Zürich

Die grosse Ruhe nach dem Stromausfall

Von Ruedi Baumann, Doris Fanconi. Aktualisiert am 27.01.2012 11 Kommentare

Ein Stromausfall legte gestern in Zürich das halbe Tramnetz, die Zeitungen NZZ und Blick, Hunderte von Geschäften und 10'000 Haushalte lahm. Grund war ein Kabelbrand am Hirschengraben.

Stillstand im Seefeld: Dieses 4er-Tram musste von der Feuerwehr abgeschleppt werden.

Stillstand im Seefeld: Dieses 4er-Tram musste von der Feuerwehr abgeschleppt werden.
Bild: Doris Fanconi

Chirurg kam ins Schwitzen

Als der Strom ausfiel, waren im Zürcher Kinderspital alle Operationssäle in Betrieb. Eine Operation war fast beendet, drei hatten gerade begonnen. Sie wurden gestoppt – ­sicherheitshalber, wie Sprecher Urs Rüegg sagt. Die Notstromversorgung des Spitals hat sofort eingesetzt, alle lebenswichtigen Geräte liefen weiter.
Kinderherzchirurg René Prêtre, der mitten in einer langen Operation war, konnte seine Arbeit fortsetzen. Nur dass er dabei ins Schwitzen kam, weil es bald heiss wurde im Saal: Für die Kühlung reichte der Notstrom nicht. Die drei Dieselgeneratoren des Kispi versorgten primär die Intensivstationen, die Operationssäle und die Abteilung mit den Knochenmarktransplantierten, danach die Bettenhäuser. Dunkel blieben die Büros und die Küche. Das Mittagessen war schon fertig gekocht. Am Abend gab es aber nur kaltes Essen. (an)

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Stromausfall legt Zürich lahm

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Geschäfte und Restaurants müssen schliessen - oder greifen auf kreative Lösungen zurück.

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11.06 Uhr, Quaibrücke, Tram Nummer 2: Alle Verkehrsampeln werden dunkel, die Tramführerin holpert mit dem letzten Schwung zum Bellevue. Die Türen öffnet sie mit der Notbatterie. Ihr Kollege im 4er-Tram bleibt im Seefeld mitten auf einer Kreuzung stehen. In der NZZ und bei Ringier gehen die Lichter aus, alle Computer stehen still, Artikel verschwinden auf Nimmerwiedersehen, Radio 1 verstummt. «Blick am Abend» kann nicht erscheinen.

Das Ausmass des Stromausfalls – und vor allem die Dauer von 2 Stunden und 40 Minuten – werden erst allmählich klar. Dunkle Gänge, blockierte Lifte und Rolltreppen, kalte Herdplatten, klemmende Ladenkassen und stehende Trams am Limmatquai, im Seefeld, in Hottingen, Fluntern und im Zoogebiet. Die Liftfirma Schindler muss 100 Mal ausrücken. Das einzige, was in den drei Stadtkreisen noch funktioniert, sind Autos und Handys.

Das Gerücht vom Sonnensturm

Zuerst schimpfen gestrandete Trampassagiere. Dann machen sie Dritte-Welt- und Atomausstieg-Witze, allmählich verbreiten sich Galgenhumor und gute Laune im Seefeld. Leute strömen aus den Büros und Läden auf die Strasse, man informiert sich über Online-Portale und Gespräche mit Polizisten sowie den gelben Kundenlenkern der Verkehrsbetriebe VBZ. Erstes Gerücht, das sich hartnäckig hält und sogar über den VBZ-Funk verbreitet wird: Ein Sonnensturm ist aufs Magnetfeld der Erde getroffen und hat den Stromausfall verursacht.

Erst nach 12 Uhr löst der Kabelbrand den Sonnensturm als Ursache ab. Rund 25 VBZ-Diesel-Busse werden aufgeboten, pilotiert von Chauffeuren aus dem Büro. Ausser den Tramlinien 7, 13 und 17 sind alle unterbrochen. Die Sorge der Tausenden von Menschen auf den Strassen gilt nun dem Essen. Im berühmten Sternen Grill am Bellevue ist Pächter Peter Rosenberger leicht zerknirscht. Ohne Strom kein Grill, eine Truppe von Bauarbeitern ist froh um die wenigstens lauwarmen Schnitzelbrote. Vis à vis dagegen macht Arnold Perini mit seinen heissen Maroni das Geschäft des Lebens.

