Eine Kalbsbratwurst ist noch lange nicht «halal»

Von Hélène Arnet. Aktualisiert am 04.09.2009 1 Kommentar

Strenggläubige Muslime haben es nicht leicht, sich in Zürich nach den Vorschriften des Islam zu ernähren. Vor allem Halal-Fleisch ist schwer zu bekommen.

Die Metzgerei im Ege-Market an der Josefstrasse ist eine der wenigen in der Stadt, die Halal-Fleisch anbieten.

Reto Oeschger

Halal

«Halal» bedeutet laut Ali El Hashash, Leiter eines Instituts für interkulturelle Kommunikation in Dietikon, «rein» und meint alles, was im Islam religiös erlaubt ist. «Das umfasst Dinge, Taten, den Umgang unter den Menschen – und eben auch Lebensmittel.» Das Gegenteil, das Verbotene, heisst «haram»: Dazu gehören Alkohol, Schweinefleisch und Blut. In Letzterem begründet sich das Schächten. Dazwischen liegt eine Grauzone, «makruh» bezeichnet: Im Koran nicht ausdrücklich Verbotenenes, aber trotzdem Unerwünschtes.

Laut El Hashash gehen die meisten Muslime recht pragmatisch mit den Essensvorschriften um. Doch für Strenggläubige muss das Fleisch geschächtet werden, wobei die Vorschriften des Islam weniger detailliert als diejenigen der jüdischen «Schechiuta» sind. Damit für Juden Fleisch «koscher» ist, muss der «Schochet» sich an feste Regeln bis hin zum Schliff des Messers halten. Das Tier muss unbetäubt mit einem einzigen Halsschnitt geschlachtet werden und dann ausbluten. Koscheres Fleisch ist für strenggläubige Muslime «halal», «halal» ist aber für strenggläubige Juden nicht koscher. Das Schächten von unbetäubten Tieren ist in der Schweiz verboten. Viele Muslime akzeptieren heute, dass das Tier vor dem Schnitt elektrisch betäubt wird. (net)

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«Coop verkauft geschächtetes Fleisch!» Dieses Gerücht machte letzte Woche in verschiedenen Medien Schlagzeilen. Der Anlass: Seit Anfang September liegen in den grössten Filialen neben gerösteten Kürbiskernen, dem überaus süssen Lokum oder Feigenstrudel auch fünf Charcuterieartikel: Halal-Fleisch. «Halal» heisst bei Fleisch: Nach islamischem Ritus geschlachtet. Coop stellt umgehend klar: Das Fleisch wird aus Deutschland importiert, und die Tiere werden, wie es das Schweizer Tierschutzgesetz vorschreibt, vor dem Schlachten betäubt.

Coop nimmt Halal-Produkte ins Sortiment, weil die Nachfrage danach steigt. In der Schweiz leben rund 340'000 Muslime, im Kanton Zürich sind es 66'500. Und ein Teil von ihnen hält sich an die vom Islam vorgeschriebenen Speisevorschriften. «Das ist gerade in Bezug auf das Halal-Fleisch nicht leicht», sagt ein Mitarbeiter der Stiftung Islamische Gemeinschaft an der Rötelstrasse in Zürich.

Eine halbe Weltreise fürs Fleisch

Gerade für Kinder sei es manchmal schwierig, sich dagegen zu wehren, dass man ihnen im Klassenlager eine Kalbsbratwurst oder ein Poulet-Wienerli als «halal» unterjuble. Beide enthalten meist Schweinefleisch. Und ein strenggläubiger Muslim, der nur Fleisch von nach islamischen Regeln korrekt geschächteten Tieren essen will, müsse oft eine halbe Weltreise auf sich nehmen, um dazu zu kommen. Er kennt in der Stadt Zürich gerade einmal drei Metzgereien, welche zuverlässig Halal-Fleisch anbieten, darunter der Ege-Market an der Josefstrasse. «Ein Metzger sagt dir schnell einmal, das ist halal, auch wenn das nicht stimmt.» Zwar gibt es mittlerweile ein Halal-Label, doch ist dieses in der Schweiz beim Fleisch noch nicht weit verbreitet.

Das eigentliche Schächten, wie es auch die orthodoxen Juden verlangen, ist in der Schweiz verboten. Hierbei muss das Tier ohne vorher betäubt zu sein ausbluten. Allerdings legt das Bundesamt für Landwirtschaft ein Importkontingent für geschächtetes Fleisch fest, welches die Versorgung der strenggläubigen Juden und Muslime abdeckt. Für koscheres Fleisch beläuft es sich zurzeit auf jährlich 315 Tonnen, für Halal-Fleisch auf 525 Tonnen. Dieses Fleisch wird vor allem aus Frankreich importiert. Da die Nachfrage nach Halal-Fleisch stark zunimmt, wurde das Kontingent vor kurzem erhöht. Weltweit werden Halal-Lebensmittel zum grossen Geschäft. Nestlé macht schon heute mehr Umsatz mit Halal- als mit Bio-Nahrungsmitteln.

Seit einigen Jahren akzeptieren viele muslimische Gemeinschaften auch eine vom Tierschutzgesetz erlaubte Methode des Schächtens, bei dem das Tier betäubt wird, bevor es ausblutet. In der Schweiz gibt es einige wenige Betriebe, welche so schlachten: Einer im basel-städtischen Riehen, einer in Buckten BL. Laut der Zürcher Kantonstierärztin Regula Vogel ist dagegen nichts einzuwenden, wenn die Betäubung «fachkundig gemacht und streng kontrolliert» wird. Im Kanton Zürich werde aber nirgends regelmässig so geschlachtet.

Es gibt kein Halal-Restaurant

Die Nachfrage nach Halal-Fleisch nimmt nicht nur wegen der einheimischen Muslime zu, sondern auch wegen der steigenden Anzahl Touristen aus dem arabischen Raum. So titelte die «Hotel-Revue» im vergangenen Herbst: «Noch gibt es wenig Restaurants, die für die gläubigen Araber kochen.» Die Betreiber von Inforel, einer interreligiösen Informationsstelle in Basel (www.inforel.ch), kennen in der Nordwestschweiz kein Restaurant, das Halal-Fleisch anbietet. Und der legendäre Imbissstand an der Ecke Gessnerallee/Sihlstrasse, der koscheres und Halal-Fleisch anbot, ist spurlos verschwunden. Kommt nun also Coop als Retter in der Not und erleichtert strenggläubigen Muslimen das Leben? Die Befragten sind skeptisch. Eingeführt werden vor allem typische Markenprodukte zum Beispiel der Firma Baktat mit eher touristischem oder Heimweh-Charakter. «Diese Lebensmittel haben wir bisher einfach aus der Heimat mitgebracht.» Es sei zwar schön, diese jetzt in Schweizer Läden kaufen zu können. «Doch von Kürbiskernen und Knoblauchwurst können wir uns noch nicht gesund und nach unseren Speisevorschriften ernähren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2009, 22:24 Uhr

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1 Kommentar

Huber Meyer

30.12.2011, 17:24 Uhr
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