«Die meisten Plakate sind handwerklich schlecht gemacht»
Von Benno Gasser. Aktualisiert am 01.03.2010 6 Kommentare
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Die Stadtratskandidaten investieren Zehntausende von Franken in ihren Wahlkampf. Praktisch alle Politiker versuchen, mit Plakaten Stimmen zu holen. Werberin Regula Fecker hat sich acht Plakate angeschaut und stellt ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus. «Ich finde fast jedes Plakat konventionell gedacht und handwerklich schlecht gemacht.» Der Wahlslogan werde zu wenig gut und Politik als nichts Attraktives vermittelt. Ausserdem sei es unverständlich, dass die Kandidaten sowohl einzeln als auch zu zweit oder zu dritt mit ihren Parteikollegen auftreten. Dies verwirre die Betrachter. «Zwei Kampagnen zu fahren, ist nicht logisch.» Fecker plädiert dafür, mit geballter Kraft eine Botschaft zu vermitteln.
Besser TV-Spots schalten
Die Werberin des Jahres glaubt nicht, dass das Plakat das richtige Mittel ist, um die Stimmen der Wähler zu holen. Mit einem Plakat lässt sich laut Fecker zu wenig gut vermitteln, wofür eine Person einsteht und wofür sie kämpft. «Nur mit einem Foto, der Parteizugehörigkeit und einer Internetadresse gewinnt man keine Stimmen.» Man wähle schliesslich kein Gesicht, sondern einen Menschen. Deshalb sollten die Kandidaten Anzeigen in Interviewform oder TV- und Radiospots schalten. Mit solchen Methoden könne man besser die Meinung der Kandidaten erfahren. Ein paar gute Seiten kann die Werbefachfrau dem Plakat trotzdem abgewinnen. Man könne damit schnell bekannt werden. Weil aber alle Kandidaten gleichzeitig auf Plakatwänden werben würden, sei es schwierig aufzufallen.
Susi Gut (PFZ)
«Das Plakat von Frau Gut ist sehr auffällig gestaltet, hat aber keinen Inhalt. Gut sagt nicht, wofür sie steht, und ihre Partei ist praktisch unbekannt. Dafür ist der Name der Politikerin sehr prominent platziert. Mir fällt auf, dass die Gestaltung sehr trashig ist, was bestimmt zur Person passt. Hinter dieser etwas billigen und einfachen Machart steckt bestimmt Kalkül. Gut will dadurch vermutlich Volksnähe zeigen, mich erinnert das Ganze an eine Migros-Aktion. Bei ihrer Anhängerschaft kommt dieser Auftritt vermutlich gut an.»
Claudia Nielsen (SP)
«Der Ansatz ist gut gewählt. Nielsen stellt die Sache und nicht sich in den Vordergrund. Ihr Name ist deutlich kleiner als bei der Konkurrenz – bei Susi Gut etwa ist der Name das Grösste auf dem Plakat. Ich finde es interessanter, sich über den Inhalt zu positionieren. Aber die langen, etwas sperrigen Wörter des Slogans kann man als vorbeirauschender Autofahrer nicht verstehen. Die Headline ist komplex. Wenn man sich allerdings etwas Zeit nimmt, versteht man die Botschaft. Das Layout verkörpert eine moderne Schweiz, wirkt stolz und innovativ. Nielsen kommt auf diesem Foto als Charakterkopf rüber. Das Bild wirkt nicht retouchiert sondern authentisch.»
Richard Rabelbauer (EVP)
«Das Plakat finde ich recht gut gemacht. Von der Fotografie und der Gestaltung her ist es am interessantesten. Rabelbauer hat auch einen sehr eigenwilligen Hintergrund gewählt. Wegen des Slogans «Für Zürich. Für Familien. Für Senioren» fällt das Plakat aber in zwei Teile: oben das Moderne und unten das Altbackene. Ich bin mir nicht sicher, ob er mit dieser Modernität seine Wählerschaft nicht vor den Kopf stösst. Das Plakat ist für seine Stammwähler vermutlich zu künstlerisch gestaltet. Das Bild vermag den Inhalt seiner Botschaft nicht ansatzweise zu vermitteln.»
