Zürich

Die fantasielosesten Gebäude der Stadt

Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 14.10.2011 44 Kommentare

Klobig, langweilig oder trostlos. Der Künstler und Hochschuldozent Aldo Mozzini zeigt, auf welche Gebäude man verzichten könnte.

1/16 Täuscht Grosszügigkeit vor: Eingangsbogen zur Siedlung an der Heinrichstrasse.
Jvo Cukas

   

Kommentiert den Einfluss von Räumen auf ihre Nutzer: Künstler und ZHdK-Dozent Aldo Mozzini. (Bild: Jvo Cukas)

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Aldo Mozzini steht vor dem Coop-Einkaufszentrum an der Sophie-Taeuber-Strasse in Oerlikon. Vor ihm türmt sich der Koloss aus dunkelgrauen Backsteinen auf. Jedes Fenster ist in weiss gehalten, ebenso die Gitter davor, welche die Bewohner vom Herunterfallen schützen sollen. «Dieses Gebäude ist einfach hässlich», meint er. Das Einzige, was einen hier auffordere hineinzugehen, sei das Coop-Signet beim Eingang. «Ich habe die Filiale lange Zeit gemieden, es fehlen die architektonischen Verführungsmomente, die einem Lust machen, hier einzukaufen.» Zu gross, zu klobig, zu abweisend sei der Bau. «Er sieht aus wie ein überdimensionierter Käfig.»

Nur ein paar Hundert Meter weiter steht das Schulhaus Im Birch. Ein betonierter Platz, das Grau wird nur von einigen roten Belägen gebrochen, die als Sportplatz dienen. Die Gebäude sind ebenfalls grau. Sicher drei Meter hohe Fenster halten sie transparent. «Es sieht trostlos aus», meint Mozzini, «aber auf hohem Niveau.» Alles sei vorbestimmt, nichts lasse sich wirklich mit einem Eigenleben füllen. «Es ist eine Art Überwachungsarchitektur, es fehlen die versteckten Ecken», erklärt Mozzini. Der Aussenraum zeige klar, dass man nichts machen dürfe, das jemanden stören könnte. Nirgends könne man sich zurückziehen. «Aber vielleicht ist genau das beabsichtigt.» Auch die hohen Räume und Fenster stellt er sich aus Sicht der Kinder beinahe bedrohlich vor. «Für Kinder sind dies halbe Hallen, sie verlieren sich darin.»

Hermetisch abgeriegelte Gebäude

Der 55-jährige Künstler und Dozent an der Hochschule für Künste setzt sich in seiner Arbeit seit Jahren mit der Wirkung von Räumen auf die Umwelt und die Menschen, die sich darin bewegen, auseinander. Besonders stellt er fest, dass in den letzten 15 Jahren immer mehr Gebäude entstehen, die sich nach aussen hermetisch abzuriegeln scheinen. Als Beispiel führt er zur Meierwiesenstrasse im Grünau-Quartier. Ein sandbraunes Gebäude mit aneinandergereihten, dunkelbraunen Fenstern. Ein Eingang ist kaum zu finden. «Der Bau ist einfallslos, beinahe gespenstisch», empfindet Mozzini. Nach aussen lasse das Gebäude kaum Leben zu, es gehe nur darum, sich abzugrenzen, niemanden anzuziehen, der stören könnte.

So oder so sieht Mozzini überall in der Stadt Architektur, die den Menschen gängelt und ihm kaum Platz für eine eigene Gestaltung lässt. An der Heinrichstrasse im Kreis 5 führen zwei riesige Bögen auf einen Innenhof. Rundherum ranken sich Wohnhäuser, die im Vergleich zu den Bögen fast klein erscheinen. Im Innenhof ist eine Wiese angelegt, sauber und ordentlich, umgeben von breiten, gepflasterten Fusswegen. «Der Innenhof enttäuscht», meint Mozzini. «Die riesigen Bögen sind anziehend, täuschen aber nur eine Grosszügigkeit vor, wie wir sie zum Beispiel von Paris her kennen.» Im Innenhof sei alles sehr konventionell, brav und unbelebt. «Man erwartet mehr als das, wenn man die Bögen sieht.» Nichts lade zum Verweilen ein. «Alles, was bleibt, ist ein Durchgangsweg.»

Plätze, die nicht pulsieren

Zurück in Oerlikon sieht er seine These am Max-Bill-Platz bestätigt. Der Platz ist menschenleer, umrandet von Strassen und zwei grossen Wohn- und Geschäftshäusern. Mozzini stellt fest: «Die neuen Plätze sind so gestaltet, dass sie nicht pulsieren.» Alles wirke vereinheitlicht und anonymisiert. Auch die Gebäude rundherum setzten keine Akzente. «So wird der Platz mehr zum Verkehrsweg als zum Aufenthaltsort.»

Mozzini verabschiedet sich und geht über die Strasse. «Ich werde noch kurz einkaufen», lächelt er verschmitzt und verschwindet im Coop-Koloss, den er lange Zeit gemieden hat.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.10.2011, 12:26 Uhr

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44 Kommentare

Christian Kohler

14.10.2011, 12:40 Uhr
Melden 45 Empfehlung

Hat vollkommen Recht der Mann! Die Architektur muss wieder innovativer und frecher werden. Diese 0815-Betonbunker und Plätze mit klangvollem Namen aber ohne Ambiente braucht niemand. Antworten


Erich Tanner

14.10.2011, 13:01 Uhr
Melden 28 Empfehlung

Der Mann hat recht. Aber für diese Feststellungen muss man nicht Dozent an der ZHdK sein. Apropos ZHdK: Wieviele seiner Schützlinge haben schon unnütze Bauten, Steinschleudern, Hafenkräne und ähnliche Sinnlosigkeiten beantragt oder gebaut ;-) Wie gesagt, recht hat er aber dieser kleine Seitenhieb sei erlaubt... Antworten



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