«Die russischen Frauen wollen immer, dass Schweizer den Bösewicht spielen»
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 09.01.2012 8 Kommentare
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Daniel Schärer ist ein Energiebündel. Wenn der Kirchenälteste der russisch-orthodoxen Auferstehungskirche in Zürich spricht, so tut er dies schnell und mit viel Leidenschaft. Oft bricht er Sätze in der Hälfte ab, nur um einem weiteren Gedanken zu folgen und diesen zum Ausdruck zu bringen. «Vielleicht schaff ich es deshalb nie in den Himmel», meint er lachend, «ich kann meine Leidenschaft nicht im Zaum halten.»
Schärer konvertierte im Alter von 20 Jahren von der reformierten zur russisch-orthodoxen Kirche. «Ich war auf der Suche und merkte, dass mir der Ritus der Orthodoxen Kirche die Erfahrung Gottes ermöglicht.» Dabei ist Schärer trotz seines tiefen Glaubens nicht fundamentalistisch. In gesellschaftlichen Fragen weicht er persönlich durchaus von der strengen Haltung seiner Kirche ab. Aber: «Ich bin nicht die Kirche, wie auch niemand sonst. Ich bin auch kein Oberhaupt. Mass ist bei den Orthodoxen das, was alle, zu allen Zeiten, an allen Orten bekannt haben und bekennen.» Ausserdem werde in der orthodoxen Kirche die strenge Haltung im konkreten Fall wenn nötig durch die pastorale Sorge gemildert. «Die Gnade Gottes ist grösser als das Gesetz.»
Zwei Wochen lang durchtrinken
Heute ist der Lehrer mit einer russischen Frau verheiratet und hat zwei Söhne im Vorschulalter. Und der 42-jährige folgt dem Kalender der russisch-orthodoxen Kirche, auch wenn es um Weihnachten geht. «Grundsätzlich wäre das russische Weihnachten am 7. Januar, das Neujahr in der Nacht auf den 14. Januar und am 19. Januar würden die Feiertage mit der Theophanie, dem Äquivalent zum Dreikönigstag enden», erklärt Schärer. Dies weil sich die orthodoxe Kirche nach dem Julianischen Kalender richtet, statt, wie es sich sonst durchgesetzt hat, nach dem gregorianischen.
Während des sowjetischen Kommunismus wurde dies aber auf den Kopf gestellt, wie Schärer erklärt: «Sämtliche Bräuche zu Weihnachten und Neujahr wurden einfach auf den ersten Januar geschoben.» Deshalb sei es unter Russen mittlerweile Tradition, sich dann zu beschenken und zu feiern. «In Russland beginnen dann die Ferien, die bis über die orthodoxen Feiertage reichen. Da wird schon oft auch recht getrunken», meint er lachend.
Fastenzeit und Geschenke passen nicht zusammen
Ihn als strenger praktizierenden Orthodoxen stellt dies aber vor eine Herausforderung. Eigentlich liegt der 1. Januar nämlich mitten in einer 40-tägigen Fastenzeit, die erst mit der orthodoxen Weihnacht am 7. Januar endet. Diese verlangt, dass am Montag, Mittwoch und Freitag nur vegan gegessen wird, auch auf Öl und Wein soll verzichtet werden. «Das mit dem Wein nehmen viele allzu wörtlich und weichen auf anderen Alkohol aus. Ich denke aber, das ist nicht der Sinn.»
Und so gab es manche Diskussionen mit seiner russischen Frau, die partout nicht auf die Bescherung am ersten Januar verzichten wollte. «Aber mitten in der Fastenzeit Geschenke zu verteilen, passt doch nicht», meint Schärer. Geeinigt hat man sich auf einen Kompromiss. Vom ersten bis zum siebten Januar gibt es für die Kinder einen Adventskalender mit kleinen Geschenken. Auch Champagner gehört in der Nacht aufs neue Jahr natürlich dazu.
Mitfeiern, wenn der Gottesdienst vorbei ist
Sonst aber versucht er sich an die Fastenzeit zu halten. Sie ist ihm wichtig als Zeit der Auseinandersetzung mit sich selbst, den Dingen, die es an sich selbst noch zu wandeln gibt. Denn das Fasten fällt ihm schwer und bringt immer wieder die gleiche Frage auf: «Wenn es mir schon so schwerfällt, auf eine Creme-Schnitte zu verzichten, wie schwer fällt es mir dann, auf die wichtigen Dinge zu verzichten und den richtigen Weg zu Gott einzuschlagen?»
Am siebten Januar schliesslich darf auch Schärer richtig mitfeiern. Aber erst, wenn der Mitternachtsgottesdienst vorbei ist, der die heilige Zeit einläutet. Und der hat es in sich: «Dieser dauert rund drei bis vier Stunden und hat einen festgelegten Ablauf.» Gesänge, Düfte, Bewegung – der ganze Mensch soll vom Gottesdienst erfasst werden. Und hinsetzen kann man sich während der ganzen Zeit nicht, denn Bänke gibt es in der Kirche keine. Gebet sei eben Arbeit.
Enkelin statt Schmutzli
Für Schärer ist dies aber genau der Punkt: «Im Westen geht es immer um das Individuum. Der lange und immer gleiche Gottesdienst hilft mir, mich von mir zu lösen. Dann wird Gottes Reich spürbar.» Man könne dies durchaus mit den Tänzen bis zur Trance bei Naturvölkern vergleichen. Auch der viele Weihrauch unterstützt dies wohl: «Am Anfang war ich manchmal schon etwas besäuselt.» Nach dem Gottesdienst werde mit der ganzen Gemeinde gefeiert. Neben Russen und Konvertiten seien auch viele Griechen, Serben, Weissrussen, Bulgaren oder Ukrainer dabei.
In den Wochen danach finden einerseits Feste in den Familien statt, für die Kinder gibt es aber eine weitere, wichtige Tradition: Das Yolka, übersetzt das Christbaumfest. Dort tritt das Äquivalent zum Samichlaus in Szene, der Ded Moroz (Onkel Frost). Anders als in unseren Breitengraden wird er nicht vom Schmutzli begleitet, sondern von seiner Enkelin, der Snegurochka (Schneeflöckchen). Auch er bringt Nüsse und Mandarinen, aber die müssen erst erkämpft werden.
Türe steht offen
«Wir spielen immer eine Art Theater, in dem Bösewichte versuchen dem Ded Moroz die Geschenke zu klauen.» Die Kinder unterstützen ihn mit vollem Einsatz dabei, diese zurückzubekommen. Und die Rolle der Bösewichte bleibt stets an den gleichen hängen: «Die russischen Frauen scheinen immer zu wollen, dass diese von Schweizern gespielt werden», meint Schärer lachend.
In seiner Familie selbst wird natürlich auch gefeiert, ganz wie wir dies auch kennen. Seine Schweizer Familie hat im Januar nochmals ein schönes Fest und befreundete Orthodoxe sind ebenfalls eingeladen. «Unsere Tür steht einfach offen.» Eines darf für seine Frau auf dem Tisch niemals fehlen: ein russischer Salat. Auf Vodka und Kaviar kann seine Familie aber verzichten. «Wir mögen beide lieber Wein.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.01.2012, 07:42 Uhr
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8 Kommentare
Danke für diesen informativen Bericht. Ich schätze sehr, von Bräuchen anderer Gemeinschaften und Kulturen, die hier leben, zu erfahren. Das schafft Verständnis; hilft Vor-Urteile abzubauen; fördert Akzeptanz der Andersartigkeit. Auch über jüdische Traditionen würde ich gerne lesen bei Gelegenheit. Antworten

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