Ein neues Bein kostet 100 Franken

Alt-Nationalrat Roland Wiederkehr startet kurz vor Ostern eine Spendenaktion, die Unfallopfern in Indien wieder auf die Beine helfen soll. Er findet, das passe zum Fest der Auferstehung.

Hilfe statt Wohlfahrt: Dank Beinprothesen finden indischen Verkehrsopfer zurück ins Leben. Video: Jaipurfoot

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Roland Wiederkehr nennt sein Projekt «Ein neues Bein für 100 Franken», und er startet damit bewusst zum Frühlingsbeginn und kurz vor Ostern. Denn es gehe um eine «Auferstehung», findet er. Wiederkehr, der als langjähriger Leiter des WWF Schweiz bekannt wurde und sechzehn Jahre im Nationalrat sass (LdU und parteilos), ist klar, dass dieser Vergleich in manchen Kreisen als Provokation empfunden wird. Doch er beharrt darauf: «Es geht wirklich um eine Auferstehung. Diesen Menschen wird ein neues Leben geschenkt.»

Vor Jahren ist Roland Wiederkehr eher zufällig auf das in der Schweiz wenig bekannte indische Hilfswerk Jaipur Foot gestossen. Es unterstützt Menschen, die bei Verkehrs- oder anderen Unfällen ein Bein verloren haben, mit Beinprothesen. Diese wurden bewusst so entwickelt, dass sie kostengünstig, dauerhaft und gut anzupassen sind. Die einfachen Bestandteile werden von Handwerkern im indischen Jaipur gefertigt, bei der Entwicklung des ersten Kniegelenks arbeitete ein Schweizer Designer aus Brugg mit. Die Stanford-Universität modifizierte das Jaipur-Knie – es kommt künftig aus dem 3-D-Drucker.

Dass sich nun Wiederkehr nach etlichen Jahren wieder an dieses Hilfswerk erinnerte und Jaipur Foot von der Schweiz aus unterstützen will, hat im Grunde mit einer Erfolgsgeschichte zu tun. Vor dreissig Jahren war er Mitgründer der Vereinigung für Familien der Strassenopfer, die später in Road Cross Schweiz umbenannt wurde. Der Organisation gelang es, dieses Thema in die Traktandenliste der nationalen Politik zu schreiben und vieles zu bewegen. Wiederkehr sagt: «Wir sind in der Schweiz in der Beziehung schon recht weit gekommen.» Die Zahlen zeigen das eindrücklich auf: Vor dreissig Jahren starben auf unseren Strassen 1034 Menschen, 2016 waren es noch um die 200. Bei etwa fünfmal mehr Verkehr.

Hilfe, nicht Wohltätigkeit

Doch damit ist es nicht getan, findet Wiederkehr. «Wenn man über den Tellerrand hinausschaut, sieht es ganz anders aus.» Der 74-Jährige rattert die Zahlen von Verkehrstoten in verschiedenen Ländern herunter wie ein Primarschüler das kleine Einmaleins. Weltweit sind es jährlich 1,3 Millionen Tote und über 50 Millionen Schwerverletzte. «Der Verkehr ist die grösste Seuche unserer Zeit», sagt Wiederkehr. «Und diese Seuche wütet vor allem in den Entwick­lungs- und Schwellenländern immer stärker, da dort der Verkehr zunimmt.» Deshalb engagiert er sich nun international, mit seiner Stiftung Carecross.

Hilfe, nicht Wohltätigkeit, lautet das Motto: Jährlich werden 16'000 Prothesen angepasst. Foto: Purushottam Diwakar (Getty Images)

In Indien sterben laut Wiederkehr jedes Jahr 75'000 Jugendliche zwischen 15 und 25 im Verkehr, 12'000 zumeist junge Menschen verlieren bei einem Verkehrsunfall ein Bein. Das von Carecross nun lancierte Projekt will möglichst ­vielen von ihnen wieder auf die Beine helfen.

Jaipur ist die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Rajasthan mit drei Millionen Einwohnern. Wiederkehr selbst war noch nie dort, doch hat ein extra dorthin entsandter Schweizer Orthopäde beste Referenzen über das Projekt abgegeben. Der offizielle Name der indischen NGO lautet in voller Länge Bhagwan Mahaveer Viklang Sahayata Samiti (BMVSS). Die Nichtregierungsorganisation unterhält mittlerweile 23 Zentren in ganz Indien und weitere Limb-Fit-Camps in Afrika, Indonesien und in der Karibik. Jedes Jahr werden rund 16'000 Beine angepasst. «Eine jährliche Wiederauferstehung für 16'000 Menschen», sagt Wiederkehr. Ein Grundsatz des heute 80-jährigen Gründers Padma Bushan Devendra Raj Mehta, der einst selbst nur mit Glück einen schweren Verkehrsunfall überlebte, heisst: «Help, not Charity», Hilfe, nicht Wohltätigkeit. Wiederkehr ist mittlerweile in engem Kontakt mit dem in Vevey lebenden Enkel des Gründers, Rakshit Mehta, der Jaipur Foot offiziell in Europa vertritt.

Ein Jaipur-Bein mit Knie kostet rund achtzig Franken inklusive Anpassung. Filme auf der Homepage von BMVSS zeigen, wie die jungen Menschen damit wieder auf Bäume klettern oder um die Wette springen können. Wiederkehr sagt gerne: «Wir müssen Step by Step machen.» Und meint damit wohl nicht nur, dass man nur mit kleinen Schritten vorwärtskommt, sondern vor allem, dass man nie am Ziel ist. So hat das Projekt eine weitere Dimension – und damit sind wir bei der Differenz zwischen den Kosten des Beins und dem Spendenaufruf. Mit den restlichen 20 Franken sollen in Indien Kampagnen gestartet und unterstützt werden, um die Zahl der Verkehrsopfer zu reduzieren.

Viel Leid und hohe Kosten

Wie das anzustellen ist, weiss Wiederkehr: Er hat in den letzten Jahren mit ­finanzieller Unterstützung der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) in Ostblockländern, insbesondere in Polen, solche Kampagnen initiiert und vorangetrieben. «Man muss insbesondere den Politikern klarmachen, dass Verkehrsunfälle nicht nur viel Leid, sondern auch enorme Gesundheitskosten verursachen», sagt Wiederkehr. Zumal gerade in armen Ländern kaum jemand eine Versicherung habe. «Road ­Safety» müsse im Zusammenhang mit internationalen Entwicklungszusammenarbeiten deshalb unbedingt mehr in den Focus gerückt werden. Auch hier kann er Zahlen vorweisen: Polen hat vor zwei Jahren ein Paket von Massnahmen nach Vorbild der Schweizer Verkehrsgesetzgebung eingeführt.

Verkehrserziehung in den Schulen, bessere Ausbildung für den Führerschein, Tempolimits, härtere Sanktionen für Raser. Die Zahl der Verkehrstoten ist seither von 4200 auf unter 3000 pro Jahr zurückgegangen. Und Wiederkehr erhielt vor einem Jahr in Dublin den President Award der Europäischen Verkehrspolizei (Tispol) «für seinen dreissigjährigen Einsatz für weniger Tote und Verletzte im Verkehr und für mehr Hilfe für Opfer».

www.carecross.org, www.jaipurfoot.org (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 23:31 Uhr

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