Zürich, ein Magnet für Reiche

Seit 22 Jahren wird die Stadt von einer links-grünen Mehrheit regiert. Am meisten Freude daran haben die Immobilienfirmen.

Auch dank lebendigen Plätzen sprudeln die Steuereinnahmen: Bullingerplatz. Foto: Alessandro Della Bella

Auch dank lebendigen Plätzen sprudeln die Steuereinnahmen: Bullingerplatz. Foto: Alessandro Della Bella

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Seit 22 Jahren regieren Linke Zürich, die Folgen sind paradox: Reiche lieben die Stadt, für die Armen wird das Leben härter.

Als SP und Grüne 1994 die Mehrheit im Stadtrat übernahmen, sagten Rechtsbürgerliche Zürichs Niedergang voraus. Niemand mit anständigem Lohn halte es aus in der auto­feind­lichen Steuerhölle. Die Reichen retteten sich in die Nachbargemeinden, zurück blieben Beamte und Sozialhilfeempfänger. Zürich verkomme.

Passiert ist das Gegenteil. Das zeigt eine neue Auswertung des Steueramtes. Die Zürcher verdienen so viel wie nie zuvor. Die obere Mittelschicht und die Oberschicht haben sich stark vergrössert. Zürich ist ein Reichen-Magnet.

Unternehmen mögen die Stadt ebenfalls, die Steuereinnahmen von Firmen steigen, auch ohne dass die Grossbanken mithelfen.

Lieber Bäume als Beton

Zwischen 1949 und 1994 dominierten die Bürgerlichen den Stadtrat. Sie verbreiterten Strassen, bauten Büros statt Wohnungen. Die Polizei knüppelte Demonstranten nieder, Süchtige durften sich öffentlich totstechen. Zürich schrumpfte so schnell wie ostdeutsche Städte nach der Wende – von 440'000 Einwohnern 1963 auf 358'000 1997.

Als die Linke die Macht übernahm, setzte sie Tempo-30-Zonen durch (mithilfe einer FDP-Stadträtin), baute Wohnungen, kümmerte sich um die Randständigen; die Polizei wurde freund­licher. Kurz darauf, 1997, begann Zürich wieder zu wachsen. Heute zählt die Stadt 410'000 Einwohner, und es geht weiter aufwärts.

Daran hat nicht nur die Linke schuld. Nach der Hüüsli-Euphorie der Nachkriegszeit sehnten sich viele Menschen in die Städte zurück, dank der Personenfreizügigkeit kamen Hochqualifizierte aus ganz Europa. Und die Gastro-Liberalisierung, dieser Dünger für das Nachtleben, wurde vom bürgerlichen Kanton verordnet.

Trotzdem. Die links-grüne Wohnstadt scheint auch den Reichen besser zu behagen als die bürgerliche Vision einer Bürocity mit Autobahnanschluss. Der eher hohe Steuerfuss schreckt dagegen nur wenige ab.

Eine sanfte Aufwertung nützt der ganzen Bevölkerung – auch den Benachteiligten. Schulen und ÖV werden besser, der Alltag verliert an Härte. Die SP hat sich oft zahm gegenüber den Banken und dem Zürichberg verhalten. Sie brauchte deren Millionen, um Zürich ange­nehmer zu machen.

Doch die Wirkung dieser Politik dreht ins Gegenteil. Beliebtheit macht kostbar. Eine britische Analyse-Firma hat Zürich gerade zur zweitteuersten Stadt der Welt gekürt. Wohnungen, die auf den Markt kommen, haben sich in wenigen Jahren um bis zu 40 Prozent verteuert. In Inseraten rechtfertigen Eigentümer ihre Hochgebirgsmieten mit dem Verweis auf Qualitäten, die sie linkem Eingreifen verdanken: ruhigen Strassen, Pärken, lebendigen Plätzen. So machen sie zu Geld, was die Allgemeinheit geschaffen hat. Die Politik vergoldet den Zürcher Boden, Immobilienfirmen verkaufen ihn.

Während die Stadt Wohlhabende anlockt, sind die unteren Schichten laut Steueramt nicht gewachsen oder teilweise leicht geschrumpft. Im Boom-Zürich gibt es offenbar keinen Platz für Menschen, die weniger als 60'000 Franken im Jahr verdienen. Dafür sorgen die Mieten, die für viele ins Unbezahlbare entrückt sind.

Zürich bietet fürsorgliche Ämter, Hightech-Spitäler, Designer-Spielplätze. Jenen, die sich das Leben in den zwölf Kreisen nicht leisten können, nützt der ganze ausgefeilte Apparat nichts. Wenn es so weitergeht, verschwinden die Ärmeren langsam aus der Stadt – als Kollateralschaden der gelungenen Verschönerungspolitik. So schliesst die Linke diejenigen aus, in deren Namen sie politisiert. Das dürfte sie nicht gewollt haben.

Niemand möchte die Weststrasse wieder für Lastwagen öffnen oder die Junkies an den Letten zurückholen. Die Politik hat kaum Mittel, um die Verteuerung des Bodens zu bremsen. Ihr bleibt nur ein Weg übrig: selber Boden kaufen. So schnell wie möglich, so viel wie möglich.

Das Rezept ist altbekannt, das Geld dazu liegt herum. Nur gibt es niemand aus. Im Herbst 2013 haben die Zürcher Stimmbürger einer neuen Wohnbaustiftung 80 Millionen Franken geschenkt. Bis jetzt hat die Stiftung noch keinen Quadratmeter Boden gekauft. Der offizielle Grund: Sie könne sich nichts leisten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.03.2016, 07:24 Uhr)

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