Ein Fest gegen die Schneise durch den Kreis 4

Mit einer Protestveranstaltung wehren sich die Anwohner der Neufrankengasse gegen die Pläne für eine neue Tramlinie. Ihr müssten 20 Häuser weichen.

Für einen Tag verkehrsfrei: Die Neufrankengasse mit Bühne, Kindern und Leuten aus dem Quartier. (Bild: Jurt)

Für einen Tag verkehrsfrei: Die Neufrankengasse mit Bühne, Kindern und Leuten aus dem Quartier. (Bild: Jurt)

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Pingpong und Gleichgewichtsspiele für Kinder, selbst gebackener Kuchen und Süssmost für Mütter und Bier und Würste für Väter: Am Samstag wurde die Neufrankengasse im Chräis Chäib für einmal ganz bürgerliches Quartier, aber nur fast. Es wurde kein Quartierfest gefeiert, sondern eine politische Veranstaltung. Der Anlass richtete sich gegen die geplante «Schneise». Die heutige Gasse soll einem 30 Meter breiten Boulevard weichen und Platz schaffen für eine neue Tramlinie vom Hauptbahnhof nach Altstetten.

Wegen dieser Verbindung werden rund 20 Häuser weichen müssen. «Mit dieser Zwangsumstrukturierung würde das Quartier kaputt gemacht», sagt Gemeinderat Niklaus Scherr von der Alternativen Liste. Wie ernst der äussersten Linken der Kampf gegen die Schneise ist, zeigt die Tatsache, dass sie sich in dieser Sache mit dem ärgsten Feind verbünden, der SVP.

Wie sich der Kreis 4 verändern soll

Normalerweise ist die Neufrankengasse alles andere als ein gutbürgerliches Quartier. Sie ist der Inbegriff für Menschen, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen. Schon in Kurt Frühs Film «Hinter den sieben Gleisen» spielt die legendäre Räuberhöhle, der heutige Tessinerkeller, eine zentrale Rolle. Lokale wie das Stray Cat und das Schnupf sind Treffpunkte für Leute mit unkonventionellem Lebensstil. Sie alle würden verschwinden, wenn die Schneise kommt. Die Neufrankengasse würde ihren Räubercharme verlieren und der Kreis 4 immer mehr zu einem ganz normalen Quartier werden. «Das ist städtebaulich gesehen ein Quatsch», sagt Alexandra Ott, Vizepräsidentin des Quartiervereins Aussersihl.

Die Initianten der Protestveranstaltung wollten den Anwohnern sichtbar machen, was für ein drastischer Einschnitt die Schneise sein wird. Mit rot-weissen Plastikbändern steckten sie deshalb die neue Strasse aus. Selbst alteingesessene Bewohner kamen ins Staunen: «Die ist ja so breit wie eine Autobahn.» Auch die 20 Häuser, die verschwinden sollen, waren gekennzeichnet und auf einer Liste aufgeführt. «Muss ich da jetzt weg?», fragt der 20-jährige Ferdi Güvendiren, dessen Haus vor acht Jahren wegen neuer Gleise um vier Meter hatte verschoben werden müssen.

Die Abrissliste ist lang. An der Brauerstrasse geht es um die Plattenbauten, typische Arbeiterbaracken, wie sie in den 60er-Jahren entstanden sind. Heute wohnen hier vor allem Leute aus Ostdeutschland und aus Portugal. Sie arbeiten auf dem Bau. Wie Kaninchenställe sind die Zimmer angeordnet, höchstens zweieinhalb auf fünf Meter gross mit ganz dünnen Trennwänden, wo jeder das Wort des andern hört. Dafür bezahlen die Bewohner sehr wenig Miete. Die meisten müssen in ihre Heimat zurückkehren, bevor sie sich eine eigene Wohnung leisten können.

Ein wildes und grünes Refugium

Regula Schiess hat sich an der Gamperstrasse eine kleine Stadtoase erschaffen. 1999 hat die Psychoanalytikerin das heruntergekommene Mehrfamilienhaus den SBB abgekauft. Sie liess es sanft renovieren, verschönerte es mit Balkonen und trotzte dem Beton einen kleinen Garten ab. Darin wachsen Weichselkirschen, Glyzinien, Trauben, Holunder und Mimosen. Auch dieses Haus würde der Schneise zum Opfer fallen.

Im Schlössli an der Neufrankengasse wird Schwartenmagen serviert und am Stammtisch SVP-nahe politisiert. Auch bei den Gewerbetreibenden ist die Schneise gar nicht beliebt. «Ein Blödsinn, das brauchen wir nicht», schimpft der Koch des Lokals. Und die Wirtin sagt eisern: «Diese Strassenführung darf nicht kommen, einfach nicht, sonst haben wir hier keine Geschichte mehr.»

Das letzte Wort haben die Stimmbürger am 30. November. Dann wird über die künftige Baulinie entschieden. Ein Ja ist Voraussetzung dafür, dass die Schneise realisiert werden kann. Zuerst müsste die Stadt Häuser und Land für beinahe 150 Millionen Franken kaufen. Die neue Tramlinie würde voraussichtlich erst 2025 realisiert.

Zustande gekommen ist die Abstimmung wegen der Alternativen Liste. Sie wehrte sich mit einem Referendum gegen die vom Gemeinderat im Frühling abgesegnete Baulinienführung. Die AL befürchtet eine Verteuerung der Liegenschaften, eine Umwandlung vom Räuber- zum Schickimickiquartier - und Mehrverkehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2008, 07:51 Uhr

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