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Ein neuer Geist ist in den Güterbahnhof gezogen

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 25.07.2011 7 Kommentare

Das Areal des Güterbahnhofs in Aussersihl wird von Künstlern, Weinhändlern, Architekten und einem Alteisenhändler zwischengenutzt – inmitten des früheren Bahnbetriebs und einer ungewissen Zukunft.

Wie weiter am Güterbahnhof? Zur Zeit werden die Hallen von Künstlern und Gewerblern zwischengenutzt.

Wie weiter am Güterbahnhof? Zur Zeit werden die Hallen von Künstlern und Gewerblern zwischengenutzt.
Bild: Keystone

Sortiert am Güterbahnhof jährlich 30'000 Tonnen Altmetall: Bernhard Kunz. (Bild: Doris Fanconi)

Die Zeichnerin Karin Schuh. (Bild: Doris Fanconi)

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Abstimmung 4. September

Zürich – Das kantonale Stimmvolk hat 2003 mit 55,7 Prozent Ja-Anteil dem Gesetz für ein Polizei- und Justizzentrum (PJZ) zugestimmt. Damit hat es die Regierung beauftragt, auf dem Areal des alten Güterbahnhofs in Zürich-Aussersihl für 490 Millionen Franken ein «Kompetenzzentrum für die Bekämpfung der Kriminalität» zu bauen und so gleichzeitig die Kaserne für eine andere Nutzung freizuspielen. Dort sollen Abteilungen der Kantonspolizei, der Staatsanwaltschaft, des Justizvollzugs sowie die Polizeiwissenschaften, die Polizeischule und Teile des Bezirksgerichts einziehen. Doch die Planung verlief harzig: Berechnungsfehler, Kostenüberschreitungen und wiederholte Nutzungsänderungen erschütterten das Vertrauen. Weil GLP und EDU ins Nein-Lager von SVP, Grünen und AL wechselten, lehnte der Kantonsrat im September 2010 den 570-Millionen-Baukredit mit 89 zu 82 Stimmen ab. Der Regierung blieb nichts anderes übrig, als die Aufhebung des PJZ-Gesetzes zu beantragen. Das Parlament stimmte dieser im Januar klar zu. FDP, SP, CVP und EVP ergriffen das Referendum, um die Frage erneut vors Volk zu bringen und so das PJZ zu retten. (pak)

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Früher standen hier jeden Morgen Taglöhner in der Hoffnung auf Arbeit. Aber jetzt sind sie weg. Es gibt keine Arbeit mehr, weil im Güterbahnhof keine Züge mehr einfahren. Zwischen den Geleisen, die hinter dem prächtigen Hauptgebäude enden, drückt die Natur zwischen den Schottersteinen durch; Wiesenblumen und ganze Fliederbäume stehen in Blüte.

Dass hier nicht mehr der ordentliche Betrieb herrscht und ein neuer, aufmüpfiger Geist eingezogen ist, wird schon beim Eingangstor augenfällig: Drei riesige trojanische Holzesel empfangen die Besucher; mit ihnen ist Architekt Ralph Baenziger, ein langjähriger Mieter, gegen die Europaallee in den Abstimmungskampf gezogen – das Projekt seiner Vermieterin SBB. Ganz hat sich der alte Geist der Bundesbahnen aber nicht vom Areal vertreiben lassen: Er befiehlt noch immer, was zu tun, und vor allem, was zu lassen sei: «Velos anstellen verboten», steht auf einem Schild oder «Zutritt für Unberechtigte verboten». Und allenthalben «Rauchen verboten». Beachtet wird es aber von keinem mehr.

Die Weinhändler

Unter der «Güterhalle Empfang», dem linken Arm des Hauptgebäudes, liegt der wohl grösste Weinkeller der Stadt. Er ist einen halben Kilometer lang und bietet Platz für Millionen von Weinflaschen. Im Ladenlokal der Weinhandlung Boucherville weisen die Schilder an der Decke zu den schönsten Destinationen, die sich ein Weinliebhaber vorstellen kann: Provence. Burgund. Champagne. Vier Händler haben sich im Keller eingemietet: für Wein sind die Bedingungen fast ideal. Die Luftfeuchtigkeit ist tief, die Temperatur ebenfalls, und sie schwankt nur um wenige Grad. Und: Es hat Parkplätze. «Darauf sind wir angewiesen», sagt Peter Kuhn von Boucherville. Könnte jeder Kunde nur zwei Flaschen mitnehmen, würden sie kaum etwas verkaufen.

Der Alteisenhändler

Früher sind die Züge direkt in die Güterhalle gefahren und während die Fuhrwerke bereits draussen auf die Fracht warteten. Heute stellt hier die Kunst-Halle Güterbahnhof Werke von Trudi Demut und Otto Müller aus, Schoscho Rufener veranstaltet Events. Der grösste Mieter ist aber Alteisenhändler Kurz – der letzte von fünf in Zürich. Jedes Jahr liefern Gewerbe und Private 30 000 Tonnen Ware an – Metalle und alles, «was einen Stecker dranhat», wie es Inhaber Bernhard Kurz formuliert. Seine Mitarbeiter sortieren das Material, pressen es zu handlichen Paketen und verschicken sie in die Welt: Aluminium in die EU, Kupfer nach China und Indien, Edelmetalle an den Meistbietenden.

So verschieden die 60 Mieter sind, sie alle sorgen sich um dasselbe: Wohin gehen sie, wenn das Areal umgenutzt wird? Manche suchen seit Jahren nach Räumen. Umsonst. In der Stadt, so sagt Kurz, gibt es keine 5000 Quadratmeter grosse Halle. Und selbst wenn es sie gäbe, würde sie eher eine Computerfirma als ein Alteisenhändler bekommen. Und selbst wenn er sie bekäme, könnte er die Miete nicht zahlen.

