Zürich

Die offene Prostituierten-Szene am Zürcher Sihlquai

Von Stefan Hohler. Aktualisiert am 30.08.2010 31 Kommentare

Im Kreis 5 hat sich das Sex-Gewerbe eingenistet – mit üblen Folgen für das Quartier. Der TA hat das gehetzte Kommen und Gehen eine Nacht lang mitverfolgt.

Eindeutige Gesten: Am Strassenstrich Sihlquai schaffen Nacht für Nacht rund 60 Frauen an, vor allem Ungarinnen.

Eindeutige Gesten: Am Strassenstrich Sihlquai schaffen Nacht für Nacht rund 60 Frauen an, vor allem Ungarinnen.
Bild: Helmut Wachter

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Strassenstrich am Zürcher Sihlquai

Strassenstrich am Zürcher Sihlquai
Die Prostituierten am Zürcher Sihlquai arbeiten unter übelsten Bedingungen.

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«Hi Schatzi, blasen, ficken?» Die ungarischen Frauen am Sihlquai reden nicht um den Brei herum. Sie sind aufdringlich und kommen sofort zur Sache. Jeder Fussgänger, der vorbeigeht, und jeder Autofahrer, der anhält, wird mit diesem Standardsatz begrüsst. Damit erschöpft sich bei den meisten der deutsche Wortschatz. Die Frauen sind jung, die meisten kaum viel älter als zwanzig Jahre. Sie zeigen viel Haut, posieren am Strassenrand, heben den Minirock oder lassen die Hosen runter und zeigen ihren Tanga. Andere machen den Busen frei und machen mit eindeutig-zweideutigen Handzeichen auf ihre Dienstleistungen aufmerksam.

Zentrum des Strassenstrichs ist der Bogen der Kornhausbrücke über dem Sihlquai. Auf jeder Strassenseite steht je ein halbes Dutzend junger Mädchen. Sie winken den Autofahrern zu. Hält einer an, wird sofort der Tarif durchgegeben: «Blasen 50, ficken 80, komplett 100», sagen sie mit stark ungarisch gefärbtem Akzent. Viele Autolenker haben Nummerschildern aus den Nachbarkantonen. Werden die Frauen mit den Freiern handelseinig, steigen sie ein. Die Fahrer suchen sich einen Platz in der Umgebung oder in einem nahen Parkhaus. Fussgänger werden im Gebüsch bedient. Viele Freier sind Ausländer oder junge Männer, manche keine 20 Jahre alt.

Eine sehr schnelle Nummer

Soeben hat ein Freier eine blonde Prostituierte mit ultrakurzem Rock, hohen Stiefeln und knapper Bluse angesprochen. Sie gehen gemeinsam über den Lettensteg zur Uferböschung beim EWZ-Unterwerk. Beide verschwinden in den Sträuchern. Wenige Minuten später kommt der Mann wieder hervor. Kurz darauf die Frau, die das Geld in ihre Handtasche steckt. Dann geht sie wieder an das Sihlquai und wartet auf den nächsten Kunden. «Zu viele Frauen hier», sagt Brenda aus Bulgarien. Sie geht nach eigenen Angaben seit knapp einem Jahr auf dem Strich. Die Konkurrenz drücke auf den Verdienst. Mindestens 60 Frauen prostituieren sich allnächtlich am Sihlquai; so viele suchen jedenfalls den Frauenberatungsbus Flora Dora regelmässig auf. Der Bus steht seit Juli beim Dammweg.

Vorher stand er bei der Kornhausbrücke, die Verkürzung des Strassenstrichs machte eine Verschiebung nötig. Der Strich erstreckt sich neu von der Kornhausbrücke flussabwärts bis zum Dammweg. Früher standen die Frauen bis Höhe Museum für Gestaltung an. Die Strecke wurde Anfang Jahr gekürzt, da sich die Berufsschulen über Lärm und Abfall beschwert hatten. Vor dem Flora-Dora-Bus wacht ein Sicherheitsbeamter, weil die Mitarbeiterinnen immer wieder von ungarischen Zuhältern bedroht wurden. Denn fast alle Prostituierten stammen aus Ungarn, viele sind Roma. Diese Frauen dominieren den Strassenstrich vollständig. Kaum eine drogensüchtige oder randständige Schweizerin ist anzutreffen. Der Flora-Dora-Bus muss sogar einmal pro Woche einen «ungarinnenfreien» Tag machen, damit sich die schweizerischen Prostituierten dort treffen können.