Nach dem Milchbüchleinsystem

Auch die Pizzeria Santa Lucia am Bellevue ist rappelvoll – dank Holzofen und Salatbuffet. Ein anderer Hotspot ist der Bahnhof Stadelhofen. Erstens weil die SBB noch fährt und viele Trampassagiere auf den Zug umsteigen. Vor allem aber wegen des Brezelkönigs. Eine grosse Traube aus Kantischülern drängt sich um den Sandwichstand. Leidtragender ist der MacDonald’s auf der anderen Seite des Platzes. Die Filiale hat geschlossen. Ohne Strom keine Burger und Fritten.

In einer komfortableren Lage ist der Globus am Bellevue. «Ein kurzes Flackern, dann startete die Notstromversorgung», erzählt Geschäftsführer Peter Koller. Um 12.30 Uhr heisst es aber auch im Globus Lichterlöschen. Laden und Restaurant werden evakuiert, «so wie wir das jedes Jahr üben», sagt Koller. Die Kunden reagieren ruhig und verständnisvoll – bis auf einen in der Delikatessa. «Ich hatte das Sandwich schon in der Hand und musste es wieder in die Vitrine zurücklegen, weil die Kasse nicht mehr funktionierte.»

Die friedlichste Stimmung herrscht in der Bellevueapotheke. Dutzende von orangen Kerzen sorgen für Licht und Wärme. Apotheker Roman Schmid steht mit einem telefonbuchgrossen Rezeptkatalog hinter der Theke und schaut jeden Preis nach. Die Buchhaltung funktioniert drei Stunden lang nach dem Milchbüchleinsystem. Als Entschuldigung für die Kälte im Laden erhalten die Kunden Pelargonium-Pastillen.

Rauch verhinderte Fehlersuche

Romantisch ist es auch in der Bijouterie von Mario Galli: Eine edle Kerze leuchtet, zwei Japaner kaufen Schmuck. Sie erhalten eine handgeschriebene Quittung, die gedruckte schickt ihnen Galli nach. Wenigstens funktioniert das Kreditkartenlesegerät. Tote Hose dagegen herrscht bei der UBS, vor dem Eingang stehen Sicherheitskräfte. Noch ruhiger ist es bloss im Parkhaus Hohe Promenade. Alle 50 Meter schimmert ein winziges Laternchen, sonst ist es dunkel wie in einer Kuh. Wer sein Auto gefunden hat, muss immerhin nichts bezahlen – die Barriere ist offen.

Unter widrigen Umständen arbeiten Feuerwehr und Spezialisten der Elektrizitätswerke (EWZ). Aus dem Unterwerk Sempersteig zwischen Uni und Hirschengraben dringt beissender Rauch. Sie dringen mit Atemschutzgeräten und Wärmebildkamera in das dritte Untergeschoss vor. Eins von 25 Hochspannungskabeln ist durchgebrannt. Um grösseren Schaden zu verhindern, muss das ganze Unterwerk stillgelegt werden. Dank Umschaltungen wird die Stadt zwischen 13.41 und 13.47 Uhr wieder mit Strom versorgt. Gemäss EWZ-Sprecher Harry Graf kommt es mindestens jedes Jahr einmal zu einem grösseren Kabelbrand und dem Ausfall eines Unterwerks. Speziell war diesmal, dass wegen des Rauchs die Fehlersuche relativ lange dauerte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2012, 21:50 Uhr

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11 Kommentare

Michael Kistler

27.01.2012, 09:48 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Ah war das schön! So schön entschleunigend. Menschen werden wieder zu Menschen. Wunderbar auch die gelassene Reaktion der Zürcher. Jeden Tag es Stündli ohne Energie für alle, und die Menschheit käme sich wieder ein bisschen näher. Antworten


maja naef

27.01.2012, 07:54 Uhr
Melden 9 Empfehlung

Schon merkwürdig nur wenn etwas Ungewöhnliches geschieht merken die Leute, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und sind erst noch entspannter und friedlicher. Antworten



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