Eine Schwimmkunst-Aktion, die beinahe ersoffen wäre
Von Thomas Wyss. Aktualisiert am 22.03.2009 18 Kommentare
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Sonntagmorgen, 10.21 Uhr, Hallenbad Oerlikon. Der grosse Moment ist gekommen. Roland Wagner steht auf dem Startblock und lockert seine langen Arme. In wenigen Augenblicken wird der 44-jährige Manager und ehemalige Spitzenschwimmer an der Schweizer Meisterschaft den ersten Vorlauf über 50 Meter Freistil bestreiten. In diesem Rennen, so hatte er im Socialnetwork Facebook angekündigt, werde er den Weltrekord über 50 Meter Freistil brechen. Die 20-köpfige, mit rosa Schnauzmützen ausgestattete Delegation seines «Bison Fanclubs», die sich um 9 Uhr im Hauptbahnhof getroffen und gemeinsam mit dem Tram nach Oerlikon gefahren ist, macht auf der Tribüne Stimmung.
10.22 Uhr. Der deutsche Speaker kündigt Wagners Rekordversuch an, der Fanclub skandiert «Roo-li!-Roo-li!», die Athleten gehen in Position. Das Startsignal fällt. Wagner kommt schlecht vom Block, seine rosa Badekappe taucht als letzte aus dem Wasser. Nach wenigen Metern aber hat er zu seinen nicht mal halb so alten Konkurrenten aufgeschlossen, und man merkt, wie man mitzufiebern beginnt. Die Weltbestzeit wird er nicht aufstellen, doch, so hofft man mit und für ihn, schafft er ja wenigstens eine anständige Zeit und die Finalqualifikation. Die Hälfte der Beckenlänge ist zurückgelegt, da macht Wagner plötzlich eine Wende und crawlt im selben Tempo zum Startblock zurück. «Was söll dä Scheiss», sagt ein Zuschauer halb erstaunt, halb wütend. Als Wagner an seinem «Ziel» ankommt, reckt er die Faust in die Höhe und mimt den Sieger. Der Speaker ist empört, vereinzelte Buhrufe gehen durch die Halle. Nur der «Bison Fanclub», der johlt und feiert, öffnet Sektflaschen und schwenkt rosa Kartonschilder mit der Aufschrift «00:00:00 Sekunden».
In diesem Moment dämmert es wohl jedem nicht Eingeweihten in der Schwimmhalle (ja, auch dem Schreibenden): Das ist die pralle Verarsche! Oder um es in den Worten der Pressemitteilung des Cabaret Voltaire wiederzugeben, die gleich im Anschluss an den «Wettkampf» verteilt wird: «Wagner setzte ein künstlerisches Denkmal zu Ehren des kriegerischen neoliberalen Konkurrenzsystems und Leistungswahns.» Wer sich die ganze doppelseitige Mitteilung zu Gemüte führt, entdeckt darin, wie «generalstabsmässig» (auch wenn dies in Zusammenhang mit dem Dadaismus der wohl unmöglichste Ausdruck ist) die ganze Schwimmkunst-Aktion geplant und durchgezogen wurde.
Man hat sehr gezielt und verblüffend glaubwürdig Facebook, Ron Orp, den «Tages-Anzeiger» und gar den Wiener «Kurier» und deren Teilnehmer und Leser hinters Licht geführt. Zwar entspricht vieles, was gesagt, gebloggt und gedruckt wurde, der Realität. So arbeitet Wagner tatsächlich bei IBM. Er ist auch Familienvater, war früher im Nationalkader, hat monatelang trainiert, und er hat die Limite für die Teilnahme an der Schweizer Meisterschaft erfüllt. Aber immer, wenn er oder Cabaret-Voltaire-Ko-Direktor Philipp Meier auf die Ernsthaftigkeit dieses Weltrekordprojekts angesprochen wurden (und dabei mit Vehemenz erklärten, das sei «eine topseriöse Geschichte»), haben sie im Zeichen der am Sonntag live vor Publikum enthüllten «sozialen Skulptur» (O-Ton Pressetext) geflunkert. Laut Roland Wagner hat nicht mal seine Schwimmtrainerin Susanne Keller von der Aktion gewusst, was ihm, wie er am Sonntag zugab, auch zu schaffen machte.
