Hintergrund

Ein Industrieareal als Goldgrube

Nahe am Bahnhof Oerlikon wird ein 5,3 Hektaren grosses Fabrikareal frei, das städtebaulich interessante Perspektiven eröffnet. Es geht um viel Geld, zähe Verhandlungen mit der Stadt sind absehbar.

Millionen wert: Industriegelände der Rheinmetall Air Defence, von der Binzmühlestrasse aus fotografiert. Foto: Sabina Bobst

Millionen wert: Industriegelände der Rheinmetall Air Defence, von der Binzmühlestrasse aus fotografiert. Foto: Sabina Bobst

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Wie das Grossareal an zentraler Lage in Oerlikon künftig genutzt wird, dürfte bei Planern, Politikern und in der Bevölkerung über die nächsten Jahre noch für lebhafte Diskussionen sorgen. Denn frei wird ein Gelände von 55'000 Quadratmetern – arrondiert, voll erschlossen und zu Fuss nur wenige Minuten vom Bahnhof Oerlikon entfernt.

Das Fabrikgelände spielte in der Debatte um den Ausbau von Oerlikon zum Zentrum in Zürich-Nord bisher nur darum keine Rolle, weil die Eigentümerin Rheinmetall Air Defence keine Veränderungsabsicht zeigte. Das hat sich gründlich geändert. Die Firma benötige einen neuen Standort «im näheren Umkreis», kündigte Rheinmetall unlängst an; der Produzent von Flugabwehrwaffen ziehe mit rund 700 Mitarbeitenden womöglich schon 2017 aus der Stadt weg.

In Aufzonung stecken Millionen

In den absehbaren Auseinandersetzungen um die künftige Nutzung geht es um viel Geld. Das über fünf Hektaren grosse Areal ist für Rheinmetall viele Millionen mehr wert, wenn die Aufzonung zur gemischten Nutzung als Zentrumszone gelingt. Verbleibt der Löwenanteil der Fläche dagegen wie bisher in der Industriezone, sind die Möglichkeiten der Wertsteigerung begrenzt.

Im Fokus ist ein traditionsreiches Fabrikgelände, das 1907 von der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon bezogen wurde, 1929 vom Rüstungsindustriellen Emil Bührle aufgekauft und später in Oerlikon-Bührle umbenannt wurde. Als Werkzeugmaschinen nicht mehr rentierten, stellte Bührle 1924 auf Waffen um, zeitweise wurden auch Eisenbahnbremsen, Büromaschinen und Strumpfwirkmaschinen gebaut. Der deutsche Konzern Rheinmetall übernahm 1999 das Flugabwehrgeschäft der Firma Oerlikon Contraves mitsamt Fabrikareal mehrheitlich, 2003 dann ganz.

Für Zürich-Nord ist das unverhofft frei werdende Rheinmetall-Gelände städtebaulich eine Chance. Dank der Nähe zum Bahnhof Oerlikon könnte das Areal als Scharnier dienen zwischen dem Bahnhof, dem Neubaugebiet Neu-Oerlikon und älteren Wohngebieten im Südwesten. Das zehnmal so grosse ehemalige Industriegelände Neu-Oerlikon, nördlich vom Bahnhof Oerlikon gelegen, wurde mit grossflächigen Büroklötzen und Wohnsiedlungen zugebaut.

Jahrelanger Planungsprozess

Rheinmetall hält sich bedeckt, wie das Gelände künftig genutzt werden soll. Mit den Immobilienentwicklern Mobimo und Hochtief hat die Eigentümerin ein Konsortium gebildet und will «zusammen mit den zuständigen städtischen Behörden zukunftsträchtige Ideen entwickeln», wie Rheinmetall anlässlich der Umzugsankündigung mitteilte.

Der Entwicklungsprozess stehe erst am Anfang, sagt ein Sprecher des Konsortiums. Die Nutzungsmodelle müssten noch erarbeitet werden, darum wolle man sich vorerst nicht äussern. Hört man sich in Oerlikon um, scheint indes klar, dass dem Konsortium auf dem frei werdenden Areal ein kleinteiliges, vielfältiges Quartier vorschwebt – mit einer stark durchmischten Nutzung aus Wohnen, Dienstleistung, Gewerbe und Kreativfirmen.

Viel wird nun davon abhängen, wie flexibel die Beteiligten den Planungsprozess angehen, der bei einem so grossen Gelände mehrere Jahre dauern kann. Die Ausgangslage ist für die Eigentümerin Rheinmetall eher ungünstig. Ein knapp 3,7 Hektaren grosser, nördlich an die Binzmühlestrasse grenzender Grundstücksteil ist der Industriezone zugeteilt, nur 1,2 Hektaren im Südosten sind aktuell in der Wohnzone – eine weitere, knapp 0,6 Hektaren umfassende parkähnliche Überbauung in der Südwestecke ist gar unter Denkmalschutz.

Stadt will Industrie erhalten

Wie offen sind die Behörden gegenüber einer allfälligen Aufzonung? «Für die Stadt ist die aktuelle Zonierung immer noch richtig», sagt Urs Spinner, Sekretär des Hochbaudepartements: «Die Stadt hat alles Interesse, bestehende Industriegelände für eine Nutzung durch Gewerbe und Industrie zu erhalten.» In diese Richtung zeigten auch regelmässige politische Vorstösse aus dem Stadtparlament.

In dieser Strenge durchgesetzt hiesse das, dass etwa auf den 3,7 Hektaren Industrieareal ausschliesslich Gewerbe- und Industriefirmen angesiedelt werden dürften – dort aber kein Handel, kein Wohnen und nur ganz wenige Dienstleister zugelassen wären. Ob eine so einseitige Nutzung Sinn für Zürich-Nord macht, ist zumindest eine Diskussion wert. Mit Bombardier Transportation hat ein Industriekonzern unweit vom betroffenen Gebiet bereits einen Produktionsstandort.

Erfahrungsgemäss dürfte der erste Stellungsbezug der Stadt indes kaum mehr sein als das Eröffnungsangebot in einem zähen, langen Verhandlungsprozess mit offenem Ausgang. Selbst wenn die Parteien sich einigen, muss eine Aufzonung, aber auch jede andere Zonenplanänderung, vom Gemeinderat und eventuell auch von den Stimmbürgern abgesegnet werden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.02.2013, 06:34 Uhr

An bester Lage beim Bahnhof Oerlikon: Das Industrieareal der Rheinmetall Air Defence. (Bild: TA-Grafik)

Der Grossteil der 55'000 Quadratmeter liegt in der Industriezone, der kleinere ist für Wohnbauten nutzbar. Für Detailansicht auf Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

Für Detailansicht auf Grafik klicken. (Bild: Felix Schaad)

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