wenig von der guten, alten Arbeit helfen, möglichst mehr als 8 Stunden und möglichst körperlich. Danach sieht die Welt wieder ganz anders aus. Antworten
"Die Uni sei ein Ort der freien Debatte, an dem sich das bessere Argument durchsetzen müsse" - logisch das man dann einigen Vertretern den Zugang zur Uni verwehren muss... Es ist schön zu sehen, wie sich die "Aktivisten" in einem Satz ihre eigenen Grundsätze über den Haufen werfen. Antworten




Hans Ulrich Suter
An der UNI Zürich ist es wohl eher so, dass man die Meinung der bürgerlichen Studenten unterdrückt, schon weil es dort fast nur linke Professoren wie Jositsch, Killias und Gutzwiller hat. Antworten