Ein neues Leben «wie im Viersternhotel»

Die Stadt Zürich will bis 2050 zur 2000-Watt-Gesellschaft reifen. Dem Verein Neustart Schweiz ist dies zu wenig. Er will die 1000-Watt-Gesellschaft.

Oft noch weit vom Ziel entfernt: Werbung für eine 2000-Watt-Gesellschaft-Siedlung in Leimbach.

Oft noch weit vom Ziel entfernt: Werbung für eine 2000-Watt-Gesellschaft-Siedlung in Leimbach. Bild: Esther Michel

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Utopie oder Fernziel? Seit die Zürcherinnen und Zürcher 2008 mit grosser Mehrheit Ja zur 2000-Watt-Gesellschaft gesagt haben, sinniert die Politik darüber, ob und wie die Stadt diesen Auftrag des Stimmvolks bis 2050 erfüllen kann. Während die Bürgerlichen von einer ideologisch verbrämten Wunschvorstellung sprechen, halten rot-grüne Politiker die neue Gesellschaftsform für realisierbar – wenn auch nur mit einem Effort. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) sieht Zürich denn auch vor einem «epochalen Wandel» stehen, wie sie unlängst sagte.

Im Schatten dieser Debatte hat der Verein Neustart Schweiz eine Vision entworfen, die noch kühner ist: die 1000-Watt-Gesellschaft. Den Weg dazu beschreibt er in einem Manifest mit dem Titel «Nachbarschaften entwickeln». Die Schrift nimmt wiederholt Bezug auf die Stadt Zürich, wo der Verein seinen Sitz hat. Er zählt 236 Mitglieder, darunter finden sich Experten für Nachhaltigkeit, Ethiker und Futurologen.

Alternativenergie genügt nicht

Neustart Schweiz geht davon aus, dass wir über kurz oder lang ohne fossile und nukleare Energien auskommen müssen. Die Menge alternativer Energien werde global nicht genügen, um die 2000-WattGesellschaft zu verwirklichen, mahnen die 1000-Watt-Visionäre. Sie wollen deshalb den ökologischen Fussabdruck nochmals verkleinern – und trotzdem «so angenehm wie im Viersternhotel» leben. In der 2000-Watt-Gesellschaft sehen sie eine «willkürlich gemilderte Version» dessen, was eigentlich nötig sei: ein radikaler Umbau der Gesellschaft und ihrer Lebensart. Die 2000-Watt-Gesellschaft sei ein Zugeständnis an die politische Realität, «erfunden, um die Akzeptanz zu verbessern», heisst es im Manifest.

Verzicht soll Freude bereiten

Vehement bestreitet «Neustart Schweiz», was die 2000-Watt-Befürworter aus dem rot-grünen Lager beteuern: dass uns die Wende zur postfossilen Gesellschaft dank erneuerbarer Energie und mehr Effizienz weder Einschränkung noch Verzicht abverlangen wird. Die 1000-Watt-Visionäre propagieren dagegen eine neue Lebensform, in der Verzicht auch Freude bereiten kann – «eine neue Genusskultur jenseits des Massenverkehrs und -konsums».

Wie ein solches Leben aussehen könnte, skizziert Neustart Schweiz detailliert. Der 1000-Watt-Mensch belastet die Erde fünf- bis sechsmal weniger, als es der Zürcher heute tut – jedoch immer noch zehnmal mehr als eine Äthiopierin. Er weiss, dass Mobilität viel Energie und Ressourcen frisst, und verzichtet deshalb weitgehend aufs Autofahren und Fliegen. Nur einmal im Jahr gönnt er sich eine ausgedehnte Zugreise durch Europa oder eine Schiffsreise. Der 1000-Watt-Mensch ist sich bewusst, dass selbst der öffentliche Verkehr in seiner heutigen Form nicht nachhaltig, da zu energieintensiv ist. Er nimmt es deshalb hin, wenn die Stadt einige Tramlinien stilllegt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist er pro Tag im Schnitt höchstens 9 Kilometer unterwegs. Er fährt dafür umso mehr Velo und geht fleissig zu Fuss.

