Die zehn neuen Velowege

Ein Velo-Netz von 150 Kilometer Länge: Die Stadt macht Ernst mit der Veloförderung. Nun beginnt das Hickhack um Parkplätze, Baumreihen und Trottoirs.

150 Kilomenter Velowege: Dies verspricht die Veloförderung der Stadt Zürich. Die Grafik zeigt die zehn wichtigsten Neuerungen.

150 Kilomenter Velowege: Dies verspricht die Veloförderung der Stadt Zürich. Die Grafik zeigt die zehn wichtigsten Neuerungen. Bild: TA-Grafik

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Gleich drei Stadträte sind angetreten, und sie gaben sich selbstkritisch: «Die Velowege der Stadt sind heute ein Flickwerk», sagte Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne). Sie seien unsicher und lückenhaft, Velostreifen hörten plötzlich auf oder fehlten ganz. Da überrasche es kaum, dass viele Zürcher sich nicht mit dem Velo in den Stadtverkehr trauten. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) und Tiefbauvorsteherin Ruth Genner (Grüne) gingen in dieselbe Richtung. Zürich falle im Vergleich zu deutschen, holländischen und dänischen Städten ab. Zwar hätten zwei Drittel der Zürcherinnen und Zürcher ein Velo, aber nur ein Drittel benutze es regelmässig. «Wir müssen dafür sorgen, dass die Velos aus den Kellern und Schöpfen geholt werden», sagte Genner.

Das Mittel dazu ist der Masterplan Velo, den Genner, Leupi und Mauch gestern den Medien vorstellten. Oberstes Ziel: Bis 2025 soll sich der Veloverkehr verdoppeln. Herzstück des Plans ist ein durchgehendes 150-Kilometer-Radweg-Netz. Davon sollen 97 Kilometer sogenannte Hauptrouten sein: Velostreifen und -wege für geübte Radfahrer, die auf Strassen schnell vorwärtskommen wollen. Die Velostreifen werden auf 1,8 Meter verbreitert, Hindernisse aus dem Weg geräumt. Anders die Komfortrouten: Auf 55 vom Strassenverkehr abgetrennten Kilometern sollen Familien und Gelegenheitsvelofahrer sicher und gemütlich unterwegs sein können.

Schlüsselstellen fehlen

Vorgesehen sind ausserdem separate Velolichtsignale, Kombi-Ampeln für Velofahrer und Fussgänger, bessere Wegweiser und Piktogramme sowie der Ausbau der Veloabstellplätze, etwa am HB, den Bahnhöfen Oerlikon und Stadelhofen sowie am Central. Für die nötigen Umbauten will der Stadtrat bis 2025 rund 55 Millionen Franken ausgeben, pro Jahr im Schnitt 4 bis 5 Millionen. Dazu kommen nochmals 12 Millionen für Prävention, Schulungen und Informationskampagnen. Der Stadtrat rechnet damit, dass der Kanton mehr als die Hälfte dieser Kosten übernehmen wird. Im Tiefbauamt sollen maximal drei zusätzliche Velostellen geschaffen werden.

40 Prozent der Masterplanrouten sind heute bereits fertig, bei 20 Prozent ist die Arbeit im Gang, bei 40 Prozent müssen neue Projekte aufgegleist werden. Heute gibt es in der Stadt rund 340 Kilometer Velowege. Weniger als die Hälfte dieser Strecken hat es in den Masterplan geschafft. Weggelassen wurden nicht nur etliche Routen auf Nebenstrassen, sondern auch einige von Velofahrern stark frequentierte Schlüsselstellen. Zum Beispiel die Rämistrasse, wo Genner lediglich eine «Minimallösung» für Velos ankündigte, oder das Teilstück der Langstrasse vom Limmatplatz bis zur Gleisfeldunterführung. «Wir mussten Prioritäten setzen», sagt Mathias Camenzind vom Tiefbauamt. Bei den weggelassenen Strecken wäre der Aufwand im Vergleich zur gewonnenen Route schlicht zu gross gewesen.

