Ein 20-Jähriger will Zürich regieren – wie Andreas Glarner

Das gab es noch nie: Die Juso kandidieren für den Zürcher Stadtrat. Die SP stellt aber Bedingungen.

Will für die Juso in den Stadtrat: Der noch 20-jährige GSoA-Sekretär Lewin Lempert.

Will für die Juso in den Stadtrat: Der noch 20-jährige GSoA-Sekretär Lewin Lempert. Bild: Samuel Schalch

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Heute Abend entscheiden gleich drei Parteien, wer für sie in das Rennen für den Zürcher Stadtrat steigen wird. Während es bei der SVP um die Bestätigung von Susanne Brunner und Roger Bartholdi geht, kommt es bei der CVP und bei den Grünen zur Kampfwahl – jeweils Frau gegen Mann. Eine solche Kampfwahl steht auch den Zürcher Juso noch bevor. Denn die Jungsozialisten treten erstmals bei den Stadtratswahlen mit einem eigenen Kandidaten oder einer Kandidatin an.

Ein Juso hat sich bereits entschieden: der bald 21-jährige Lewin Lempert. Er hat intern die Bewerbung eingereicht und möchte für den Stadtrat kandidieren. Lempert ist Mitglied der Geschäftsleitung Juso Schweiz und arbeitet als politischer Sekretär der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Im Frühling ist er aus zeitlichen Gründen aus dem kantonalen Juso-Präsidium zurückgetreten – zu wenig Kapazität für all seine Ämter, begründete er damals seinen Entscheid.

Seine städtische Politik verdichtet er auf fünf Buchstaben: «Boden». Das klingt vorerst für einen Jungsozialisten wenig klassenkämpferisch. Dröselt er den Begriff allerdings auf, ändert sich das schnell: «Wer Boden besitzt, kann darüber entscheiden.» Zwischennutzungen, Freiräume, günstige Wohnungen – gegen «Immobilienhaie und das Kapital müsse man vorgehen».

Mehr Glarner für Zürich?

Das sind keine neuen, überraschenden Themen, die der Jungsozialist vorbringt. «Anders ist aber die Art und Weise, wie die Juso und ich damit umgehen», verteidigt er sich. Beispiel Koch-Areal: «Die Bürgerlichen schreien: ‹Räumung sofort!›» Der Stadtrat sagt: ‹Tolerieren wir, bis wir schliesslich räumen.› Ich sage: Wir brauchen noch viel mehr solche Freiräume und Zwischennutzungen.»

Der links dominierte Stadtrat nutze seinen Handlungsspielraum zu wenig aus. Er sei «verwalterisch, am Status Quo orientiert und zu wenig mutig», kritisiert Lempert. Um zu verdeutlichen, was er damit meint, zieht Lempert ein politisches Feindbild zum Vergleich heran: Andreas Glarner. SVP-Hardliner und Gemeinderat in Oberwil-Lieli. «Er nutzt im Kampf gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in seiner Gemeinde den Spielraum komplett aus.» Also mehr Glarner für Zürich? Lempert lacht, zögert. «Ich weiss nicht, ob ich das genau so formulieren würde.» Trotz Kritik sei die Juso-Kandidatur kein Angriff auf die linken Stadträte, sagt Lempert. Hauptgegner seien immer noch die Bürgerlichen.

SP stellt Bedingungen

Die Chancen eines Juso-Kandidaten oder einer Juso-Kandidatin auf einen Regierungssitz sind verschwindend klein. Die Kandidatur dient der Aufmerksamkeit im Wahlkampf und steht im Kontext des Dauerclinches zwischen der Jung- und der Mutterpartei. Dieser dreht sich eigentlich immer um die gleiche Frage: «Ist die SP links genug?»

Marco Denoth, Co-Präsident der Stadtzürcher SP, erwartet von den Juso, dass sie sich während des Wahlkampfs mit der Kritik zurückhalten. «Wenn sie kandidieren, müssen sie sich in die Aufgabe eines Regierungsmitgliedes einfühlen können, das für eine ganze Stadt verantwortlich ist.» Dass mit den Juso nun acht Linke kandidieren, sei «mutig». «Damit stellt die Linke einen grossen Machtanspruch.» Ein Bündnis zwischen Grünen, AL und SP wird gemäss Denoth angestrebt. Und die Juso? «Es finden Gespräche statt, und wir begleiten sie.» Denoth stellt aber eines klar: Die Juso müssen mit einer Frau kandidieren. «Wir stellen diesen Anspruch an die Grünen und noch vehementer an die Juso, die der SP sonst immer vorwerfen, Prinzipien über Bord zu werfen.»

Noch ist bei den Juso keine zweite Bewerbung für die Stadtratskandidatur eingegangen. Eine Frau, wie sie Denoth fordert, hat aber bereits Interesse angemeldet. Nina Hüsser, Jahrgang 1994, Co-Präsidentin der kantonalen Juso. Sie weilt momentan in den Ferien. Per SMS schreibt sie, dass die Bewerbungsfrist noch laufe: «Ich schliesse eine Kandidatur zwar nicht aus, beworben habe ich mich jedoch noch nicht.»

Eigentlich hätte sich Hüsser bis morgen Mittwoch entscheiden müssen. Doch die Juso Stadt Zürich teilen heute mit, dass die Bewerbungsfrist verlängert wurde – um 10 Tage. Hüsser hat also noch einige Tage Bedenkzeit. Entscheidet sie sich für eine Kandidatur, konkurrenzieren sich schliesslich zwei Jusos in der Stadt Zürich, die einst zusammen die kantonale Juso präsidierten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2017, 13:02 Uhr

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