Eine Nekropolis für Zürich

Im Untergrund des Friedhofs Sihlfeld gibt es nicht nur Gräber, sondern vor allem Platz für Neues. Architekt Harry Gugger schildert die Vision einer Bestattungsstadt mitten in Zürich.

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Sie präsentieren im Zürcher Friedhof Forum gemeinsam mit Ihrem Studenten Benoît Jacques ein utopisches Bestattungsszenario für den Friedhof Sihlfeld. Wie sieht das aus?
Man sollte vielleicht eher von einer neuen Vision für den Friedhof sprechen. Idee ist es, die freien Flächen auszulagern und neue Strukturen zu schaffen. Betrachtet man die heutige Ausgangslage, fällt sofort auf, dass ein Grossteil der Friedhofsfläche nicht mit Gräbern belegt wird. Das hat mit den veränderten Bestattungswünschen zu tun: Die Zahl der Kremierungen nimmt zu, die Erdbestattungen nehmen ab. Immer mehr Menschen entscheiden sich zudem, in einem Gemeinschaftsgrab beerdigt zu werden. Obwohl so viel Raum frei bleibt, wird der Friedhof noch immer eingezäunt und ist nicht frei zugänglich. Hier setzen wir an.

Indem Sie die Mauern einreissen?
Ja. Mit dem Abriss der Mauern werden die Freiflächen des Friedhofs zu einem öffentlichen Park. Im Sihlfeld ist es allerdings so, dass sich dieser offene, ungenutzte Bereich zwischen den Grabfeldern befindet. Der Friedhof würde somit durch die Parkanlage zweigeteilt. Um trotzdem eine Verbindung zu schaffen, sieht das vorgestellte Forschungsprojekt die Schaffung neuer Bestattungsmöglichkeiten im Untergrund vor.

Der Tod, Bestattung und Trauer sind in unserer Gesellschaft Tabuthemen. Drängt man die Thematik nicht noch mehr an den Rand, wenn man Bestattungsrituale in den Untergrund verlegt?
In unserer Kultur ist der Untergrund tatsächlich stark stigmatisiert. Dabei bedeutet die Verlagerung in den Untergrund nicht gleich eine Tabuisierung. Im Gegenteil: Aufgrund der zunehmenden Verdichtung an der Oberfläche wird der Untergrund immer wichtiger. Deshalb sollten wir diesen Bereich neu definieren. Natürlich kann er nicht von allen und für alle Tätigkeiten genutzt werden. Aber es gibt vieles, was dort möglich ist. Die Schaffung von Bestattungsräumlichkeiten ist eine Variante, die sich beinahe aufdrängt. Solche Optionen sollte man unbedingt nutzen.

Und wie sehen diese Bestattungsräumlichkeiten aus?
Es soll eine Nekropolis für die Bestattungsrituale verschiedener Religionen sein, eine Bestattungsstadt mit Räumen, in denen man sich aufhalten und Ruhe finden kann und die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse aller religiösen Gruppen eingehen. Das Ganze ist durch Oberlichter mit der Oberfläche verbunden. Sie lassen nicht nur Licht in die darunterliegenden Räume ein, sondern sollen auch das Interesse der Menschen für das Geschehen im Untergrund wecken.

Sind klassische Friedhöfe mit Grabfeldern und Mauern ein Auslaufmodell?
Nein, das glaube ich nicht. Sie sind in gewisser Weise auch eine Ausdrucksform des Lebens. Das Bedürfnis nach Erdbestattungen wird es weiter geben. Friedhöfe und Gräber sind zum Teil auch als historische Monumente zu betrachten, die auf keinen Fall aufgehoben werden dürfen. Sie sind spannende Leerstellen im urbanen Gefüge, die Raum greifen und die Kultur eines Ortes abbilden. Als solches sind sie auch architektonisch interessant.

Leerstellen sind gerade in Städten gefragt. Sollte man die nach und nach frei werdenden Friedhofsflächen nicht ganz als Wohnflächen umnutzen?
Nein, denn diese Freiräume mitten in den Zentren sind besonders attraktiv. Gerade in Städten braucht es diese ruhigen Orte, wohin man sich zurückziehen kann. Es muss nicht immer alles effizient genutzt und verdichtet werden. Friedhöfe können wahre Pilgerorte sein, wenn sie gut gemacht sind.

Was zeichnet denn einen guten Friedhof aus?
Das hat vor allem mit der Landschaftsgestaltung zu tun, denn die Anordnung der freien Flächen ist besonders wichtig. Die Friedhofsgestaltung ist eine interdisziplinäre Aufgabe, bei der der Landschaftsarchitekt wohl der wichtigere Fachmann ist als der Architekt. Das Bauen steht nicht so stark im Zentrum wie die leeren Stellen – wie werden diese erschlossen, nach welchen geometrischen Vorgaben sollen sie angelegt werden, wie ist die Topografie einzubinden. Es gibt tausend Fragen und noch mehr Antworten dazu.

Gibt es in Zürich ein Beispiel für einen guten Friedhof?
Der Friedhof Nordheim in der Nähe des Bucheggplatzes ist meines Erachtens ein gutes Beispiel. Die Anlage ist leicht im Hang eingebettet und mit dem Waldrand im Rücken gut abgeschlossen. Die Besucher werden gut durch die Anlage geführt, man findet sich rasch zurecht. Allein das ist eine grosse Kunst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.09.2014, 13:18 Uhr

«Mit dem Abriss der Mauern werden die Freiflächen des Friedhofs zu einem öffentlichen Park»: Harry Gugger, Architekt und Professor an der EPF Lausanne. (Bild: Jason Payne)

Vortrag von Harry Gugger und Benoît Jacques

Architekturstudent Benoît Jacques interpretiert die Idee des «Common Grounds» neu und präsentiert für den Friedhof Sihlfeld sein utopisches Bestattungsszenarium. Es wurde im Rahmen von «Underground Constitution / Deep Urban Switzerland», einem Lehr- und Forschungsprojekt der EPF Lausanne entwickelt. Die Leitung des Projekts hat Professor Harry Gugger, Partner im Architekturbüro Herzog & de Meuron und Inhaber des Harry Gugger Studios in Basel. Ein Abend mit überraschenden Blicken in die Unterwelt.

Der Vortrag findet am 20. November um 18.30 Uhr im Friedhof Forum an der Ämtlerstrasse 149 in Zürich statt. Der Eintritt ist frei. Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier.

Zürich lanciert den ersten Tag des Friedhofs

Am Samstag, 20. September 2014 findet unter dem Motto «An-denken, Vor-denken, Ge-denken» der schweizweit erste Tag des Friedhofs statt, der sich der gesellschaftlichen Bedeutung der Friedhöfe sowie den oft tabuisierten Themen Tod und Trauer widmet. Das Bestattungs- und Friedhofamt sowie Grün Stadt Zürich laden hierzu in den Friedhof Eichbühl in Altstetten ein, wo von 11 bis 15 Uhr verschiedene Veranstaltungen stattfinden werden. Unter anderem widmet sich eine Führung der preisgekrönten Architektur des Friedhofs und den verschiedenen Gräbertypen, Bestatterinnen und Bestatter erzählen aus ihrem Berufsalltag und zeigen, wie Verstorbene für die Beerdigung aufgebahrt werden und an einer Podiumsdiskussion wird das Grab im Wandel der Zeit thematisiert. Neben der Stadt Zürich beteiligen sich in der Schweiz auch die Städte Biel, Luzern und Winterthur am ersten Tag des Friedhofs. (tif)

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