Ein guter Held erfindet sich selbst

Peter Zeindlers Leben ist eine Reihung von grossen und kleinen Geschichten. Der 81-jährige Zürcher Thriller-Autor verarbeitet sie in seinen Büchern. Da kam es schon vor, dass Protagonisten real auftauchten.

Peter Zeindler mag Rituale – und trifft sich deshalb jede Woche mit einem Freund in der Altstadt-Bar. Foto: Doris Fanconi

Peter Zeindler mag Rituale – und trifft sich deshalb jede Woche mit einem Freund in der Altstadt-Bar. Foto: Doris Fanconi

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Jeden Dienstag von 16.45 bis 17.45 Uhr trifft Peter Zeindler in der Altstadt-Bar in der Kirchgasse seinen Freund Kurt, einen pensionierten Englischlehrer. Seit vielen Jahren. Er selber trinkt stets einen Zweier Weissen, Kurt stets zwei Stangen, exakt eine Stunde lang plaudert man über die vergangene Woche und datiert sich auf. Am Schluss zahlt jeder 13 Franken. Hernach zieht man noch gemeinsam zum Bellevue; auf dem Hechtplatz geht der eine immer links am Abfallkübel vorbei und der andere immer rechts.

«Es ist ein Ritual», sagt Zeindler. Zwei nicht mehr junge Herren parodieren das Verkauzen im Alter. «Wir kommen uns vor wie Statler und Waldorf, die zwei ­Alten in der ‹Muppet Show›.»

Man ist schon beim einen Thema, um das es – neben dem Schreiben und den Erinnerungen – gehen soll: Altwerden. Zeindler ist 81. Falls es jüngere Leserinnen und Leser geben sollte, die ihn nicht kennen: Er ist ein Mann der vielen Talente. Redaktor beim Schweizer Fernsehen war er und daselbst auch Gastgeber der Gesprächssendung «Club». Lange Jahre moderierte er das Bernhard Littéraire im Zürcher Bernhard-Theater. Vor allem aber ist er ein erfolgreicher Thrillerschreiber, gelesen im ganzen deutschsprachigen Raum.

23 Bücher hat er geschrieben. Das 24. ist im Entstehen. Auch der kommende Roman soll – Zeindlers Markenzeichen – Zeitgeschehen aufnehmen. Der Protagonist, ein hiesiger Journalist, wird von ­einer einstigen DDR-Geliebten erpresst. Er muss für sie spionieren. Und zwar in Rapperswil, wo sich im Roman ein ­russischer Oligarch niedergelassen hat, der dem realen Michail Chodorkowski nicht unähnlich ist.

Erzählerische Umwege

Zeindler wäre nicht Zeindler, wenn die Geschichte sich nicht zusätzlich komp­lizierte. Der Protagonist unter Druck schickt seiner Erpresserin brav Informationen. Bloss sind diese frei erfunden. Graham Greenes «Unser Mann in ­Havanna» klingt an. In jener Agenten­satire von 1958 spannt der englische Geheimdienst einen Engländer mit Wohnsitz in Havanna für sich ein. Bei den Plänen eines angeblichen militärischen Komplexes der Kubaner, die er beschafft, handelt es sich in Wahrheit um die aufgeblasene Konstruktionsskizze ­eines Staubsaugers.

Mit Peter Zeindler zu reden, führt vom Hundertsten ins Tausendste; das ist positiv gemeint. An vielen Punkten des Gesprächs könnte man reizvollerweise in mehrere Richtungen abzweigen. Vorerst dies: Seine Kindheit war nicht die glücklichste. Immerhin legte sie den Grundstein für sein literarisches Schreiben, das sich um Maskierung und Demaskierung dreht. «Ich musste mich als Kind permanent verstellen», sagt Zeindler.

«Ich musste mich als Kind permanent verstellen»Peter Zeindler

Seine Mutter, eine sehr spezielle Seele, habe nicht gestattet, dass einer aus der Familie krank sein durfte. Als Zeindlers Schwester eine Brille bekam, habe die Mutter zu ihm gesagt: «Gell, du mit deinen schönen Äuglein musst nie eine Brille tragen!» Der Satz war letztlich ein Befehl, und weil Zeindler seine Kurzsichtigkeit also nicht eingestehen durfte, sah er irgendwann im Mathematik-Unterricht die Aufgaben an der Tafel nicht mehr und bekam miese Noten.

In einem Pfadfinder-Sommerlager bekam er Mumps. Trotz Fieber machte er alle Touren mit. «Ich wollte nicht nach Hause, weil ich meine Mutter nicht quälen wollte mit meiner Krankheit.»

Bomben über Schaffhausen

Zu seiner Schaffhauser Jugend gehören Kriegserinnerungen. Zeindler, Jahrgang 1934, weiss noch, wie nachts die Engländer über Schaffhausen flogen. Ihnen traute man zu, dass sie Schweiz und Deutschland unterscheiden konnten. Die Amerikaner flogen tagsüber. Vor ihnen fürchtete man sich. Am 1. April 1944 warf ein US-Geschwader seine Bomben über Schaffhausen ab. 40 Menschen starben, 271 wurden verletzt. Peter Zeindler war an jenem Samstag bei den Pfadfindern. Vom Aussichtspunkt Säckel­amtshüsli sah er, wie die Bomben einschlugen. Er rannte heim und fand die Familie heil im Luftschutzkeller.

In Zürich dissertierte Zeindler bei Emil Staiger, dem legendären Germanisten, der sich später mit Max Frisch ­anlegte in der Frage, wie schmutzig Literatur sein darf. Von der Dissertation «Der negative Held im Drama» kann man bestens den Bogen zu Konrad Sembritzki spannen. In zwölf Romanen setzte ihn Zeindler als Held ein. Oder eben als Negativheld.

