Die grosse Angst im Zürcher Partyleben
Von Von Dario Venutti (Text) und Nicola Pitaro (Bilder). Aktualisiert am 29.03.2010 24 Kommentare
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Um 2 Uhr in der Samstagnacht weiss Gianni Gozzi, dass die Party gut wird. Nicht ausgelassen, aber gut. Aus der Erfahrung Tausender Nächte kennt der Geschäftsführer des Club Q an der Förrlibuckstrasse die richtige Formel: laute Musik, internationale Star-DJs und vor allem ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Dann ist die Stimmung erotisch aufgeladen wie jetzt. Die Männer tragen T-Shirts von Dolce&Gabbana, die ihre Muskeln betonen. Die Frauen tanzen in kniehohen Stiefeln und in Leggins, darüber ein Minirock. «Fuck me now. Love me later», ist der Befehl für die Nacht, der auf einem riesigen Monitor neben der Tanzfläche steht.
Die Legende des Q
600 Leute sind am Samstag im Q. Das sind weniger als erwartet, aber genügend viele, um von einer Rückkehr zum Alltag zu sprechen. Noch am Freitag lag der Club mit nicht einmal 100 Besuchern in einer Schockstarre. Eine Woche zuvor war in der Nähe ein 17-Jähriger erstochen worden. Der Vorfall fügte sich ein in eine Zürcher Legende: Das Q sei einer der unsichersten Klubs in Zürich, weil viele Gäste aus dem Balkan stammen. Und: Freitag- und Samstagnacht stehe ein Krankenwagen vor dem Eingang. In Wirklichkeit musste das letzte Mal im Dezember die Sanität gerufen werden: Ein Gast hatte einem andern mit einem Kopfstoss einen Zahn ausgeschlagen. Dem vorangegangen war ein «Hahnenkampf um ein Girlie», wie Gozzi sagt.
Die Zahnarztgehilfin Sajma aus Bülach ist zusammen mit ihren fünf Begleitern, zwei Frauen und drei Männern, auf der Gästeliste des Q. Die 22-Jährige, deren Eltern aus Bosnien stammen und die sich deshalb selbstironisch «Balkanbraut» nennt, hat sich vom Tötungsdelikt nicht abhalten lassen. Die sechs tanzen, dann stehen sie wieder herum. Und trinken. Mit der Handykamera wird viel fotografiert. Wenn ein Partyfotograf auftaucht, wird die Stimmung besser denn je. Als ob das eigentliche Ereignis erst ein paar Tage später stattfindet: Wenn die Partygänger die Ausgangsportale Tilllate.ch und Usgang.ch anklicken, um nachzusehen, was sie am Wochenende erlebt haben.
Klicken durch die Angebote
Bis Sajma im Q landete, hatte sie rund ein Dutzend SMS verschickt und ebenso viele erhalten. Um 22 Uhr war sie am Hauptbahnhof angekommen, vorfreudig auf eine Party im Hive, einem Club an der Geroldstrasse, wo sie ebenfalls auf der Gästeliste stand. Aber dann fing der Stress an: Eine Kollegin fragte sie, ob sie mit ihr an den See komme. Dort wird «vorgeladen», wie es Christian Fischer nennt, der Leiter von Sicherheit Intervention Prävention (SIP): Die Partygänger trinken Alkohol, den sie günstig im Supermarkt gekauft haben, gemischt mit Redbull oder Cola. Fast gleichzeitig erhielt Sajma ein Handybild aus einer Bar unter der Hardbrücke, wo die Drinks billiger sind als in den Clubs. So ging es weiter, auf der ganzen Fahrt im Tram bis zum Escher-Wyss-Platz.
«Die Leute verhalten sich im Ausgang wie im Internet», sagt René Götz, Mitinhaber des Q. Sie klicken sich durch die Fülle der Angebote und können sich schlecht entscheiden.
Das prägt die Atmosphäre: Der Ausgang ist schnell, flüchtig, knisternd. Gegen drei Uhr am Morgen tanzt im Q noch ein Drittel der Gäste, die vor vier Stunden gekommen waren. Dafür sind andere da. «Sie nomadisieren von Club zu Club und von Bar zu Bar. Alle in der Angst, etwas zu verpassen», sagt Götz.
Die Stunde der Idioten
Und die Angst vor Gewalt? Polizei und SIP sagen, dass in den Clubs selten etwas passiert. Im Q sind die Gäste videoüberwacht. Und die Betreiber lassen sich die 8 bis 15 Sicherheitsangestellten pro Nacht gegen 5000 Franken kosten.
Falls es zu Problemen kommt, dann ausserhalb der Lokale: Gegen Morgen, wenn die Partygänger zu den Bahnhöfen laufen. «Männer, die wieder keine Frau gefunden haben, lassen ihre Frustrationen raus», sagt Christian Fischer von SIP: Sie stossen Mülltonnen um, pöbeln Passanten an, schreien herum. Manchmal löst eine verweigerte Zigarette einen Tumult aus. Oder ein grimmiger Blick. Juristen nennen diese spätnächtliche Gewalt «die Stunde der Idioten». SIP muss an jedem Wochenende eingreifen. Angesichts der Anzahl Menschen, die sich im Zürcher Nachtleben bewegen, ist das für Fischer aber nichts Beunruhigendes. Laut Schätzungen sind 60 000 Leute im Alter zwischen 15 und 25 am Wochenende in Zürich unterwegs. «Der Ausgang ist in der Regel sicher», sagt Fischer.
Davon konnte sich auch Regierungsrat Hans Hollenstein (CVP) überzeugen: Auf Einladung der jungen FDP spazierte er am Freitag um Mitternacht durch das Escher-Wyss-Quartier: Er unterhielt sich mit Jugendlichen, trank in einer Bar Kaffee und hörte zweimal in der Ferne eine Polizeisirene. Bevor er nach Hause ging, drückten ihm die Jungliberalen ein Papier in die Hand: Sie fordern ein Notfalltelefon für Gewaltopfer und eine Taskforce Strassenjugendgewalt.
Sajma und ihre fünf Begleiter sind nicht bis zum Ende im Q geblieben. Gegen drei Uhr erhielt sie eine SMS: Im Longstreet gehe die Post ab. Sie müssten unbedingt kommen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.03.2010, 10:03 Uhr
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24 Kommentare
Polizeistunde braucht es nicht. Man muss nur die Nachtzüge und -busse abschaffen. Kann ja nicht sein, dass jedes Wochenende 50 bis 100 Tausend Agglo-Kids mit der Bierbüchse in der Hand in die Stadt geschaufelt werden - mit Tickets, welche vom Zürcher Steuerzahler subventioniert sind. Ohne Nachtzüge hätten wir ganz schnell weniger Gewalt und weniger Müll in der Stadt. Antworten