Einer wollte Wagner verprügeln
Nun, wie Kunstprofessorin Sibylle Omlin im Tagi-Interview vom 13. März erklärte, gehören Übertreibungen, Täuschungen oder Provokationen seit je zur Kunst, beim Dadaismus spielen sie gar eine zentrale Rolle. Wer dies weiss, gibt sich als fairer «Gelinkter» und gratuliert dem Cabaret Voltaire und Roland Wagner zur überzeugenden Protestaktion. Verständlicherweise sehen das nicht alle so. Gerade die Sportler, Coaches und Veranstalter, die Wagner nachträglich «aus sportethischen Gründen» disqualifizierten, fühlen ihre Meisterschaft für einen «schlechten Witz» missbraucht und – dies macht die Wut umso grösser – erst noch von einem aus ihrer eigenen Gilde.
Als dann jemand aus dem Fanclub ungeschickterweise auch noch eine Schampusflasche zerbricht (ob es wirklich nötig war, in der Halle das Sektnippen zu zelebrieren, sei dahingestellt) und deren Scherben bis fast an den Beckenrand runter verstreut liegen, kippt die Stimmung endgültig ins Ungemütliche. Es wird geschubst, aggressiv herumgeschrien, und ein komplett durchstartender Trainer droht Wagner gar handfeste Prügel an. Am Ende ist es dann die angerückte Polizei – auch das passt zu Dada, ist aber nicht inszeniert –, die schlichtet und die Aktion vor dem Ersaufen bewahrt.
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Erstellt: 22.03.2009, 20:06 Uhr
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18 Kommentare
Der Zusammenhang von von Leistungssport und Neoliberalismus ist klar.Spitzensport ist die Spielwiese des bürgerlich-liberalen Gedankenguts.Disziplin!Spitzensporter schätzen ihre Eigenleistung zu hoch ein.Auch typisch.Sie haben nur zu grosse Füsse von Gott bekommen.Im extrem-Neoliberalen gehen die Scheukappen noch weiter zu.50 Meter freestlye?Spitzensport brauchte auch mal eine Dusche! Antworten
Offensichtlich finden das einige mutig und lustig. Ich bin überzeugt, keiner von denen war vor Ort. Ich war da. Ich weiss nicht was daran lustig ist wenn Jugendliche viele viele Stunden in eine Randsportart investieren und als Lohn an einer Schweizermeisterschaft teilnehmen dürfen. Und dann kommt so ein Depp daher und zieht alles ins lächerliche. Das ist nicht mutig! Nur unsäglich Dumm! Antworten
Der Zusammen von von Leistungssport und Neoliberalismus ist klar.Spitzensport ist die Spielwiese des bürgerlich-liberalen Gedankenguts.Disziplin vor Chaos.Spitzensporter überbewerten zudem ihren Eigenbeitrag.Symptomatisch.Sie haben nur zu grosse Füsse von Gott bekommen.Im extremen Neolibealismus gehen die Scheukappen noch weiter zu.50 Meter freestlye?Spitzensport brauchte auch mal eine Dusche! Antworten
Dem "Wagner-Voltaire'schen" Protest gegen das «Höher, Weiter, Schneller» aus der Sportwelt und das «Mehr, Mehr, Mehr» aus der Wirtschaft ist der Protest der Sportler gegen das "Dumm, Dümmer, am Dümmsten" entgegenzuhalten, welches uns hier aus der Welt staatssubventionierter (vermeintlicher) Kultur entgegenschlägt. Dada war da, bevor Dada da war - Dada war weg, als Wagner da war! Antworten
So eine Aktion ist blos infantil. Klar kann Kunst provozieren, wenn man aber einfach blos debil "zleidwerchd" hat dies überhaupt nichts mit Kunst zu tun, nur mit überheblicher Selbstinszenierung. Dieser "Schwimmer" ist einfach ein asozialer Destruktiver. Ich frage mich schon lange, warum die Stimmbürger von Zürich so dumm waren und diesem Unsinn noch Geld nachwerfen. Antworten
