Ein Hügelzug zum Wohnen

Die Siedlung Triemli setzt seit einem Jahr neue Massstäbe im Quartier – auch was das Lebensgefühl angeht.

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Von der Waldegg runter zum Triemli – auf kaum einer Anfahrt entwickelt Zürich mehr Wucht. Die Stadt gibt hier ein Versprechen von Grösse ab, dass sie bei der Einfahrt auch einlöst. Beim Triemli ist Zürich ein wenig Brasilia. Beton-Moderne, die vor einem Jahr mit der Siedlung Triemli Verstärkung erhalten hat.

Die Vorgeschichte: Die Siedlung ist die Habsburg der Baugenossenschaft Sonnengarten. Eroberten die Habsburger vom Aargau aus die Welt, trieb die Baugenossenschaft Sonnengarten vom Triemli her den genossenschaftlichen Wohnungsbau voran, ohne Weltmacht-Ambitionen. Dort hat alles begonnen. Kurz nach dem Krieg, als man die ersten Häuser hochzog. In Zeilen geordnet, dreistöckig, zeichneten sie mit am Bild, das den Fuss des Uetlibergs bis heute prägt. Die Wohnungen galten als teuer, der Ansturm war enorm. Es herrschte Wohnungsnot und ein striktes Regime des damaligen Verwalters. Er suchte ordentliche Schweizer Familien und fand sie, indem er die potenziellen Mieter zu Hause aufsuchte. Nachzulesen ist das im eben erschienenen Buch «Ein neues Zuhause. Siedlung Triemli 1944–2012».

Der Balkonfaktor: Mit den Zeiten ändern sich Ansprüche und Wünsche. So begann der Anfang vom Ende der Ursiedlung mit dem Wunsch eines Mieters nach grösseren Balkons. Der Antrag löste eine Kettenreaktion aus. Diskussionen, Studien, an deren Ende nicht die Sanierung – zu teuer, zu kompliziert – stand, sondern der Abriss. Die Genossenschaft schrieb für den Ersatzneubau mit der Stadt einen Wettbewerb aus.

Der erste Eindruck: Der Massstab ist der Uetliberg und die Spitaltürme seine Verlängerung. Beide lassen die neue Siedlung kleiner erscheinen. Kommt dazu, dass sie sich nicht in voller Grösse inszeniert, wie dies das Spital mit dem Selbstbewusstsein seiner Zeit tut. Im Gegenteil: Geknickt passen sich die beiden Riegel dem Gelände an. Die unterschiedlich hohen Gebäude brechen den Wandeffekt zusätzlich. Trotzdem erschreckte der Sprung von drei auf bis zu sieben Etagen nicht wenige. Von Plattenbauten à la DDR war die Rede. Anders als beim Ringling in Höngg, wo die Baugenossenschaft Sonnengarten ebenfalls mit im Boot ist, blieben bauverzögernde Einsprachen aber aus. Für die Architekten vom Büro von Ballmoos Krucker hat sich das Engagement gelohnt. Sie erhielten dieses Jahr den Schweizer Architektur-Award.

Der zweite Eindruck: Von wegen trostloser DDR-Ästhetik: Gerade in der Nacht kann davon keine Rede sein. Die grossen hellen Fenster und die Treppenhäuser, die beleuchtet wie eine Lichtskulptur wirken, beleben die Ecke.Der Verdichtungsfaktor: Die neue Siedlung erledigt den Job, den neue Siedlungen zu erledigen haben: Sie verdichten altes zu modernem Wohnen. Was auch bedeutet, das nach innen Platz geschaffen wird, der einen Teil des Verdichtungsgewinns wieder verpuffen lässt. Die Vorher-/Nachher-Statistik:

  • Wohnungen: 144 / 192 (+33 Prozent).
  • Bewohner: 330 / 500 (+52 Prozent)
  • Fläche einer 4- respektive 4½-Zimmer-Wohnung: 79 / 110 Quadratmeter (+39 Prozent). Die Miete stieg von 750 auf 2150 Franken.

Der Innenhof: Gross wie die Bäckeranlage soll er sein, der begrünte Hof zwischen den Riegeln mit Knick. Zum Ausdruck kommt diese Grösse nicht wirklich. Was daran liegt, dass das Terrain abgestuft ist, das Haus Süd zum Triemli hin höher steht und damit alles überragt. Im Dunkeln fühlt sich der Hof deshalb eher wie eine Schlucht an.

Das Treppenhaus: Um die Mieten im bezahlbaren Rahmen zu halten, muss irgendwo Geld und Raum gespart werden. Das Treppenhaus aus Sichtbeton strahlt die Herzlichkeit eines Rohbaus aus, und der Platz scheint zugunsten der Wohnungen minimiert zu sein. Für die Orientierung, die man beim ersten Etagenklettern schnell verliert, versucht die Kunst im Bau zu sorgen.

Die Wohnung: Er brauche Platz, sagt Mieter Olivier Tobler. Er weiss das, seit er zu zweit auf 60 Quadratmetern lebte. Die neue Wohnung mit drei und einem halben Zimmer bietet ihm und seiner Freundin 40 Quadratmeter mehr. Sie entwickelt sich von der Türe weg wie ein Fluss, der in einen See mündet. Zuerst der Gang, dann das Delta. Eine Zone, in der man nicht weiss, gehört sie schon zum Wohnzimmer, zum Küchen-Ess-Bereich oder noch zum Gang? Was sofort auffällt, ist der Blick durchs Fenster. Wie ein Weihnachtsbaum leuchtet der Prime Tower im Nachthimmel. «My little Skyline», sagt Tobler und: Er liebe diese Wohnung, die am Boden mit dem Parkett Wärme und an der Decke wegen des Sichtbetons eine gewisse Kühle ausstrahle. Zum Verlieben ist auch die Loggia, die von der Küche zum Innenhof führt.

Die Mieter: Von der Loggia aus beobachtete Tobler, wie sich Erwachsene mit Kindern übers Jahr vernetzten. Er selber sucht diese Nähe nicht. Die Stimmung in der Siedlung aber sei gut. Die Genossenschaft hat da vorgesorgt. Sie organisierte noch vor dem Bezug Workshops. In diesen formulierten die künftigen Mietern, was ihnen am Herzen liegt: der Spielplatz. Dass man sich grüsse, eine gewisse Rücksicht nehme und nicht bis in den Morgen auf der Loggia Musik höre. Dinge, die Mieter Tobler unter gesundem Menschenverstand abbucht. Was ihn aber nicht daran hinderte, ein Einweihungsfest mit 50 Freunden zu feiern. Auch dafür sei die Wohnung genial. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.11.2012, 09:43 Uhr)

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Das Buch

«Ein neues Zuhause. Siedlung Triemli 1944–2012». Verlag Neue Zürcher Zeitung, 138 Seiten, 30 Franken.

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