Zürich

Ein Konzert besucht und abgeführt: Die andere Sicht auf den 1. Mai

Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 07.05.2010 55 Kommentare

Drei 16- und 17-jährige Jugendliche aus Zürich schildern, wie sie am Tag der Arbeit von der Polizei verhaftet, gefesselt und sechs Stunden lang festgehalten wurden.

Meret, Mathieu, Andreas im Kanzlei, wo sie eingekesselt wurden. (Bild: Doris Fanconi)

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Wer glaubt schon drei Jugendlichen, die am 1. Mai an einem Punkkonzert im Kanzleiareal verhaftet wurden, dass sie nur Musik im Kopf hatten? Dass sie trotz Springerstiefeln und schwarzen Jeans nicht zum schwarzen Block gehören? Meret (16), Andreas (16) und Mathieu (17), Kantischüler aus Wiedikon, erzählen dem TA von ihren Erlebnissen. Motiviert für das Gespräch hat sie der Vater eines Schulkollegen. Sie möchten mit Rücksicht auf ihre Eltern und die Schule anonym bleiben.

Die drei Schüler gehören zu den 353 Verhafteten und zu den 269, denen keine Straftat nachgewiesen werden konnte. Stadtrat Andres Türler (FDP) bezeichnete die Verhaftungen und Wegweisungen als «gutes Mittel» (TA vom Montag). Krawalle und hohe Sachschäden sind weitgehend ausgeblieben.

Meret: Ich machte am Morgen zusammen mit Mathieu am 1.-Mai-Umzug mit, weil ich mich für die Rechte der Arbeiter engagieren wollte.

Mathieu: Um 14 Uhr haben wir im Kanzlei abgemacht. Wir wollten ans Konzert von zwei Ska- und Punkbands. Wir spielen alle Gitarre und sind in Bands.

Bei der Punkgruppe handelt es sich um die vor über 30 Jahren gegründete Formation D.O.A. aus Kanada, die unter Musikkennern als Kultband gilt.

Andreas: Es waren etwa 200 Leute im Areal und 50 am Konzert. Um 15 Uhr hörten wir einen Knall vom Helvetiaplatz her. Leute rannten weg, andere strömten herein, es gab einen Tumult.

Meret: Wir wollten raus, das Tor wurde aber von der Polizei bewacht. Ich fragte, was los sei. Der Polizist sagte: Ihr könnt raus, wenn die Kontrolle fertig ist.

Mathieu: Am Anfang war die Stimmung gut, es gab einen Rap-Contest und genügend Bier.

Andreas: Mit der Zeit gab es kleine Provokationen, gegenseitig. Die Polizei drohte mit dem Wasserwerfer. Und jene, die dringend urinieren mussten und hinter den Baum gingen, wurden mit Pfefferspray vertrieben.

Meret: Wir hatten drei Stunden lang keinen blassen Schimmer, was vor sich ging. Um 18 Uhr machte die Polizei den Kreis immer enger und drängte uns gegen das Tor. Ein Mädchen mit Rock liessen sie laufen. Bei mir sagte einer: Die nehmen wir. Ich musste meine ID abgeben und mit den Händen überm Kopf an eine Wand stehen. Alle Gegenstände, die ich auf mir trug, wurden mir abgenommen und in einem Plastiksack verstaut. Mit einem Kabelbinder fesselten sie mir die Hände auf den Rücken. Die Polizisten waren recht nett. Damit die Schnur des Plastiksacks am Hals nicht einschnitt, stopften sie mir die Kapuze darunter.

Mathieu: Als ich an der Wand stand, fragte ein Polizist den andern: Was soll ich auf den Zettel schreiben? Schreib «Verhaftung wegen Einkesselung».

Andreas: Als Grund für meine Verhaftung meinte der Polizist: «Teilnahme an einer unbewilligten Demo.» Als ich sagte, ich hätte gar nicht demonstriert, wusste er keine Antwort.

Die drei Jugendlichen mussten eine halbe bis anderthalb Stunden beim Kanzleiareal oder in einem Bus warten. Dann wurden sie auf den Polizeiposten bei der Kaserne gebracht.

Meret: Am meisten eingefahren ist mir, dass man uns wie Vieh nummerierte, uns mit Filzstift eine Zahl auf die Hand geschrieben wurde und wir dann mit einem Zettel und einer Nummer um den Hals fotografiert wurden. Mit 30 anderen Frauen wurde ich in eine Zelle gesperrt, ungefesselt. Trinken konnten wir nur Wasser aus der Spüle eines Plumpsklos.