Gemäss Tele Züri ist Roland Wagner bei der Firma IBM tätig. Setzt sich Herr Wagner auch für bessere Arbeitsbedingungen für die Angestellten des IBM-Hausdienstes ein ? IBM hat diese Dienstleistungen einem Facilitymangementunternehmen übertragen deren Anstellungsbedingungen mehr als dürftig sind. Antworten
Das erinnert mich daran, wie ich in der Schule einmal einen Hundertmeterlauf in 17 Sekunden "gelaufen" bin. Erstaunt über die eigene Frechheit joggte ich strahlend über die Ziellinie, wo mich ein wutschnaubender Turnlehrer erwartete. Das war damals aus dem Bauch heraus, aber die Aktion von R.Wagner gibt mir nun den theoretischen Unterbau. Ihr seid meine Helden! ;-) Antworten
Ich finde die Aktion an sich witzig, mutig und klug. Sie bringt mich, einen leidenschaftlichen Sportler, zum nachdenken. Denn Leistungs- aber auch Amateursport ist ein integraler Teil und Spiegel unserer Gesellschaft, in der es tatsächlich schwer ist, gegen den Strom zu schwimmen (aber das ist wohl in jedem System so). Etwas Selbstreflexion kann nie schaden. Nur schade, dass es so enden musste. Antworten
Herzliche Gratulation an Roland Wiederkehr und das Cabaret Voltaire zu dieser gelungenen Aktion! Einzig schade und bedenklich, dass anscheinend so viele Leute den Sinn dahinter nicht sehen, resp. sich provoziert fühlen und aggressiv reagieren. Das zeigt auf: Es braucht mehr solche Aktionen (aber natürlich auch Leute, die sich für mehr interessieren als bloss Sportresultate...) Antworten
Ist es eine gute Idee, die gleichen Fehler nachzumachen (lügen, hinters licht führen) nur um uns zu zeigen, dass etwas am System nicht stimmt? Wie wär's mit einem positiven Beispiel vorangehen? (Quasi gegen den Strom der Manager und Bankiers schwimmen...) (Man könnte auch allen enttäuschten eine Entschädigung zahlen, z.B.) Antworten
DADA hin oder her - dieser Ort war Jugendliche und Sportler reserviert, um die Früchte ihrer langjährigen Arbeit ihren Eltern, Freunden und der Öffentlichkeit zeigen zu können. Es ist dann wahrhaftig traurig, wenn ein solcher Ort missbraucht wird. Noch trauriger finde ich jedoch, dass die Medien es wieder einmal versäumt haben, die wirklichen Hauptdarsteller und Stars zu zeigen ... Antworten
Kürzlich las ich den Artikel ob die CHer Humor hätten? "Welch Frage" sagte ich mir, und schloss dabei wohl zu sehr auf mich selber. Das erinnert ... wie manch andere Indianer Geschichten ... ziemlich an die Schulzeit. Auch dort gab es immer Hitzköpfe die sich ... entschuldigung ... schnell auf den Schwanz getreten fühlten, eher die Sprache der Fäuste beherrschten. Begrabt das Kriegsbeil ... lacht! Antworten
das cabaret voltaire demontiert sich selbst und wirkt mit seinen gesuchten aktionen nur noch lächerlich. mit kunst hat das alles nichts mehr zu tun. schade und fast nicht nachvollziehbar, dass die stimmbürger der stadt zürich noch 2008 den subventionen zugestimmt haben. Antworten
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Andreas Heuft
Oohhh, da wurde doch die heilige Atmosphäre im Leistungssport gestört durch etwas, was ja gar nichts damit zu tun hätte. Wie soll denn da die Zelebrierung der einseitigen Träume vom Kämpfen und Siegen über die "Bühne" gehen, wenn solche "Spinner" etwas völlig anderes machen ? Es konnten ja alle ungehindert ihren Spitzenzeiten nachjagen. Aber viele zeigten sofort ihr geistig-moralisches Niveau. Antworten