Wohnen auf 20 Quadratmetern

Seinen Fleischverbrauch verringert der 1000-Watt-Mensch auf 18 Kilo pro Jahr, und er kommt pro Tag mit 70 Liter Wasser aus statt wie heute mit 160. Seine Zeitung teilt er mit neun Leuten, seine Kleider und Möbel stammen vorwiegend aus Secondhandläden. Er isst saisonale Produkte aus der Region, er wohnt nicht auf über 50 Quadratmetern wie heute, sondern auf 20, dies in einem Minergiegebäude. Den Schlüssel zur Wende sehen die 1000-Watt-Visionäre in der sogenannten Relokalisierung. Die Stadt Zürich soll sich aus ihrer «extremen Abhängigkeit» von der globalen Wirtschaft befreien und in möglichst hohem Mass Selbstversorgerin werden. Energie, Güter, Nahrungsmittel, Dienstleistungen – all dies soll aus lokal verfügbaren finanziellen und natürlichen Ressourcen erzeugt werden, und zwar von den Menschen, die hier leben. Motor dieser Relokalisierung ist die Kostenwahrheit. Die globale Ökonomie sei eine Scheinökonomie, aufrechterhalten durch ein Gerüst von Subventionen, monieren die 1000-Watt-Visionäre. Wenn die wahren sozialen und ökologischen Kosten verrechnet würden, fiele dieses Gerüst zusammen. Die Kostenwahrheit ermögliche somit überall und sofort die lokale Produktion, und zwar ohne Hilfe des Staats.

Zürich komplett umbauen

Die 1000-Watt-Visionäre diagnostizieren eine weltweite Krise der Städte, deren Zentren sie unter zunehmender Verödung und einseitiger Nutzung leiden sehen, dies bei gleichzeitig explodierenden Bodenpreisen. Sie fordern daher: «Zürich muss umgebaut werden, und zwar von Grund auf.» Treiber dieser Umwälzung könne die Stadt Zürich allein, aber auch in Zusammenarbeit mit Privaten sein – allerdings nicht, wie das heute der Fall sei.

Die Stadt, kritisieren die 1000-WattVisionäre, reagiere in den meisten Fällen bloss auf Fakten, welche private Bauherren geschaffen hätten. So im Quartier Affoltern, dessen Bauboom die Stadt verschlafen habe, weshalb sie nun in Windeseile neue Buslinien und Schulen bauen müsse. Eine nachhaltige Quartierentwicklung ist dies in den Augen der 1000-Watt-Visionäre nicht.

Eigenständige Zellen schaffen

Entscheidend für die 1000-Watt-Gesellschaft ist das Denken und Bauen in Modulen: Wohnung, Nachbarschaft, Quartier, Stadt. Jedes dieser Module, so die Idee, soll nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit als eigenständige Zelle funktionieren. Auf diese Weise liessen sich «Überausrüstungen» vermeiden, zum Beispiel zu viele Läden derselben Sparte an einem Ort, ebenso eine «Unternutzung» oder «Verödung» wie etwa an der Bahnhofstrasse abends.

Eine zentrale Rolle kommt der Verdichtung zu, nicht nur in räumlicher Hinsicht. Echte Verdichtung halten die 1000-Watt-Visionäre nur dann für sinnvoll, wenn sie eine soziale Dimension enthält, eine höhere Dichte an Leben. Statt Hochhäuser und damit Anonymität zu schaffen, sollen in Zürich Blockrandüberbauungen entstehen: achtgeschossige, kompakte Gebäude, wo auf einer Hektare bis zu 500 Bewohner wohnen – fünfmal mehr als im Kreis 4, dem Stadtzürcher Quartier mit der höchsten Dichte. Diese Wohnform kombiniere ein «spannendes Strassenleben» mit einem «ruhigen Innenhof».

Als Nachbarschaft mit modellhaften Zügen bezeichnen die 1000-Watt-Visionäre das Projekt der Baugenossenschaft «Mehr als wohnen»: Auf dem HunzikerAreal in Zürich-Nord soll bis 2014 ein neues Stadtquartier für 1100 Menschen entstehen, eine Kombination aus hohem Komfort bei gleichzeitig niedrigem Energie- und Wohnflächenverbrauch. Skizziert wird auch eine Idee für eine Neugestaltung des Kasernenareals im Kreis 4: fünf- bis zehnstöckige Gebäude, eine Halle als Lebensmittellager, ein Park, umsäumt von Wandelhallen, wo es sich flanieren lässt.