«Es hat sich gelohnt»

Für einen Thurgauer, der regelmässig ans Sihlquai kommt, ist klar: «Ohne mit den Frauen sprechen zu können, das ist doch, wie ein Brett zu vögeln oder es mit einer Gummisusi zu treiben.» Deshalb sucht er die wenigen nicht ungarischen Prostituierten in ihren Wohnmobilen auf. Diese sind vis-à-vis dem Frauenbus abgestellt. Eine dieser Frau heisst Samantha. Die 25-jährige Deutsche ist seit fünf Jahren im Geschäft. Sie fürchtet die ungarische Konkurrenz nicht. «Ich biete einen anderen Service, für mich ist der Kunde nicht nur ein Geldschein.» Ihre Freier seien vor allem Schweizer, die mehr als nur über «ficki, ficki» reden möchten. Soeben verlässt ein knapp 18-jähriger Mann Samanthas «Lovemobile», wie sie es lachend nennt. Sein Kollege hat davor gewartet. «Wie wars?» Der junge Mann grinst: «Super, 80 Franken hats gekostet, aber es hat sich gelohnt.»

Gegen Mitternacht wird der Autokonvoi auf dem Sihlquai dichter, die Hektik grösser. Die jungen Männer rufen aus den fahrenden Autos den Frauen zu, machen anzügliche Bemerkungen und drücken aufs Gas oder drehen die Musik lauter. Ein Kommen und Gehen, immer wieder neue Gesichter tauchen auf. Die Frauen versammeln sich in Gruppen, an den Bäumen stehen Plastiksäcke mit den persönlichen Utensilien und einem Regenschirm.

Zuhältern aus dem Weg gehen

Neben einem parkierten Auto steht ein Mann und schaut mit ernster Miene dem Treiben zu. Vom Typ her könnte er ein Zuhälter sein: klein und bullig, so wie drei der vier Angeklagten beim Menschenhändler-Prozess vor Bezirksgericht letzte Woche. Die Zuhälter, so ein Sicherheitsbeamter, der jeden Abend nahe der Kornhausbrücke arbeitet, halten sich im Hintergrund. Sie seien aber sofort vor Ort, wenn die Frauen sie anrufen. «Denen geht man besser aus dem Weg.»

Am meisten boomt das Geschäft zwischen 22 Uhr abends und 2 Uhr morgens. Danach flacht es ab. Gegen 5 Uhr in der Früh holen die Zuhälter ihre zwei, drei Frauen mit dem Auto ab und fahren sie in die Absteigen. Sie wohnen in einschlägigen Appartements oder Billighotels im Langstrassenquartier. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2010, 23:38 Uhr

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31 Kommentare

lucas keller

30.08.2010, 21:37 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Was SP und Grüne hier leisten, ist einfach nur noch SCHLIMM. Dieser Stadtrat enttäuscht auf der ganzen Linie und macht 20 Jahre Langstrasse-Projekte in weniger als 100 Tagen kaputt!!! Leupi, Nielsen und Mauch: Bitte abtreten. Antworten


Adriano Granello

30.08.2010, 22:00 Uhr
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Der Alltag - auch in Zürich - ist ach so wenig spektakulär und als Themenlieferant für die Schnelllese-Presse untauglich. Was also tun, damit die Konsumenten von Morgen- und Mittag- und Abendblättern ihr Unterhaltungs- und Diskussionsfutter haben? Lösung: Eine Randgruppe nehmen, von Einzelnen auf die Masse schliessen, alles hochstilisieren, und vor allem tagtäglich dramatisch darüber berichten! Antworten



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