Die eingezwängte Sihl

Der Vorschlag für ein kleines Wasserkraftwerk beim Sihlhölzli lanciert auch die Frage neu, ob der Zugang zur Sihl in diesem Gebiet nicht verbessert werden könnte.

Ein möglicher Standort für ein Kleinkraftwerk? Die Stufe beim Sihlhölzli zeigt, wo der SBB-Tunnel Wiedikon-Enge die Sihl unterquert.

Ein möglicher Standort für ein Kleinkraftwerk? Die Stufe beim Sihlhölzli zeigt, wo der SBB-Tunnel Wiedikon-Enge die Sihl unterquert. Bild: Sophie Stieger

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An mehreren Orten in Zürich wurde das Sihlufer in den letzten Jahren zum naturnahen Erholungsgebiet umgestaltet: In Sihlcity und an der Gessnerallee führen Sitzstufen direkt ans Wasser hinunter, zwischen Stauffacher- und Gessnerbrücke gibt es dem Flussufer entlang Spazierwege, und vor der Sihlpost ist ebenfalls ein grosszügiger Zugang zum Fluss vorgesehen.

Nichts dergleichen findet sich im Abschnitt Uto- bis Sihlhölzlibrücke. Dort fehlen unmittelbare Zugänge zum Wasser weitgehend. Die Sihl ist in einen Kanal gezwängt, die Ufer sind steil und befestigt, Geländer und Hecken versperren den Abstieg ans Ufer. Einzig ein paar Trampelpfade führen zu den Kiesbänken hinunter. Wäre nicht auch hier ein grosszügigerer Zugang zum Fluss möglich? Könnte so der Erholungswert des Sihlufers im Bereich Sihlhözli nicht gesteigert werden? Das Stadtzürcher Tiefbaudepartement hat in der Vergangenheit solche Pläne gewälzt. Gemäss dem «Leitbild Sihlraum», das der damalige Tiefbauvorsteher Martin Waser (SP) 2003 präsentierte, sollten Zürcherinnen und Zürcher den vielerorts unzugänglichen Sihlraum als Erholungsgebiet zurückerhalten. Das Leitbild schlägt einen erleichterten Zugang zum Wasser gerade auch an der Sihlpromenade im Abschnitt bis zur Utobrücke vor. Das Gebiet könnte zu einem «urbanen Landschaftsraum» werden, heisst es vielversprechend.

Steilwandufer und Platanen

Doch passiert ist seither wenig. «Die Möglichkeiten für Sitzstufen bis ans Ufer wie bei der Gessnerallee sind dort beschränkt», sagt Lukas Handschin, Sprecher von Grün Stadt Zürich. Das Flussbett auf der Höhe Sihlhölzli sei eng und gemauert, das Ufer steil. Eine Ausweitung des Flusses sei kaum möglich – wegen der engen Platzverhältnisse und der wertvollen Platanenreihe an der Sihlpromenade, die dadurch gefährdet würde. Zudem müsse die Hochwassergefahr berücksichtigt werden: «Jede Veränderung des Flussprofils bringt neue Risiken beim Hochwasser.» Sitzstufen wären allenfalls im Bereich der Stauffacherbrücke möglich.

Neu lanciert wird die Frage der Ufergestaltung nun aber durch das letzte Woche eingereichte FDP-Postulat für ein kleines Wasserkraftwerk samt Fischtreppe beim Sihlhölzli. Sollte dieser Vorstoss im Stadtparlament überwiesen werden, müsste auch die Frage der besseren Zugänglichkeit der Sihlufer neu beurteilt werden, sagt Handschin. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich will sich zu den Kraftwerksplänen noch nicht äussern. Zuerst müsse der Stadtrat zum Postulat Stellung nehmen. Für «keine schlechte Idee» hält dafür Roger Pfammatter, Direktor des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes, den Vorstoss. «Das könnte eine Chance sein – auch für eine Aufwertung des Ufers in diesem Gebiet.» Pfammatter erinnert an den Letten mit dem Stauwehr, der zum beliebten Freizeitort geworden sei. Bei Kleinkraftwerken sei die Ausbeute allerdings gering im Vergleich zu den Konflikten, die sie meist verursachen. Deshalb hält es Pfammatter generell für sinnvoller, bestehende grosse Kraftwerke auszubauen statt viele kleine zu bauen.

SBB-Tunnel im Weg?

Der grüne Gemeinderat und Ökologe Ueli Nagel aus dem Kreis 3 hält den FDP-Vorstoss ebenfalls für prüfenswert. Beim Kraftwerkbau gelte es allerdings auf eine bauliche Besonderheit Rücksicht zu nehmen: Der in den Zwanzigerjahren gebaute SBB-Tunnel Wiedikon-Enge unterquert den Fluss genau bei der Sihlhölzlibrücke. Die Aussenkante des Tunnels bildet im Fluss eine Stufe mit Wasserfall. Auch Nagel sieht in dem Vorstoss eine Chance, die Diskussion um die Aufwertung der Sihl beim Sihlhölzli neu zu lancieren. Bisher sei der Fluss dort «vergessen gegangen». Er werde zu wenig geschätzt, was sich auch darin zeige, dass er von der Sihlhochstrasse teils zugedeckt werde.

Kritik an Sihlhochstrasse

Auch für den Kanton ist die Sihlufergestaltung in Zürich wieder ein Thema.Priorität bei den Überlegungen hat zur Zeit der Hochwasserschutz, wie Matthias Oplatka sagt, Projektleiter im Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). In diesem Zusammenhang würden aber auch Möglichkeiten für eine verbesserte Zugänglichkeit und allgemeine Aufwertung der Sihl ausgelotet. Der Wunsch der Bevölkerung nach einer solchen Aufwertung sei da, die Sihl werde je länger, je mehr als attraktiver Erholungsort entdeckt, da gebe es noch Potenzial. Eine «schlimme Zäsur» nennt auch Oplatka die Sihlhochstrasse, den Deckel über dem Fluss. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2011, 20:38 Uhr

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