Ein Sandwich zum Zmittag soll reichen

Mit einer Tagesschule liessen sich die explodierenden Hortkosten in Zürich vermeiden, sagt die FDP. Bei der Stadt ist man skeptisch, unternimmt den Versuch aber trotzdem.

Das Essen als wichtiger Bestandteil der Schulkosten: Mittagessen der privaten Tagesschule ZIS in Adliswil. (Archivbild)

Das Essen als wichtiger Bestandteil der Schulkosten: Mittagessen der privaten Tagesschule ZIS in Adliswil. (Archivbild) Bild: Keystone

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Wenn Gemeinderätin Claudia Simon (FDP) erklärt, wie die Stadt Zürich die ständig steigenden Hortkosten (TA von gestern) in den Griff bekommen könnte, tönt alles ganz einfach: Statt der zwei Stunden Betreuung über Mittag, wie sie heute angeboten werden – mit einem währschaften Mittagessen –, plädiert Simon für eine Mittagspause von maximal 60 Minuten. Als Verpflegung gäbe es ein Sandwich oder eine Suppe, und um Platz am Mittagstisch zu sparen, könnten die Schülerinnen und Schüler gestaffelt zum Essen antreten. «Dafür würde die bestehende Infrastruktur ausreichen», sagt Simon. Die Kosten für jährlich 800 bis 1000 neue Hortplätze könnte sich die Stadt Zürich sparen.

Das Modell bewährt sich im Kanton Tessin. Es ist im Ausland, etwa in Italien, schon lange üblich und bezieht die Eltern in die Betreuung mit ein: Irgendwann zwischen 14 und 15 Uhr ist die Schule nämlich für alle aus. «Wir wollen die Zeit, die Kinder in der Schule verbringen, nicht erhöhen», sagt Simon.

Viele Eltern könnten es sich einrichten, am Nachmittag zu übernehmen, ist sie überzeugt. Sei es, weil ein Elternteil ohnehin zu Hause ist. Sei es, weil man sich als Selbstständigerwerbender die Zeit frei einteilen kann. Oder sei es, weil der Arbeitgeber gleitende Arbeitszeiten unterstützt. «Ein 50- bis 60-Prozent-Pensum liegt unter diesen Umständen drin», sagt Simon. Wenn es beiden Elternteilen unmöglich sei, bereits um 14 Uhr zu Hause zu sein, könnten die Kinder immer noch in einen Hort, der dann je nach Modell von den Eltern selber bezahlt werde. Weil nur wenige auf dieses Angebot angewiesen seien, mache das Modell die Sache in den meisten Fällen auch für die Eltern billiger.

Qualität spielt keine Rolle mehr

Was so einfach tönt, bereitet den Verantwortlichen bei der Stadt Zürich derzeit Kopfzerbrechen. Mit der Überweisung einer FDP-Motion im April hat das Schulamt den Auftrag gefasst, das vorgeschlagene Modell zu prüfen. «Es kommt auf die Rahmenbedingungen an, ob man damit auch Geld sparen kann», sagt Sprecherin Regina Kesselring. Eine Rolle spielt etwa, ob die Dauer der Mittagspause den Kindern weiterhin erlaubt, über Mittag nach Hause zu gehen. «Ist die Pause so kurz, dass alle Kinder in der Schule verköstigt und betreut werden müssen, kann die Betreuung nur unentgeltlich sein», sagt Kesselring. Sie wäre ein Bestandteil des obligatorischen Schulbesuchs. «Das hiesse, dass alle Kinder und nicht wie bisher 40 Prozent betreut werden müssen.»

Die Infrastruktur müsste angepasst werden und die Kosten für die Betreuung müsste die Stadt zu 100 Prozent übernehmen. Elternbeiträge, die heute immerhin 20 Prozent der Hortkosten decken, würden entfallen. Es könnte höchstens die Verpflegung in Rechnung gestellt werden. «Daher ist es durchaus möglich, dass Mehrkosten entstehen», sagt Kesselring.

Interessant findet Kesselring den Umschwung in der Diskussion. «Sollen Kinder nun Sandwich, Joghurt oder Müesli zum Zmittag mitbringen oder eine ausgewogene, warme Mahlzeit erhalten?» Bisher sei immer die Qualität der Betreuung ein Thema gewesen. Im Zusammenhang mit den Kosten stehe diese nun nicht mehr im Mittelpunkt.

Essen daheim auch nicht besser

FDP-Gemeinderätin Simon macht darauf aufmerksam, dass noch immer ein grosser Teil der Schüler über Mittag zu Hause isst. «Und seien wir ehrlich, so gut verpflegt werden die Kinder dort oft auch nicht.» Selten lande mehr als Pasta, ein aufgewärmtes Findus-Plätzli oder Fischstäbchen und Salat auf dem Teller. Simon spricht als Mutter aus eigener Erfahrung. Das sei auch nicht weiter schlimm. «Der grosse Familientisch mit einer ausgewogenen Mahlzeit findet in den meisten Familien abends statt.» Am Tagesschulmodell mag Simon vor allem den Zuwachs an Lebensqualität. «Weil alle Kinder zur gleichen Zeit und relativ früh nach Hause kommen, kann die Familie noch etwas zusammen unternehmen.» Auch Sportvereine und Musikschulen könnten sich darauf einstellen. So seien die Kinder an vielen Tagen auch ohne Hort bis zum Abend betreut.

Die SP unterstützt das Modell, fordert aber auch den Ausbau der regulären Tagesschulen, die eine Betreuung bis um 18 Uhr sicherstellen. Bei der Stadtzürcher SVP hat man den Vorschlag noch gar nicht diskutiert. «Wir sind prinzipiell gegen die Betreuung von Kindern ausserhalb der Familie», sagt Gemeinderätin Marina Garzotto. Ob mit oder ohne Segen der übrigen Parteien: Bis zur Einführung dauert es noch ein Weilchen. Bis 2015 will die Stadt gemäss Kesselring das Modell im Detail ausarbeiten und in mehreren Schulkreisen versuchsweise einführen. Die flächendeckende Umsetzung sei frühestens 2025 zu erwarten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.09.2012, 18:26 Uhr)

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