1000 Parkplätze müssen weg

Die Kernstücke des Masterplans haben eines gemeinsam: Sie brauchen viel Platz. Entsprechend birgt das neue Velonetz politischen Zündstoff. Um Raum zu schaffen, will die Stadt Strassen verschmälern, Trottoirs verkleinern, Baumreihen fällen oder versetzen sowie Parkplätze verlegen und zum Teil abbauen. Rund 1000 der 67'000 städtischen Parkplätze werden laut Genner betroffen sein. Der «historische Parkplatzkompromiss» soll aber nicht aufgegeben werden, die Parkfelder in der City und in citynahen Gebieten sollen kompensiert werden.

In Ausnahmefällen werde die Stadt auch Land kaufen. Das sei aber teuer und nur an wenigen Stellen möglich. Wo konkret Fahrstreifen oder Parkplätze gestrichen werden, sei heute noch nicht bestimmt, sagte Genner. Man müsse jedes Routenstück einzeln anschauen und eine passende Lösung finden.

Die SVP lehnt alles ab

Von rechter Seite ernten die Velopläne des Stadtrats Kritik: Bei den erwarteten hohen Defiziten könne sich die Stadt die 67 Millionen nicht leisten, sagt Fraktionschef Mauro Tuena. Die SVP lehne den Masterplan deshalb durchgehend ab. «Die beiden grünen Stadträte haben den Veloverkehr schon genug gefördert, die Schwierigkeiten für Velofahrer werden übertrieben.» Ein möglicher Parkplatzabbau schade dem Gewerbe, und auf den Trottoirs fehle schon heute oft der Platz.

Differenzierter sieht es die FDP. Man begrüsse grundsätzlich das Ziel eines durchgängigen Velonetzes, sagt Gemeinderat Marc Bourgeois. In Ausnahmefällen sei man sogar bereit, in Aussenbezirken einzelne Parkplätze oder eine untergeordnete Autospur zu opfern. «Die Kosten von 55 Millionen Franken müssen aber an einem anderen Ort gespart werden.» Die geplante Sensibilisierungskampagne für 12 Millionen Franken lehnt Bourgeois ab. Dieses Geld würde die Stadt besser für die Infrastruktur als zur «Indoktrination» verwenden. Im Masterplan fehlen Bourgeois zudem die Ideen, um Steigungen einfacher zu meistern. Ein möglicher Ansatz seien Tramwagen ohne Sitze, in die man auch Velos mit hineinnehmen könnte.

Keine Trottoirs opfern

Rot-Grün hingegen sieht eine langjährige Forderung endlich umgesetzt. Die SP freut sich per Communiqué über den «preiswerten» Masterplan, und Markus Knauss, Fraktionspräsident der Grünen, lobt, dass die Stadt die Velowege als gesamtheitliches Netz betrachte und sich klare Ziele setze. Der Bedarf nach besseren Routen sei in der Bevölkerung riesig. Öffentliche Parkplätze liessen sich problemlos abbauen. In der Innenstadt gebe es davon gemäss historischem Kompromiss sowieso 350 zu viel, in den Aussenquartieren stünden genügend Privatparkplätze bereit.

Aber auch von linker Seite sind kritische Töne zu hören, vor allem zur Frage, wo der benötigte Platz eingespart werden soll: Gabi Petri, VCS-Co-Geschäftsführerin und Kantonsrätin (Grüne), kritisiert, dass auch Grünraum und Trottoirs für Velorouten geopfert werden sollen. Wenn Zürich die 2000-Watt-Gesellschaft anstrebe, liege das nicht drin. Die Stadt dürfe Velospuren nur auf Kosten von Parkplätzen und Autospuren ausbauen, findet Petri. Ähnlich argumentiert Pro Velo Kanton Zürich: «Die Vision des Masterplans überzeugt», sagt Geschäftsführer Dave Durner. Nun müsse die Stadt aber beweisen, dass es ihr damit ernst sei. Die neusten Projekte hätten gezeigt, dass es Widersprüche zwischen Konzept und Praxis gebe. «Schöne Pläne haben wir schon viele gesehen», so Durner. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.11.2012, 07:29 Uhr)

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