Es geht aber um mehr als um Quadratmeter und Franken. Es geht um Ausstrahlung. Der Backsteinbau aus dem Jahr 1897, in den 70er-Jahren noch von 700 Angestellten belebt, wirkt heute wie eine verlassene Westernstadt, in der der Wind um die Häuser pfeift und Türen knarrend wiegt. «Etwas verwahrlost, aber voller Charme», meint Künstlerin Karin Schuh, die mit ihren Bildern von 3 auf 3 Metern auch auf Platz angewiesen ist. Und hier, weitab vom «Zürcher Luxemburgerli-Stil», sagt Architekt Ralph Baenziger, findet der Geist Freiraum.

Der Cembalo-Bauer

Im rechten Arm des Hauptgebäudes betrieben die SBB einst eine kleine Schweisserwerkstatt, und noch immer hängt ein öliger Geruch im Raum. Heute baut hier Julian Holman Cembalos. Nicht einmal für einen Bleistift fände sich in seiner Werkstatt noch Platz: Sie ist vollständig mit Holzspänen, Farbtöpfen, Werkzeugen, leeren Tassen und ein paar Spinnweben bedeckt. Und mittendrin stehen die zwei Cembalos, zwei Schmuckstücke in Rot und Grün. Holman hat ihre Einzelteile aus der Unordnung in Ordnung überführt: Die Tasten, die Stimmgabeln, die Saiten – alles ist höchst präzise im Kasten der Instrumente angeordnet.

Holman ist aufgeregt. Morgen kommt ein Musiker vorbei, der sich für ein Instrument interessiert. Er ist Autodidakt, und als er sein erstes Cembalo baute, hatte er noch nie eines gesehen. Erst kürzlich ist er mit der Bitte ans Konservatorium gelangt, man möge ihn eines anschauen lassen. Er wollte sehen, ob das, was er baut, einem Cembalo entspricht – kaum vorstellbar, wenn man die beiden Kunstwerke sieht und Holman darauf spielen hört.

Weshalb gerade Cembalos, die Holman nur schön findet, weil sie im Grunde nicht schön sind? Von denen er sagt, sie erinnerten ihn an Schreibmaschinen? Er erzählt von einer Schallplatte von Domenico Scarlatti, die ihm vor Jahren in die Hände gefallen sei. Er mochte den silbernen Klang des Instruments und die lustvolle Barock-Musik, die sonst gar nicht lustvoll ist. So war er später, als er seine Stelle als Englischlehrer verloren hatte und Möbel schreinerte, für die Bitte einer Freundin empfänglich, einen Schutzkasten für ihr Cembalo zu bauen. Und bald baute er für deren Freundin ein richtiges Cembalo.

Die beiden Cembalos sind erst seine Nummern 3 und 4, die Körper von Nummer 5 und 6 stehen aber bereit. Er hofft, dass er spätestens mit dem Verkauf von Nummer 6 genug Geld hat, um in seine Heimat Kanada zurückkehren zu können. Seine Augen werden wässrig. Er verlangt nur 10 000 Franken für ein Instrument und der Lebensunterhalt frisst schnell wieder alles weg. Jetzt hofft er auf den Käufer morgen.

Die Autonome Schule

Das Programm steht an der Hauswand: «Gegen die Isolation». Die Autonome Schule Zürich will die Kategorien zum Verschwinden bringen, in welche Menschen eingeteilt werden; Nationalität oder Aufenthaltsstatus sollen keine Rolle mehr spielen. Ihre Strategie: Sie lehrt Flüchtlingen und Sans-Papiers Deutsch, um sie aus der Isolation zu holen. Im April 2010 besetzte sie zu diesem Zweck die Baracke beim Eingang – und sicherte deren Gittertüren mit Veloschlössern. Miete könnte die Schule nicht bezahlen, sie finanziert sich hauptsächlich aus Spenden. Damit zahlt sie den rund 100 Schülern – sie nennt sie Teilnehmende – die Billette zum Güterbahnhof. Die Lehrer – Moderatoren – arbeiten unentgeltlich. Das Schulzimmer ist winzig und mit vier Bänken völlig überstellt; an der Wandtafel stehen Auszüge des Unterrichts: «Modalverben: können, müssen wollen». «Wir erfüllen eine Aufgabe, die der Staat wahrnehmen müsste», sagt Moderatorin Nina Gämperle. Ihr Kollege Raphael Jakob ergänzt: «Weil unser Haus aber auch ein Treffpunkt ist, entsteht Neues, das von aussen gar nicht sichtbar ist.» Er spricht von der Schule, es gilt aber für den ganzen Güterbahnhof. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2011, 07:23 Uhr

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7 Kommentare

Fred Frohofer

25.07.2011, 08:55 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Wenn sich am 4. September bei der Aufhebung des Polizei- und Justizentrum-Gesetzes das Nein durchsetzt, wird der Güterbahnhof ausradiert und es entsteht u.a. ein Knast. Bei einem Ja wird dagegen der heutige Zustand erhalten: Das Gebäude bleibt im Inventar des Denkmalschutzes, das Gelände bleibt Industrie- und Gewerbezone. Also, nur mit einem Ja kann die Vielfalt und das Gebäude erhalten bleiben. Antworten


Felix Elsener

25.07.2011, 10:15 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Lasst das alles doch so wie es ist! In den 70 und 80 Jahren habe ich viele Stunden dort verbracht. Ich Arbeitete damals bei der Firma Otto Fischer als LKW Chauffeur, und wir sind den Güterbahnhof pro Tag 6 x Angefahren. Und haben alles per Bahn Verschickt an die Elektriker in der ganzen Schweiz. Das waren noch schöne Zeiten, auch wann es harte waren. Antworten



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