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Eine Bernerin schrieb den besten Züri-Krimi

Von Monica Müller. Aktualisiert am 27.02.2009

Gerlinde Michel gewinnt für ihren Krimi «Alarm in Zürichs Stadtspital» den 1. Zürcher Krimipreis. Die Entführung eines Babys aus dem Triemli schrieb sie in Spiez.

Preisträgerin Gerlinde Michel hat ihr Fachwissen über Hebammen und Babys in ihren Erstling einfliessen lassen.

Preisträgerin Gerlinde Michel hat ihr Fachwissen über Hebammen und Babys in ihren Erstling einfliessen lassen.

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Für die Stadtbernerin Gerlinde Michel war Zürich lange eine grosse, kalte und anonyme Stadt. Vor zehn Jahren zog ihre Tochter vom Thunersee an die Limmat und wurde über die Jahre zu einer leidenschaftlichen Zürcherin. «Sie hat mich mit ihrer Begeisterung angesteckt», erzählt die 61-Jährige. Weil ihre Tochter als Velokurierin jobbt und eine Firma für Velostadtrundfahrten führt, hat auch Michel Zürich auf zwei Rädern erkundet.

Gerlinde Michel studierte in Bern und Yorkshire Englische Sprache und Literatur, leitete eine Jugendaustauschorganisation, unterrichtete Englisch und Deutsch, übersetzte von ihrer Lieblingsfremdsprache in ihre Muttersprache und war Gemeinderätin in Spiez. Seit 13 Jahren ist sie Redaktorin der Fachzeitschrift «Hebamme.ch». In ihrer Freizeit hat sie Kurzgeschichten geschrieben, für die sie unter anderem an den Solothurner Literaturtagen ausgezeichnet wurde. Schon lange liebäugelte sie mit der Idee, sich «an einer längeren Geschichte zu versuchen». An ihre liebste Gattung, den Roman, wagte sie sich noch nicht: «Die Offenheit der Form traute ich mir noch nicht zu.»

Das Verbrechen als Schreibhilfe

Und so entschied sich Michel, die selbst keine grosse Krimileserin ist, selbst ein Verbrechen auszuhecken und aufklären zu lassen – «diese Strukturvorgabe half mir». Sie nahm sich den viel gehörten Rat zu Herzen, über etwas ihr Vertrautes zu schreiben, und siedelte ihre Geschichte in der Welt der Hebammen und Babys an.

Es ist kurz nach Mitternacht auf der Maternité im Triemlispital. Hebamme Bettina verdrängt das ungute Gefühl, das ein Liftgeräusch und das Quietschen von Autopneus auf der nassen Strasse ausgelöst haben, und nickt einen Moment ein. Als sie erwacht, ist ein Säugling verschwunden. Für die Eltern, das Spitalpersonal und Markus Felchlin folgen drei schlaflose Tage, die den Ermittler in schummrige Hinterhöfe, zu dubiosen Gestalten und schliesslich auf eine heisse Spur führen.

Warum kann dieser Krimi nicht in Bern spielen? Michel lacht über die Vorstellung und schüttelt den Kopf. «Bern ist einfach zu überschaubar und beschaulich, ich brauchte für meine Entführung ein anonymes Grossstadtmilieu, in dem sich ein glaubwürdiger Untergrund ansiedeln lässt.» Um auch die Ermittlungen glaubhaft führen zu lassen, orientierte sich Michel an den Weisungen für die Untersuchungsführung der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich. Mit dem Stadtplan in der Hand suchte sie nach den perfekten Kulissen für ihre Handlung und überzeugte mit dem Resultat die neun-köpfige Jury aus Fachleuten und Krimiliebhabern.

Am Freitag Abend nahm Gerlinde Michel im GZ Wipkingen den mit 2000 Franken dotierten ersten Preis für den besten Zürcher Krimi 2007/08 entgegen. Mit dem Preisgeld möchte sie sich eine Website gestalten lassen. «Alarm in Zürichs Stadtspital» ist bereits 4500-mal verkauft worden und geht soeben in die 5. Auflage. Im Oktober 2008 ist Michels zweiter Krimi, «Cézanne in Zürich?», ebenfalls im Orte-Verlag erschienen. Die gleiche Crew ermittelt darin nach einem Cézanne, der aus einem englischen Museum gestohlen wurde und sich in Zürich befinden soll. Zurzeit schreibt die Preisträgerin an einem Roman, über den sie noch nichts verraten möchte.

Schlechte Lektüre für Wöchnerinnen

Vor zwei Jahren wurde Gerlinde Michel eingeladen, im Triemlispital aus ihrem Krimi zu lesen. Der Spitaldirektor, dessen Alter Ego in «Alarm in Zürichs Stadtspital» nicht besonders gut wegkommt, habe es mit Humor genommen und ein Exemplar gekauft, wie auch viele Angestellte, erzählt die Autorin. «Nur die wenigen Frauen, die meinen Krimi im Wochenbett gelesen haben, raten von einer Lektüre in dieser Situation ab.»

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2009, 21:23 Uhr

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