Ein Milieu-Viertel wird zum Szene-Disneyland

Wie der Zusammenprall von Rotlichtmilieu und Partyvolk das Langstrassequartier verändert: Ein Anwohner, ein Türsteher und ein Wirt erzählen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Peter sitzt am frühen Samstagabend in einer Ecke des Bonneville an der Hohlstrasse und trinkt Bier. Das Lokal mit seiner gemütlichen Atmosphäre, den coolen jungen Männern und schönen Frauen könnte gerade so gut im Kreis 5, dem sprichwörtlichen Trendquartier Zürichs, angesiedelt sein. Doch gegenüber dem Bonneville liegt das Cabaret Red Lips. Auf der Strasse lungern ein paar Junkies herum, das Partyvolk strömt allmählich in die Langstrasse: Männer in Diesel-Hosen, frisch frisierte Frauen, Hiphopper, Yuppies und Grufties. Die schwarzen Dealer, von denen einige in den letzten Wochen wegen ihrer Aggressivität und Gewaltbereitschaft Schlagzeilen gemacht haben, beobachten die Szenerie leicht irritiert.

«Veredelung des Wohnraums»

Peter wohnt seit sechs Jahren an der Langstrasse. Er hat die Veränderungen im Quartier, die eine letzte Woche veröffentlichte Studie des Geografischen Instituts der Universität Zürich als «Veredelung des Wohnraums» bezeichnet, hautnah miterlebt. Die Eröffnung der Longstreet-Bar 2003 war die Initialzündung: Seither sind Dutzende von trendigen Lokalen entstanden, die das Rotlichtmilieu teilweise in andere Stadtteile, etwa nach Seebach, verdrängen. «Die Langstrasse strahlt ein grossstädtisches Flair aus: Wenn ich morgens um drei Uhr Lust habe auf ein Stück Fleisch und Kartoffelstock, kann ich das hier in einem Shop kaufen», sagt Peter.



Der Mittdreissiger arbeitet freiberuflich als Filmschaffender. Die müden Augen und und das fahle Gesicht zeugen von einem unkonventionellen Lebensstil: Peter arbeitet meistens in der Nacht und bewegt sich an der Langstrasse in verschiedenen Szenen: Er trinkt ein Cüpli im Chicken St. Germain oder rockt im Restaurant zur alten Metzgerei ab, einer Heavymetal-Bar. Früher musste er ins Steinfelsareal, um eine Bar oder einen Klub zu finden. Heute hat er das alles gleich um die Ecke, während sich das Steinfelsareal zur «Aargauer Meile» entwickelt habe, wie er sagt. Wenn er ob der vielen harten Arbeit einem Burnout vorbeugen muss, reist er auch schon mal in ein All-inclusive-Hotel in die Dominikanische Republik.

Unzimperliche Dealer

Seinen richtigen Namen und sein Bild will Peter nicht in der Zeitung sehen. Im Parterre seines Wohnhauses dröhnt laute Discomusik. Vor allem Dealer besuchen das Lokal. Peter weiss nicht erst seit dem Übergriff auf den Besitzer eines Juweliergeschäfts vor zwei Wochen, dass die Dealer unzimperlich sind. Schon früher wurden seine Nachbarn bedroht. Peter verkörpert jenen Typus Bewohner der Langstrasse, der das Gesicht des Quartiers seit einigen Jahren verändert. Laut der Studie des Geografischen Instituts der Uni Zürich sind viele Menschen aus Südeuropa, dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei weggezogen. Neu wohnen hier vermehrt Personen aus der sogenannten Kreativwirtschaft: Designer, Galeristen, Journalisten oder eben Filmschaffende wie Peter. Fast alle seine Kunden könne er zu Fuss erreichen, weil sie im Quartier arbeiten. Die erwähnte Studie warnt allerdings davor, die Entwicklung als «Yuppiesierung» zu sehen. Eine grossflächige Umwälzung finde nicht statt, vielmehr sei eine «inselhafte Aufwertung» festzustellen.



Um Mitternacht verschmelzen die verschiedenen Milieus: Freier fahren auf der Suche nach der schnellen Befriedigung mit Offroadern und Limousinen vor. Dealer verkaufen ihre Aufputschdrogen. Und vor dem Klub Zukunft bildet sich eine Schlange von jungen Nachtschwärmern.



Der Türsteher dort macht einen entspannten Eindruck. Seit der Fussball-EM markiere die Polizei häufiger Präsenz. Deshalb seien die Dealer weniger sichtbar, sie hätten sich in die Seitenstrassen verzogen. «Unsere Gäste werden weniger angemacht, sei es wegen Geld oder Drogen», sagt der Türsteher. Er kann bestätigen, worüber Anwohner der Brauerstrasse an einer Kundgebung vor zwei Wochen klagten: Die Langstrasse werde von der Polizei genauer beobachtet und als Partymeile geschützt, Dealer und Junkies dagegen verdrängt. Ein Sprecher der Stadtpolizei widerspricht allerdings: Die Polizei habe keine Direktive, die Langstrasse sauber zu halten. Kaum hat der Türsteher seinen letzten Satz beendet, eilt eine Prostituierte aus der nahe gelegenen Bar Negresco heraus und uriniert auf die Strasse.

Rotlichtmilieu bleibt

«Das Rotlichtmilieu wird nie aus dem Quartier verschwinden. Trotzdem entsteht hier langsam ein Einheitsbrei: die immer gleichen Bars, die immer gleichen Lounges», sagt Franco Sesa, Wirt des Heavymetal-Lokals Zur alten Metzgerei, früher ein Imbissstand. Der Enddreissiger, früher Schlagzeuger der Band Celtic Frost und Bruder des ehemaligen Fussballnationalspielers Davide Sesa, wird weiterhin von jugendlicher Wut und von Idealismus angetrieben. Im Frühling dieses Jahres, erzählt er, wollte ein Töffliklub in seinem Lokal eine Party veranstalten - mit einer ehemaligen Miss Schweiz und DJ. Denen habe er gesagt: «Wir sind kein Laufsteg für Szenis. Geht ins Saint-Germain!»

Sesa glaubt, dass das Partyvolk Urbanität und raues Dasein suche: Die Szenis wollen in Bars gehen, in denen früher gestrippt wurde, weil ihnen so das Gefühl vermittelt wird, ihr Leben sei verruchter. Sie sehnten sich nach einem Stück Wildnis im ach so herausgeputzten Zürich. Seine Heavymetal-Bar bezeichnet Sesa als «Tempel des Hässlichen»: «Unsere Gäste gehen nicht an die Börse. Und bei uns hat man nicht das Gefühl, man müsse eine Frau abschleppen, um seinen Status zu erhöhen. Wir sind echt und deshalb ein Kontrapunkt. Wo an der Langstrasse kann man noch eine Stange trinken für 4.50 Franken?»

Laut der Studie des Geografischen Instituts ist nicht zu erwarten, dass sich das berühmteste Rotlichtviertel der Schweiz zum gehobenen, hippen Stadtteil entwickelt. Aber es wird zur Unterhaltungsmeile, zum Disneyland der Schweiz, in dem sich Junge und Erwachsene je nach Geschmack und Vorliebe austoben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2008, 08:02 Uhr

TA Marktplatz

Kommentare

Abo

Weekend-Abo

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Beinfreiheit einmal anders: Im sächsischen Niederwiesa machen riesige Frauenbeine auf die Ausstellung «High Heels - die hohe Kunst der Schuhe» aufmerksam, die im nahen Schloss Lichtenwalde zu sehen ist. (23. Mai 2017)
(Bild: Sebastian Willnow/DPA) Mehr...