Ruth Genner, Daniel Leupi (Grüne)
«Mir gefällt, dass die beiden als Team auftreten. Frau Genner ist sicher die bekanntere Person, das hilft auch Leupi. Farblich ist es auffällig. Mir hat es zu viele dominierende Farben, was verwirrt. Das Auge des Betrachters sollte sofort auf einen Punkt gelenkt werden. Ein Plakat mit einer positiven Ausstrahlung, dem allerdings der Inhalt fehlt. Der Slogan «Wo wir Politik machen, lebt Zürich» korrespondiert nicht wirklich mit der Steinwand, vor der Leupi und Genner stehen. Ein intimes Arrangement von zwei Personen. Entweder verstehen sie sich sehr gut, oder er kann sich stark zurücknehmen und sie wirken lassen. Eines der sympathischeren Plakate.»
Karl Zweifel, Mauro Tuena (SVP)
«Dieses Plakat ist sehr konsequent gestaltet, wie man es von den SVP-Plakaten kennt. Die beiden Herren wirken wie regelrechte Charmebolzen. Die Botschaft ist klein gehalten, weil sich die SVP während des ganzen Jahres viel Gehör verschafft, müssen die Politiker hier nicht mehr vermitteln, wofür sie stehen. Zweifels gut lesbarer akademischer Titel nimmt die SVP als Chance wahr, sich mit einem Doktor in ihren Reihen zu profilieren.»
Walter Angst (AL)
«Eine grafisch interessante Gestaltung. Das Plakat hat einen kämpferischen Touch, es ist eine eigentliche Kampfansage. Der Betrachter weiss allerdings nicht, wofür Angst steht. Er getraut sich offenbar nicht, etwas zu sagen. Die Bezeichnung «Angsthasen» ist ein direkter Vorwurf an seine Konkurrenz. Für den Politiker ist dieses Plakat sicher eine gute Methode, um bekannter zu werden. In den Stadtkreisen 3, 4 und 5 kommt er vielleicht damit an.»
Andres Türler (FDP)
«Türler rückt von allen Kandidaten seine Webadresse am auffälligsten ins Bild. Ich finde es sehr aufgeräumt und besser gestaltet als die FDP-Plakate, die wir vor ein paar Jahren gesehen haben. Trotzdem finde ich es nicht sehr schön. Für einen politisch weniger interessierten Menschen ist Türlers Botschaft unverständlich. Die Politiker gehen immer davon aus, dass alle Leute Bescheid wissen, was sie bisher geleistet haben. Damit spricht Türler nur bestehende, aber keine neuen Wähler an. Die FDP vertraut auf Türlers Bekanntheit, sein Name nimmt denn auch entsprechend viel Raum ein.»
Gerold Lauber (CVP)
«Die Gestalter wollen wahrscheinlich mit der Zwiebel und der Chilischote eine Skala aufzeigen und Gerold Lauber in diesen Kontext stellen. Das Problem ist allerdings, dass eine Chilischote und eine Zwiebel keine Achse ergeben. Eine Aufstellung zwischen Mild und Scharf könnte man sich noch vorstellen. Auf mich wirkt das Plakat ziemlich dadaistisch. Es ist sicher eines der auffälligsten Plakate in diesem Wahlkampf. Das zeigt, dass man auch mit wenig Aufwand auffallen kann. Ohne das Gemüse würde das Plakat zwar stimmiger, aber auch weniger ins Auge springen. Den Slogan «Extrem in der Mitte» verstehe ich so, dass er kein Wischiwaschi-Typ ist und bei einem Thema auch eine eigenständige Meinung vertreten kann.»
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.03.2010, 04:00 Uhr
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6 Kommentare
Hat schon jemals ein Werber eine Kampagne eines Konkurrenten positiv beurteilt? Ich auf jeden Fall kann mich nicht daran erinnern. Jedes Plakat und jede Aktion wird jeweils durch die Kollegen Werber kritisch abgetan. Will sich die Werberin des Jahren auf diese Weise profilieren? Für den gemeinen Leser wäre interessanter zu sehen, wie denn ein perfektes Plakat konkret auszusehen hat. Antworten






