Drogendealer auf Street View ist ein unschuldiger Wirt
Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 02.09.2009 38 Kommentare
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Claudio Schenardi ist ein Mann der Kultur: ehemaliger Schauspieler beim Theater des Kantons Zürich, Regisseur im Theater Wädenswil und seit anderthalb Jahren mit seinem Partner Guntram Kirchner kreativer Wirt im Restaurant Exer an der Tellstrasse im Kreis 4. Er liebt den «Chräis Chäib» und versucht, diesem Quartier Identität und kulturelle Anstösse zu vermitteln. Deshalb ärgert es ihn, dass er am Montag im «Blick» als «obskurer Typ mit roter Baseballmütze» dargestellt wurde, der «drei jungen Mädchen Päckchen zusteckt». «Ein Dealer, der Drogen an Minderjährige vertickt?», fragt die Zeitung – und das «am helllichten Tag in Zürichs berüchtigtem «Chräis Chäib».»
Im «Blick» als Drogendealer abgebildet
So kams zu dieser Geschichte: Im März verteilte Claudio Schenardi (44) im Kreis 4 Gutscheine für Mittagessen zum halben Preis, um persönlich neue Gäste zu gewinnen. Am Abend ist das Exer dank Bioküche und vereinzelten kulturellen Anlässen ein beliebter Treffpunkt. Als er an der Kanzleistrasse, direkt vis-à-vis dem Schulhaus, drei jungen Frauen die Gutscheine verteilte, passierte das Auto von Google, das die 3-D-Aufnahmen machte. Seit vorletzter Woche sind sie im Netz, am Montag publizierte der «Blick» die Story «Polizei jagt Dealer auf Google Street View» – samt Bild.
Bei den drei Frauen kam der «Blick» mit seiner Story aber an die Falschen. Sie sind keine minderjährigen Drogenkonsumentinnen vom Pausenplatz, sondern gewiefte Angestellte einer grossen Mediaagentur an der Kanzleistrasse, die auch mit dem «Blick» geschäftet. Und so musste die Zeitung gestern eine ungewöhnliche Meldung samt Entschuldigung abdrucken: «In diesem Artikel haben wir Informationen publiziert, die nicht recherchiert waren.» Zudem setzen sich die drei Frauen im «Blick» für den Kreis 4 ein. Sie seien hier noch nie von Dealern belästigt worden.
Auf dem Bild gut erkennbar
Das Bild auf Google nimmt Schenardi mit Humor – trotz fehlender Verpixelung. Auf den «Blick» ist er aber wütend, wegen der frei erfundenen Story und weil sein Bild, auf dem er gut erkennbar ist, gestern ungefragt abgedruckt wurde. Obschon die Zeitung den Datenschützer so zitierte: «Es gibt das Recht auf das eigene Bild. Das darf ein kommerziell organisiertes Unternehmen nicht einfach aushebeln.» Schenardi ist auch Primarlehrer und führt in der neusten Komödie des Volkstheaters Wädenswil Regie, die am 5. September Premiere hat. «Als Drogendealer wäre ich im Schulzimmer ein schlechtes Vorbild.» Noch mehr als der berufsschädigende Artikel nervt ihn, dass mit dieser Dealerstory erneut der Kreis 4 schlechtgemacht wird. «In einem anderen Stadtkreis wäre ein Mann mit einem Plastiksack in der Hand nie zum Drogendealer gemacht worden.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.09.2009, 07:58 Uhr
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38 Kommentare
Wer erinnert sich noch an Günther Wallraff : "Ich war Horst Esser bei Bild"? Auch beim Blick werden Storys erfunden wenn man sich bessere Auflagen davon verspricht. Wenn man aber Google verurteilt sollte man sich fragen woher denn die Bilder kommen und wer die Überwachungskameras dafür aufgestellt hat ! Antworten
Lieber Herr Kunz Sehen Sie, so schnell wird etwas in eine Momentaufnahme interpretiert. Bestes Beispiel, dass Sie da gerade abgeben. Würden Sie nämlich diese Szene bei Google Streetview betrachten, würden Sie sehen, dass die "scheinbar versteckte Ecke" und der "Müll" und die "Container" direkt neben einem sehr grossen Geschäftsgebäude stehen, und zwar in unmittelbarer Nähe des Restaurants. Antworten
Das Problem für mich ist weder der Blick an sich, noch Googel Das Problem sind die Leute, welche sich an solch fragwürdigen Storys ergötzen. Aber wehe, es bestünde die Gefahr, dass sie selber mal ertappt werden könnten! dann muss gleich der Datenschutz herhalten. Das ist Florianspolitik. Vor Jahren wurde versucht eine Zeitung zu lancieren, die nur positive Meldungen brachte. Es wurde ein flopp. Antworten
Der Blick ist doch nichts anderes der Pranger der Neuzeit! Da standen auch oft Unschuldige dran und der Rest des Volkes hat sich gefreut, dass es sie nicht selbst getroffen hat! Nichts Schlimmeres, als wenn das Plätzchen an der Kette mal einen Tag unbesetzt ist ... Wieso ist eigentlich Umweltverschmutzung strafbar, Volksverblödung aber nicht? Antworten
Herr Westwood: Ich finde es einiges schlimmer, dass der achso tolle "Blick" nicht fähig ist, richtig zu recherchieren. Google kann da überhaupt rein gar nichts dafür, dass "Journalisten" irgendwas reininterpretieren was nicht vorhanden ist. Können Sie mir bitte erklären was Street View verratet? Meiner Ansicht nach Nichts, was nicht jeder andere auch hätte sehen können! Antworten