Auch ein Melancholiker

Sembritzki: ein Deutscher mit Wurzeln im Osten. Gewesener Agent des deutschen Bundesnachrichtendienstes BND, Antiquar in Bern, Frauenversteher und -verstörer. Ein Ausgestiegener, der sich gezwungen sieht, wieder die Fäden seines Spionagenetzes aufzunehmen. Ein Melancholiker wie Zeindler.

Eine solche Person erfindet man, ­indem man sie nicht erfindet. Zeindler, der sich via seine Fernseharbeit mit dem Doyen des Spionageromans anfreundete, dem grossen John LeCarré, traf im Gefolge einer TV-Recherche in Bern auf einen Antiquar. Der erzählte, wie er einst dem BND zudiente. So wurde der erste Sembritzki-Roman geboren, in dem Sembritzki hinter den Eisernen Vorhang reisen muss, nach Prag, um herauszufinden, weswegen sein alter BND-Chef in Deutschland ermordet wurde.

Als Zeindler einst in Bern aus einem Sembritzki-Roman las, war das reale Vorbild Sembritzkis anwesend. Mitten in der Lesung stand er auf und schrie: «Sembritzki, das bin ich!»

«Diese Distanzierung von Europa von rechts aus irritiert mich.»

Zeindlers Thrillerwelt, das ist der Kalte Krieg, das ist aber auch Europa nach dem Ende der Sowjetunion. Dazu geht es in seinen Romanen oft um die Schweiz. Um Geldwäsche, Neonazis, ­internationale Spionagenetze mit eid­genössischem Ableger. Und um Raubkunst; in diesem Zusammenhang kreierte er («Aus Privatbesitz») eine an den Kunstsammler Christoph Blocher gemahnende Figur. Auf die Frage, was er überhaupt von Blochers SVP hält, sagt er: «Diese Distanzierung von Europa von rechts aus irritiert mich. Da ist viel Egoismus drin.»

Zeindler ging mit Blochers älterem Bruder Gerhard in die Schule. Ab und zu war er als Bub bei Blochers zu Hause im Pfarrhaus zu Laufen am Rheinfall. Wie nach dem Essen die Blocher-Mädchen in die Küche mussten zum Abwasch, die Blocher-Buben aber in die Studierstube zum Lernen, das habe ihm freilich der Hans Ruh erzählt. Der spätere Sozialethik-Professor, ebenfalls ein Jugendfreund aus jenem Kreis.

Schwerreich – an Anekdoten

Gleich noch eine Anekdote: Im Juni 1989 reist Zeindler zwecks literarischer Recherche für einen Thriller in die estnische Hauptstadt Tallinn. Im Hotellift trifft er eine Deutsch sprechende Balletteuse. Die Frau hat gute Kontakte. Sie macht für Zeindler ein Treffen mit einem Schriftsteller und Filmer auf dessen Datscha möglich; der Mann, eine Art Widerständler oder Dissident, erzählt ihm von den Umtrieben der russischen KGB-Geheimdienstler in Tallinn und benennt deren Chef. Sehr ergiebig.

Einige Zeit später sieht Zeindler zu Hause in Zürich im Fernsehen den est­nischen Aussenminister. Den kenne ich doch, denkt er. Es ist der Intellektuelle von der Datscha. Lennart Meri wird später gar Staatspräsident des vom Kommunismus befreiten Estland.

Und eine letzte Anekdote: Als Fernsehredaktor beauftragt Peter Zeindler den linken Journalisten Niklaus Meienberg, eine polarisierende Figur, mehrmals mit Filmprojekten. Anfang der 80er-Jahre macht Meienberg einen Film über die Pariser Oper und stellt Aufnahmen juwelenbestückter Damen Metro-Bettlern gegenüber. Die TV-Chefs toben. Zeindler kündigt schliesslich. Zuvor muss er bei vier Hierarchen des Senders antraben. Der eine hat den Film über die Oper abgesegnet. Als Zeindler ihm dies vorhält, wehrt dieser sich – Real­satire – mit dem Argument, er habe Ton und Bild des Films separat visioniert.

Peter Zeindler ist schwerreich an ­Geschichten. Er ist oft und weit gereist. Unterdessen geht er nicht mehr so gern weg. In seinem Alter mache man Bekanntschaft mit einer merkwürdigen Art Heimweh. «Man hat auswärts Angst, vielleicht nicht mehr zurückzukehren.» Deshalb bleibt er, dessen dritte Frau vor längerem gestorben ist, heute meist in seiner Zürcher Wohnung. Er kocht für sich, er arbeitet. Immerhin geht er jede Woche Tennis und Volleyball spielen und macht Krafttraining. «Rituale ­helfen, dass man sich stabilisiert», sagt er. Womit sich der Kreis geschlossen hat zum Anfang dieses Textes: zum Dienstagsritual mit Freund Kurt in der Altstadt-Bar. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2016, 07:45 Uhr)

Zürcher Begegnungen (3)

Peter Zeindler

In loser Folge präsentiert diese Serie ­bemerkenswerte Leute in Zürich. Heute ist es Peter Zeindler. Er schrieb bisher 23 Spionage- und Agentenromane sowie Geschichtensammlungen; hinzu kommen Hörspiele und Drehbücher («Tatort»). Der gebürtige ­Zürcher, 81-jährig, verbrachte den Grossteil seiner Kindheit in Schaffhausen und lebt seit Jahrzehnten in Zürich.

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