Mathieu: Ich war mit etwa 100 anderen in einer Zelle. Die Minderjährigen kamen zuerst dran. Ein freundlicher älterer Herr, der sich als Kriminalpolizist vorstellte, fragte mich aus. Ich habe gespürt, dass er die ganze Übung ziemlich sinnlos findet. Immer wieder haben die Beamten untereinander getuschelt, was sie aufschreiben sollten. Dann haben sie mit meiner Mutter telefoniert und gefragt, ob ich allein nach Hause kommen dürfe. Meine Mutter war schockiert. Später aber vor allem sauer auf mich.

Andreas: Bei mir hatte es in der Zelle keinen Platz mehr. Wir wurden im Hof in einen improvisierten Käfig gesperrt. Beim Verhör habe ich gefragt, was das Ganze soll. Antwort: Das Kommando habe beschlossen, das Kanzleiareal früh abzuriegeln, weil sich dort immer der schwarze Block formiere.

Meret: Als sie mich aus der Zelle abholten, haben sie mir Handschellen angelegt und mich wie eine Schwerverbrecherin zur Befragung geführt. Der Polizist war dann aber nett, und wir haben Smalltalk gemacht, dann durfte ich selber die Eltern anrufen. Die waren nicht besonders überrascht, weil sie TeleZüri geschaut hatten. Dann musste ich einen Wegweisungsbefehl unterschreiben.

Meret, Mathieu und Andreas gingen zwischen 21 und 21.30 Uhr nach Hause, sechs Stunden nach der Einkesselung. Auf den Wegweisungen stehen verschiedene Begründungen: «Nach einem Konzert eingekesselt» bei Mathieu. «Sich trotz Aufforderung der Polizei nicht entfernt» bei Meret. Andreas bekam keine Wegweisung, und seine Eltern wurden telefonisch nicht verständigt. Seine Vermutung: «Ich habe beim Interview sehr nett dreingeschaut.»

Was ist den dreien geblieben?

Meret: Man kann der Polizei zugutehalten, dass es kaum zu Ausschreitungen kam. Was mir passiert ist, betrachte ich aber als Freiheitsberaubung, als gestohlene Zeit.

Mathieu: Ich habe schon meiner Mutter gesagt, dass ich nichts gelernt habe und nächstes Jahr wieder ans Fest gehen werde. Ich hatte bisher noch nie mit der Polizei zu tun. Die Erfahrung, verhaftet zu werden, hat mich am Anfang schockiert. Dann ist in mir eine Wut aufs System hochgestiegen. Ich begreife nicht, dass alle Polizisten robotermässig mitmachen und, ohne zu studieren, ausführen, was ihnen befohlen wird.

Andreas: Ich habe gelesen, dass der ganze Stadtrat in den Ferien war bis auf diesen Türler. Der war offensichtlich überfordert. Das war eine Aktion mit einer Fehlerquote von 98 Prozent. Die Polizei war auf so viele Verhafteten nicht vorbereitet. Wenn ich Steuern zahlen müsste, würde ich der Polizei keinen Rappen abliefern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2010, 07:31 Uhr

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55 Kommentare

Franz Klammer

07.05.2010, 07:57 Uhr
Melden 2 Empfehlung

"Ich begreife nicht, dass alle Polizisten robotermässig mitmachen und, ohne zu studieren, ausführen, was ihnen befohlen wird." Herrlich dieser Satz, aber leider ist es so. Die Damen und Herren in blau werden so ausgebildet. NICHT mit denken und AUF KEINEN Fall einen Befehl kritisch hinterfragen. In meinen Augen ist bedenklich denn genau solches Verhalten schürt den Hass gegen die blauen Schlümpfe Antworten


Uwe Borck

07.05.2010, 08:06 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Was mich überrascht hat war die umfassende Systematik und das massive Aufgebot mit der der Helvetiaplatz eingekreist wurde. Auch wir waren kurz an dem Konzert, friedlich war es da, und sind kurz vor der Einkesselung gegangen. Interessant auch wie es zum Einsatz von Armeematerial (Superpuma) gekommen ist. Wer hat das geordert, gegen Schweizer Bürger? Passt gut zum neuen Armeekonzept! Nicht? Antworten



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