Zürich
Ein freisinniger Umweltschützer
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 12.02.2010
«Sich für die Umwelt einzusetzen hat nichts mit der Parteifarbe zu tun»: Stadtrat Andres Türler (FDP).
Stichworte
Persönliches
«Am liebsten Ferien in Höngg»
Lieblingsferienort? Höngg. In der Ferienzeit sind weniger Leute in der Stadt, und dann geniesse ich es hier ganz besonders. Ich bin schnell im Grünen, und die edlen Tropfen wachsen vor der Haustür.
Lieblingsbuch? Alle Krimis, die in Zürich spielen.
Grösstes Laster? Ich kann nicht verbergen, dass ich mich gerne gutem Essen hingebe. Grösste Jugendsünde?
Da hat sich glücklicherweise der gnädige Mantel des Vergessens darüber gelegt.
Vorbild? Nicht eine einzelne Person. Ich denke etwa an die Tramfahrerin, die ihren Job mit grosser Freude ausführt und sich zudem noch im Kinderzirkus Robinson und im Trammuseum engagiert. Sie ist für mich ein Vorbild für ihre Einstellung zum Beruf und zur Gesellschaft.
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Zürcherinnen und Zürcher müssen beim Einkaufen stets damit rechnen, dass sie von einem freundlichen Herrn in den Fünfzigern angesprochen werden, der von ihnen wissen will, wie sie Energie sparen. Es ist einer, der es ganz genau wissen will: «Und was tun Sie mit der Fernbedienung, wenn Sie den Fernseher ausgeschaltet haben?» Die Befragten müssen auf der Hut sein, denn der Mann liebt Fangfragen – schliesslich war er früher Staatsanwalt.
Heute ist Andres Türler Stadtrat und zuständig für die Industriellen Betriebe. Alle zwei Wochen schwärmt er mit EWZ-Mitarbeitern in die Quartiere aus, um dem steigenden Stromverbrauch auf den Grund zu gehen. «Schliesslich kann ich nicht vom Pult aus verfügen, dass wir nicht mehr Strom verbrauchen dürfen», meint er.
In der letzten Legislatur haben ihn, den Freisinnigen, vor allem Projekte zur nachhaltigen Energieversorgung umgetrieben – Geothermie, Windenergie, umweltschonende Heiz- und Klimaanlagen, 2000-Watt-Gesellschaft – und er hat dafür über 400 Millionen Franken beim Volk abgeholt, jeweils mit gegen 80 Prozent Zustimmung. In gewisser Weise müsste man auch die 59 Millionen für das Tram Zürich-West dazuzählen. Diese Projekte hat ihm zwar die linke Ratsmehrheit aufgetragen, er hat sie aber, wie ein Sozialdemokrat bemerkt, nicht widerwillig ausgeführt. Eine zweite Geothermiebohrung im Triemli hat er allerdings gestoppt, nachdem die Stadt dort nicht auf warmes Wasser gestossen ist.
Ein Blauer? Roter? Grüner
So heisst es manchmal, Türler sei kein richtiger «Blauer», kein richtiger Freisinniger mehr, sondern ein Rot-Grün-Blauer. Das hört er nicht gerne: «Sich für die Umwelt einzusetzen hat nichts mit der Parteifarbe zu tun.» Ausschlaggebend sei, wie man das tue. Die Grünen hätten die Strompreise verdreifachen wollen, er habe mit dem Effizienzbonus Anreize zum Stromsparen geschaffen. Zudem habe er es nach langen Verhandlungen abwenden können, dass die Stadt den Vertrag mit dem Kernkraftwerk Gösgen sofort kündigt und nachher den Strom teuer auf dem Weltmarkt einkaufen muss.
So ist Türler den einen zu rechts und den anderen zu links. Nach Ansicht von SVP-Gemeinderat Bruno Wohler ist er «schon nicht ganz ein FDPler». Er betreibe – Stichwort 2000-Watt-Gesellschaft – sehr linke Politik und fördere die heimische Wirtschaft nicht. Zwar zahle das EWZ bis zu 400 Franken, wenn jemand einen stromsparenden Kühlschrank kauft, meist kämen die Geräte aber aus dem Ausland. SP-Gemeinderat Davy Graf hingegen kritisiert, Türler würde vorschnell Ideen ausschlagen, wenn sich diese unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht bis zum Schluss auszahlen würden. In den Augen Grafs ist Türler ein klassischer Freisinniger, «wie man ihn heute oft vermisst»: Er trage Verantwortung und biedere sich nicht bei der SVP an.
Ein grosser Fan Zürichs
Türler, Jahrgang 1957, ist seit knapp acht Jahren im Stadtrat. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Zürich und arbeitete später als Staatsanwalt. Er ist, wie er stolz bemerkt, seit 23 Jahren verheiratet und Vater zweier Söhne.
Man könnte sich Türler auch als Stadtpräsidenten vorstellen: Er ist volksnah, hat Drive und ist mindestens ein so grosser Fan von Zürich wie Elmar Ledergerber: Seine Ferien verbringt er am liebsten zu Hause in Höngg, und wenn er einmal wegfährt, sagt er hernach: «Bis Oerlikon hat es mir noch ganz gut gefallen.» Dennoch – Stadtpräsident will er nicht werden: «Ich will nicht das Sprachrohr einer linken Mehrheit sein», begründet er. Intellektuell sei das zwar zu leisten, innerlich würde ihn das aber zerreissen. Auch hat seine Affinität zur Kultur Grenzen. «Gerade so gerne wie eine Kunstausstellung schaue ich mir ein Kraftwerk an.»
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Erstellt: 11.02.2010, 04:00 Uhr
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