Ein halbes Leben im Kiosk – trotz wiederholter Überfälle

42 Jahre stand Ursina Muzsnyai täglich in ihrem Laden. Aber jetzt ist Schluss.

Ursina Muzsnyai zeigt ihren Kiosk. Video: Ev Manz

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Kaum eine Kioskfrau hat mehr Schlagzeilen geschrieben als Ursina Muzsnyai. Zehnmal wurde die heute 80-Jährige in ihrem winzigen Geschäft an der Forchstrasse 195 im Quartier Hirslanden überfallen. Zehnmal stand sie am nächsten Morgen kurz vor sieben Uhr wieder in ihrem Kiosk, als wäre nichts geschehen. In den Medien wurde sie mit «Stehaufkioskfrau» betitelt, und schon bald lud Kurt Aeschbacher sie als Gast in seine Sendung ein. Und immer galt: Aufhören ist kein Thema.

Nun schliesst Ursina Muzsnyai ihren Laden auf Ende Jahr trotzdem. Nicht weil ihr alles zu viel geworden wäre, sondern weil die Stadt die Liegenschaft im nächsten Jahr renovieren wollte. Das tut sie nun zwar nicht, Muzsnyai aber bleibt bei ihrem Entscheid. «Es ist grad gut so.» 42 Jahre seien genug, sagt die zierliche Frau und lächelt. Mehr nicht. Man ist verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit sie darüber spricht. Gleichzeitig kann man sich gut vorstellen, wie unaufgeregt sie ihren Angreifern jeweils getrotzt hat und wie die Sache nach dem Polizeirapport für sie jeweils abgeschlossen war.

Schottland, Göteborg

Es war ein einfaches Inserat, das Ursina Muzsnyai in den 1970er-Jahren angesprochen hatte. Für den Kiosk in der kleinen Ladenpassage wurde eine Nachfolge gesucht. Muzsnyai war damals Telefonistin, wollte aber schon lange etwas Eigenes machen. In Schiers aufgewachsen, hatte sie die Haushaltsschule besucht und war strenge Arbeit von Haus aus gewohnt. Sie hatte alles Mögliche schon gemacht: In Arosa hatte sie serviert, bei Kleiner in Zürich Backwaren verkauft, in einem schottischen Spital Kranke gepflegt und für einen englischen Konsul in Göteborg gekocht sowie dessen Hund spazieren geführt. Also sollte das auch mit dem Kiosk klappen, sagte sie sich und stand fortan an sechs Tagen in der Woche zwölf Stunden im Kiosk, und das im wahrsten Sinne des Wortes. «Ich sitze erst seit ein paar Jahren hie und da ab, wenn nichts läuft.»

Die Kundschaft hat schon seit einigen Jahren laufend abgenommen. Zeitungen verkauft Muzsnyai nur noch wenige, Zeitschriften vereinzelte. Stumpen und Zigarillos führt sie schon gar nicht mehr. Die wenigen Kunden, die kommen, kaufen einzelne Päckli Zigaretten, selten noch ganze Stangen. Falls doch, dann steigt Muzsnyai auf die Bockleiter und holt die letzten Stangen vom obersten Tablar. Einmal habe ihr ein Arzt angeboten, für sie hochzusteigen. Sie lehnte ab. Später traf er sie bei einem Tanzanlass wieder und sah, wie sie über die Tanzfläche wirbelte. «Da ist ihm klar geworden, dass ich wohl noch besser die Leiter hochklettern kann als er.» Manchmal stürmen auch einige Kinder in den Laden und fragen nach einem «Gratis-Zältli». In Ruhe kramt Muzsnyai sie hervor. Sie hören gerade noch, dass sie die Tür schliessen sollen, dann sind sie weg. «Die Kinder von heute: Sie kennen weder ‹Grüezi›, ‹bitte›, ‹danke› noch ‹auf Wiedersehen›.»

Zum Abschied ein Fernseher

Ihre eigene Tochter sah Ursina Muzsnyai in den letzten 36 Jahren nur noch selten. Sie ist mit 19 Jahren nach Kanada ausgewandert. Die beiden mittlerweile erwachsenen Enkel kennt sie praktisch nicht. «Man gewöhnt sich an alles, auch an das.» Sie habe ja nie Ferien gehabt und sie deshalb nie besuchen können. Und die Tochter habe kein Geld gehabt für eine Reise in die Schweiz. Noch heute unterstützt sie Muzsnyai mit ihrem Einkommen. Und zu ihrem ungarischen Ehemann, dem sie ihren Nachnamen verdankt, hat sie seit 30 Jahren keinen Kontakt mehr.

Doch nun, da sie den Laden bald nicht mehr hat, liebäugelt sie mit einem Besuch in Kanada. Sie sei nämlich immer gerne gereist. Oder sie geht wieder mehr Ski fahren, schliesslich habe sie sich vor ein paar Jahren noch Carving-Ski gekauft. Ihre Freunde, mit denen sie sich nach Feierabend all die Jahre jeweils im Wilden Mann getroffen hat, haben jedenfalls auch für Beschäftigung gesorgt und ihr einen Flachbildschirm gekauft. «Vielleicht werde ich nun statt Zeitung lesen einfach fernsehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2014, 21:45 Uhr

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