Ein Chelsea-Hotel am Uetliberg

Die Atlantis-Besetzer pochen auf das Bedürfnis nach Freiräumen. Die Besitzerin will nicht mit den Aktivisten verhandeln.

Super-Mario und Donkey-Kong: Vermummte Besetzer auf der Veranda das Hotels Atlantis Sheraton.

Super-Mario und Donkey-Kong: Vermummte Besetzer auf der Veranda das Hotels Atlantis Sheraton. Bild: Dominique Meienberg

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Das frühere Luxushotel Atlantis soll in den nächsten Jahren als Unterkunft für Künstler dienen. Kulturschaffende sollen in den 150 Zimmern ihr Atelier einrichten und dort für ein paar Monate arbeiten. So würde der Betonbau am Fusse des Uetlibergs zu einem Hotel im Stil des Chelsea Hotels in New York, dem legendären «Künstlerhotel», in dem Maler, Musiker und Schriftsteller übernachten. Zusätzlich werde im Atlantis ein öffentliches Café entstehen. Das sagten Aktivisten der «Familie Donovan», die das Atlantis seit Freitag besetzt halten, an ihrer gestrigen Pressekonferenz.

Wer Raum erhalte und wer nicht, werde in einem Auswahlverfahren entschieden. Es würden aber nur Künstler berücksichtigt, die sich für das Gesamtprojekt engagierten, erzählten vier Männer, die sich als Smiley, Super-Mario oder Donkey-Kong verkleidet hatten, alles Ikonen der späten 80er-Jahre. Heute Abend können Interessierte ihre Wünsche vortragen. Verschiedene Ideen, wie das Anlegen eines Gemüsegartens, sind schon eingegangen.

«Längerer Aufenthalt»

Wann der Betrieb startet, stehe noch offen. Erst müsse man eine Infrastruktur aufbauen. Das Projekt werde nicht-kommerziell geführt, sagten die Besetzer, die anonym bleiben wollen und sich über die Anzahl der Beteiligten ausschweigen. Als Grund für ihre Aktion führen sie die Raumknappheit in Zürich an. Es sei stossend, dass ein derart grosses Hotelgebäude leer stehe. «» Die Aktivisten haben bisher «nur» die oberen Stockwerke des Atlantis besetzt. Im Erdgeschoss befinden sich technische Anlagen für den Betrieb des benachbarten Guesthouse Atlantis. Zudem wird dort immer noch Hotel-Inventar liquidiert. Diese Abläufe wolle man nicht stören, sagten die Besetzer. Für Wasser und Strom komme man selber auf. Die Aktivisten stellen sich auf einen längeren Aufenthalt ein. Bis die Baubewilligung erteilt sei, könnten schnell zwei Jahre verstreichen.

«Ungünstiger Zeitpunkt»

Den fehlenden Kontakt zur Besitzerin werten die Besetzer als Zeichen, dass dieser «die Argumente fehlen». Im Quartier liege die Sympathie auf ihrer Seite. Die Besitzergesellschaft Rosebud Héritage mit Sitz im waadtländischen Vich gibt auf Anfrage an, ein Gesprächsangebot der Aktivisten absichtlich nicht beantwortet zu haben. «Um uns an die Zürcher Gepflogenheiten zu halten, beraten wir zuerst mit unserem Anwalt», sagte der Verantwortliche Pierre Buyssens. Die Besetzung komme aber zu einem äusserst ungünstigen Zeitpunkt. Man wolle Ende Jahr die Baueingabe machen. «Für Abklärungen müssen wir immer wieder ins Hotel. Ausserdem werden wir eine Musterwohnung einrichten.»

Im Atlantis sollen 70 Eigentumswohnungen auf einer Gesamtfläche von 10'000 Quadratmeter entstehen. Die Pläne hat das Zürcher Architekturbüro Atelier ww entworfen. Man habe sich schon mehrmals mit den Behörden getroffen, sagt Buyssens. Das Projekt sei weit fortgeschritten, vielleicht entstehe eine Wohnform mit Hotelservice.

«Möglichst schnell bauen»

Buyssens verteidigt sich gegen den Vorwurf, Rosebud Héritage habe das Atlantis zu lange leer stehen lassen. Die Gruppe habe schon mehrere Projekte für das Hotel verfolgt, unter anderem ein Heim für Demenzkranke. Man habe diese Vorhaben aber nicht mit vollem Elan vorantreiben können, weil der Verkauf anderer Hotels die Gesellschaft vereinnahmt habe. «Wir mussten zuerst die Zukunft des Royal Savoy in Lausanne, des Bürgenstockhotels und des Schweizerhofs in Bern regeln.» Rosebud Héritage werde das Atlantis nicht verlottern lassen, bis sie einen Käufer finde, sagt Buyssens. «Wir streben schnellstmöglich eine Baubewilligung an, um die Wohnungen auf den Markt zu bringen.»

Mit den Aktivisten einen befristeten Vertrag zu vereinbaren, schliesst Buyssens deshalb aus. In Zürich gilt die Praxis, dass die Polizei besetzte Gebäude erst dann räumt, wenn die Besitzerin über eine Baufreigabe verfügt. Das Atlantis wurde 1970 als eines der modernsten Luxushotels der Schweiz eröffnet. Seit 2004 steht das Haus leer.

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Erstellt: 26.10.2010, 20:52 Uhr

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