Zürich
«Ein halbes Jahr nach meiner Chemo wog ich 100 Kilo»
Interview: Felix Schindler. Aktualisiert am 02.06.2009
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Sie wurden dieses Wochenende Europameister der Velokuriere in Berlin. Ist das ihr wichtigster Erfolg?
Aus sportlicher Sicht schon. Letztes Jahr bin ich an der WM Zweiter geworden, aber die Europäer sind stärker einzuschätzen als die Nordamerikaner. Ich meine, die stärksten Velokuriere der Welt waren dieses Wochenende in Berlin.
Noch vor drei Jahren haben Sie mit dem Tod gerungen, sie hatten Krebs und mussten eine Chemotherapie über sich ergehen lassen. Wie ging es ihnen damals?
Nicht wirklich gut. Während der Chemo hatte ich 10 Kilo Muskelmasse verloren, aber Fett statt Muskeln. Ein halbes Jahr nach meiner Chemo wog ich fast 100 Kilo. Damals konnte ich keine ganze Schicht als Kurier durchfahren, selbst über die Quaibrücke musste ich einen leichteren Gang einlegen.
Wie haben sie die Krankheit überwunden?
Das ging eigentlich fast ganz von alleine. Man liess mir Tropfen rein, und es hat geholfen. Ich weiss nicht, ob ich wirklich viel Einfluss auf meine Genesung hatte. Aber es war sicher so, dass der Tod für mich nie eine Option war. Ich war immer davon überzeugt, dass ich wieder gesund werde. Erst im Nachhinein war mir klar, wie knapp ich am Tod vorbeigeschlittert war.
Hätten Sie damals gedacht, dass Sie wieder fit genug werden, um Europameister der Velokuriere zu werden?
Zweifel hatte ich schon, aber vielleicht war die Krankheit auch ein Ansporn. Ich war 29 als ich krank wurde. Damals habe ich mir gesagt, dass es nicht die Chemo sein darf, an die ich meine Fitness verliere. Wenn ich schwächer werde, dann deshalb, weil ich alt werde. Das musste ich mir nun beweisen.
Das heisst, sie haben dieses Wochenende einen endgültigen Strich unter das Kapitel Krebs gezogen?
Nicht ganz. Einen Erfolg auf der Bahn braucht es noch. Aber ich bin zuversichtlich, dass der sich diese Saison noch einstellen wird.
An Velokurier-Meisterschaften wird nicht nur Velogefahren, sondern auch tüchtig gefeiert. Sie sind heute 33 Jahre alt und wurden kürzlich Vater. Konnten Sie deshalb ohne Kater ans Rennen starten?
Ich ging nicht nach Berlin an die EM, um zu gewinnen, sondern um mit meinen Freunden eine gute Zeit zu haben. Natürlich habe ich mich ein bisschen zurückgehalten, aber ich feierte vor dem Final trotzdem bis zwei Uhr morgens.
Gilt das auch für ihren Beruf? Fahren sie nicht defensiver, seit ihr Sohn zuhause auf Sie wartet?
Ich war eigentlich schon immer der Ansicht, dass ich im Strassenverkehr sehr sicher unterwegs bin. Das einzige Mal, dass ich im Strassenverkehr einen Unfall hatte, bin ich bei grün über eine Kreuzung gefahren.
Sie sind Velokurier seit 12 Jahren. Ist es ihnen nie langweilig geworden?
Zwischendurch schon. Dann habe ich mich entschlossen, Betriebsökonomie zu studieren. Kürzlich habe ich abgeschlossen. Zur Zeit fahre ich noch zwei Schichten pro Woche und habe diverse Teilzeitjobs nebenbei. So kann ich Zeit mit meiner Familie verbringen und beginne jede Schichte mit Elan.
Wann werden Sie ihre letzte Schicht fahren?
Da sage ich lieber nichts dazu. Nach einem Titelgewinn im Sprint vor sieben Jahren war ich bei Kurt Aeschbacher zu Gast, und er fragte mich dasselbe. Damals sagte ich, mit 30 sei ich garantiert nicht mehr Velokurier. Offensichtlich habe ich mich geirrt, den heute fahre ich noch immer als Velokurier und hoffe, dass das noch lange so bleibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.06.2009, 23:37 Uhr
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