Alle Bedürfnisse in Fussdistanz

Das 1000-Watt-Konzept funktioniert nur mit einer Stärkung des Bauernstandes in einer Landwirtschaft, die vor Ort produziert. Eine Nachbarschaft mit 500 Bewohnern braucht zur Versorgung mit Grundnahrungsmitteln eine Landwirtschaftsfläche von 80 bis 100 Hektaren. Ein grosser oder mehrere kleine Bauernhöfe in der Region genügen demnach für die Versorgung. Die Bauern bringen ihre Produkte in ein Lebensmitteldepot, das zusammen mit Verarbeitungsräumen, einer Bäckerei, einer Grossküche und einer Lounge das pulsierende Herz einer Nachbarschaft bildet, das sogenannte Mikrozentrum. Diese Konzentration ermöglicht es dem 1000-Watt-Menschen, all seine Bedürfnisse abzudecken – in Fussdistanz.

Auf dem Land, etwa auf dem Areal des Flugplatzes Dübendorf, sollen zudem Agrarzentren entstehen, wo Bauern ihre Produkte aufbereiten und gemeinsamen abtransportieren. Analog zum Mikrozentrum sollen Agrarzentren zu einem sozialen und kulturellen Zentrum wachsen. Hier kann der Städter mit seinen Kindern Ferien machen, eine Ferienwohnung braucht er nicht mehr.

Effort wie bei Industrialisierung

Neustart Schweiz geht von landesweit rund 14 000 möglichen Nachbarschaften à je 350 bis 800 Einwohner und Landwirtschaftsbetrieben in höchstens 50 Kilometer Entfernung aus. Um diese eigenständigen Einheiten zu entwickeln, soll der Staat Gelder neu verteilen. Neustart Schweiz rechnet mit 70 Milliarden Franken, verteilt über 10 bis 20 Jahre. Diese Investition vergleicht der Verein mit dem Kraftakt, der bei der Industrialisierung der Schweiz im 19. Jahrhundert nötig war. Der Bau der Eisenbahn etwa habe zwar beinahe zum finanziellen Kollaps geführt, sich schliesslich aber «vielfach bezahlt» gemacht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.03.2012, 07:47 Uhr)

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2000-Watt-Gesellschaft

Zürich ist weit entfernt vom Ziel

Bei der 2000-Watt-Gesellschaft handelt es sich um ein energiepolitisches Modell, das Fachleute an der ETH Zürich entwickelt haben. Was die Stadt Zürich anstrebt, war in der Schweiz bereits einmal Wirklichkeit: Zu Beginn der 1960er-Jahre verbrauchte der Schweizer durchschnittlich 17 500 Kilowattstunden pro Jahr; dies entspricht einer kontinuierlichen Leistung von 2000 Watt. In der Schweiz liegen wir heute bei circa 6300 Watt. Man kann sich das vorstellen: Pro Person brennen 63 Glühbirnen zu 100 Watt rund um die Uhr, also 8760 Stunden pro Jahr. Nicht enthalten in dieser Rechnung ist die graue Energie, die bei Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgung eines Produkts anfällt; sie macht weitere 2000 Watt aus.

In der Stadt Zürich liegt gemäss Stadtrat die energetische Dauerleistung ohne graue Energie heute bei rund 5000 Watt pro Einwohner – 20 Prozent unter dem landesweiten Durchschnitt von 6300 Watt. Die Stadt Zürich sieht sich denn auch als Pionierin auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft. Das Gesundheits- und Umweltdepartement mit Claudia Nielsen (SP) an der Spitze hält es für möglich, mit einem Drittel der heute pro Kopf zur Verfügung stehenden Energie auskommen zu können, «und zwar, ohne dabei auf wesentliche Annehmlichkeiten zu verzichten». Dies ist jedoch umstritten.

Gemäss Schweizerischer Energie-Stiftung hat eine Person in einer 2000-Watt-Gesellschaft 500 Watt für die Mobilität zur Verfügung. Davon sind die Zürcher heute weit entfernt. Wer mit einem gewöhnlichen Auto (9 Liter/100 km) pro Jahr 50 000 Kilometer fährt, überzieht sein Konto mit 3300 Watt bereits deutlich. Dasselbe Bild beim Fliegen: Drei Langstreckenflüge mit einer Distanz von total 20 000 Kilometern plus drei Kurzstreckenflüge à je 2000 Kilometer ergeben einen Wert von 4200 Watt pro Jahr. Auch Zugpendler überziehen ihr Budget: Wer ein Jahr lang von Bern nach Zürich pendelt, legt 40 000 Bahnkilometer zurück – 1500 von 2000 Watt sind aufgebraucht. (sth)

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