Als Wiedergutmachung sollen die journalistischen Dilettanten des Blicks mitsamt ihren Gspönli mind. 4 mal wöchentlich ins ausgezeichnete Restaurant Exer des verunglimpften Claudios essen gehen und dabei jeweils das Doppelte bezahlen. Bestenfalls wirkt sich das feine und gesunde Essen von Claudio & Guntram heilsam auf die geistige Umnachtung dieser billigen Tratschtanten & -onkels aus. Antworten
Liebe Frau Suter, warum werden Sie persönlich? Ich möchte den Ball lieber flach halten und auf der sachlichen Ebene diskutieren: Es täte der Reputation einem Unternehmen wie Google Inc. - notabene mit einem Gewinn von über USD 4 Mia. im Jahr 2008 - gut, den Datenschutz zu respektieren und auch ein paar Groschen dafür aufzuwenden.. Antworten
Ich danke dem "ZüricherTages-Anzeiger" das er so einen Quatsch nicht mitgemacht hat. Sondern noch Jornalisten hat, die erst hinschauen, dann denken, dann recherchieren und dann erst schreiben und so das wahre Problem sichtbar machten. Heiko David Schaldach (Internationaler Karikaturist) Antworten
Das hasse ich am "Blick". Die schreiben einfach irgendwas. Die journalistische Freiheit wird so ad absurdum geführt! Es ist die peinlichste Postillie in der Schweizer Print-Medien-Landschaft, was mit diesem "Skandälchen" einmal mehr bewiesen worden ist. Antworten
in zeiten von A(h1n1), finanzkrise + rezession, in kärgsten bedingungen gefangen gehaltener schweizer in einem wüstenstaat, einer unfähig in sich zusammenbrechenden regierung, urnenklauenden militanten tierschützern, stetig brutaler werdender jugendgewalt, globaler erwärmung + chaoswetter und desaströsen auftritten von fcb und gc ist es schön zu sehen, wie der blick aus einer mücke elefanten macht Antworten
Vielen Dank, aber ich habe den Text von Frau Suter genau gelesen und sehr wohl verstanden. Meine Meinung ist nur diese, dass Google Street View das Tool zur Verfügung stellt. Missbrauchen kann dieses dann schliesslich jeder - nicht nur der böse Blick... Antworten
@Enzo Westwood: wenn Sie den Beitrag von Frau Suter tatsächlich gelesen und verstanden hätten, wüssten Sie selber, dass Ihre Frage klar mit einem NEIN zu beantworten ist. Wenn der Blick, wie so oft, irgend welche Geschichten erfindet ist das nicht die Schuld von Google Street View, sondern höchstens die der Leute, welche das Blatt noch immer unterstützen. Antworten
Den Blick-Lesern ist das doch egal. Hauptsache die Story liest sich spannend. Ob erfunden oder erlogen, der Blick ist die meistverkaufte Tageszeitung. Das ist pure Geldverschwendung, aber es gibt Leute, die wollen keine lange Stories mit gut recherchierten Hintergrundinfos haben. Der Blick ist einfach zu verstehen und ein einziges Bild zementiert die Wahrheit sowie erfundene Geschichten. Toll! Antworten
Erinnert sich noch jemand an den Fall Blick-Borer? Schon damals hat der Blick mit einem gefälschten Foto operiert und musste dann kleinlaut zurückkrebsen. Heute müssen wir - ähnlich wie bei der Unschuldsvermutung - davon ausgehen, dass alles, was im Blick und seinem Gratisableger steht, grundsätzlich falsch ist, bis jemand das Gegenteil beweist. Antworten
Schade haben wir in der Schweiz im gegensatz zu den USA keine Gesetze welche nun den Blick zu einer hohen Geldstrafe verurteilen könnte. Für eine solch hinterlistige und gelogene Story müsste Blick vor Gericht bluten. Herr Claudio Schenardi, zeigen Sie den Blick an! Sie werden leider kein Millionär aber immerhin sollten Sie eine saftige Entschädigung für eine solche verleumdung erhalten. Antworten
Neben Google gibt es natürlich auch andere Probleme Z.B. der Blick, der auf der Suche nach solchen Bildern ist und ev. mit Namen (von den Auto NR) veröffentlicht. Da heute immer mehr Arbeitgeber auch im Internet suchen, ist das sehr negativ zu bewerten, was die Medien hier abliefern, zumal es sich a) nicht unbedingt um etwas verbotenes/verwerfliches handelt und b) der Ruf dauerhaft geschädigt ist Antworten
Wer nichts Verbotenes getan hat, braucht auch keine Angst vor Google Street View zu haben. Die Schuld hier liegt einzig und allein beim Blick. Wen wunderts? Dieses Blatt lese ich schon lange nicht mehr. Dieser Fall verdeutlicht wieso man auf diese Zeitung verzichten kann. Antworten
Ein weiteres Beispiel dafür, welch schlampige Arbeit Google macht. Die meinen sie können machen was sie wollen. Die Idee von Street View ist an sich gut. Nur geht Google nicht seriös damit um. Die Anonymität muss total gewährleistet werden. Nebst Blick müsste auch Google eine Entschädigung bezahlen! Antworten
Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, wenn aber Medien sich ihrer Verantwortung nicht bewusst sind, müssen sie die Konsequenzen tragen. Da die Pressefreiheit nicht angetastet werden sollte, muss nach Strafmassnahmen gesucht werden. Es kann nicht sein, dass man in grossen Artikeln jemand fertig macht und später den Fall in einer Randnotiz berichtigt. Schmerzhafte Geldstrafen würden vieleicht helfen Antworten






Hans Schmid
@Rene Kunz: Dass an jeder zweiten Strassenecke überfüllte Container vor sich hinstinken ist leider in vielen Quartieren dieser Stadt bittere Realität. Da kann der Herr Schenardi aber überhaupt nichts dafür. Antworten