Eine Stadt, ein Verein, eine Bar

Die Flachpassbar – obwohl längst geschlossen – lebt weiter: in einem neuen Buch, in den Köpfen der FCZler und vielleicht dereinst auch im neuen Stadion.

Die Flachpassbar war weit mehr als nur Fussball-Bar: 2004 zum Beispiel auch Austragungsort des GP Flachpass.

Die Flachpassbar war weit mehr als nur Fussball-Bar: 2004 zum Beispiel auch Austragungsort des GP Flachpass. Bild: Reto Oeschger

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Es war eine gute Nacht, um meisterlich zu träumen. Weil der FC Zürich heute gegen Basel spielt und weil seit kurzem sowieso wieder «93. Minute»-Gefühle durch die Stadt geistern. Und selbst wenn die nach dem Spiel verflogen sein sollten, umso nostalgischer wird man sich erinnern: an 2006, als der Verein nach Jahren wieder Meister wurde, sein Präsident auf dem Balkon tanzte und wenig später zurücktrat. Es war das Ende der Ära Hotz, das Ende des alten Letzigrunds und damit auch das Ende der Beiz im Bauch der Tribüne. Der Flachpassbar, wie sie seit 2002 hiess. Wieso, das wissen nicht einmal mehr die, welche der Bar den Namen gaben. Was die Bar aber bedeutete, wissen all jene, die sich je darin zuprosteten. Denn die Stadionbar war «Naherholungsgebiet der Südkurve und Schmelztiegel von FCZlern jeglicher Art».

Nachzulesen ist der Satz im eben erschienenen Buch «Flachpass». Es führt in die Zeit zurück, in der sich ein Klub mit grosser Vergangenheit und kläglicher Gegenwart allmählich zum Meister des kurzen Passes entwickelte. Es scheint ewig lange her zu sein.

Eine Flanke in die Gegenwart

Erinnerungsvorlage alleine will das Buch aber nicht sein. Mit Beiträgen zur Schweizer Stadiongeschichte und Zürcher Stadionmisere schlägt es im Gegenteil eine Flanke in die Gegenwart und wird im Idealfall zur Blaupause eines neuen Fanlokals werden. Abgesehen davon lebt das fein gestaltete Werk von den Fotos, den Illustrationen und natürlich von den Erinnerungen zahlreicher Flachpass-Besucher. Zum Beispiel von Pascal Claude, der in der Bar wirtete und neben Andrea Fischer, Christine Steffen und Saro Pepe einer der Herausgeber ist.

Pascal Claude, den Flachpass gibt es seit 2006 nicht mehr. Wieso kommt das Buch zur Bar erst jetzt?
Die Idee dazu hatten wir zwar schon vor zwei, drei Jahren. Weil es aber nur ein Feierabendprojekt sein konnte, brauchte es bis zur Umsetzung einfach seine Zeit. Umso schöner, dass wir gerade jetzt, bei diesem Stand der Meisterschaft, herauskommen können.

Ein «Buch zu» ist für Zürich nicht untypisch. Es gibt das Buch zur Dachkantine, zur Street-Parade, seit kurzem auch zum FC Zürich selber und nun noch das zur Fan-Bar. Woher kommt das Bedürfnis, Erlebtes schriftlich zu verewigen?
Das haben wir uns auch gefragt. Aber es war einfach zu viel Material da. Fotos, Illustrationen, Texte. Was machen damit? Nichts, ins Internet stellen oder eine Ausstellung organisieren? Wir haben uns für ein Buch entschieden. Auch weil die Situation, sowohl was das Stadion als auch ein Fanlokal angeht, nach wie vor sehr unbefriedigend ist. Es gibt keinen Flachpass, kein Herdern mehr, es gibts nichts, das breiten Kreisen problemlos offen stünde. Auch deshalb ist der Zeitpunkt für das Buch günstig.

Ist der Flachpass über die Zeit nicht «grösser» geworden, als er je war?
Sicher wird die Bar Jahr für Jahr mehr verklärt, was allerdings auch mit der erwähnten «Stadiondürre» zu tun hat. Man wünscht sich einfach die Heimat zurück, die man verloren hat. Für mich persönlich – ich habe nur die ersten beiden Jahre im Flachpass gewirtet und war danach einfach Gast – sind die Erinnerungen aber schon noch sehr wach.

Ein unvergessliches Erlebnis?
Es gibt so viele. Für das Fanzine «Igang 3» wollten wir einmal die 10 denkwürdigsten Momente der Flachpassbar zusammenstellen. Wir kamen auf Dutzende, aber um eines zu nennen: die Geschichte mit dem Heineken-Vertreter.

Was war mit dem?
Der Klub hatte mit Heineken einen Vertrag abgeschlossen, und die Brauerei wollte ihr Amstel als Sportbier promoten. Das hätte rote Sonnenschirme, rote Wimpel, Rot hier und dort in der Bar bedeutet, und das bei den Klubfarben Blau-Weiss. Wir haben den Vertreter darauf angesprochen, und er fand, dass wir recht hätten. Danach wurde Haldengut ausgeschenkt.

Wieso war die Bar mehr als nur eine Biertankstelle für Fans?
Weil wir weit über den Fussball hinaus Dinge ausprobierten, Lesungen, Konzerte, Diskussionen organisierten. Selbst Hochzeiten wurden da gefeiert. Aber natürlich und vor allem wurde Fussball geschaut und darüber debattiert. Der Flachpass wurde so zu einem Ort, an dem sich die verschiedensten Szenen vermischten, und das in einer Zeit, in der wegen der Sicherheit alles auf Separierung hinauslief.

War es wirklich so idyllisch? Da gab es zumindest jenen Fusstritt, den Baseltrainer Christian Gross einmal verpasst erhielt.
Ja, den Tritt gab es. Die Masse und die zunehmende Rivalität unter den Klubs haben gerade beim Spielerausgang zu gewissen Problemen geführt. Trotzdem: Unter dem Strich blieb es über weite Strecken immer sehr friedlich. Im Rückblick empfinde ich die Bar als einen ebenso kühnen wie geglückten Versuch.

Schwierige Momente?
Heute kann man es ja sagen: Wir waren absolute Gastro-Greenhorns und hatten entsprechend Bammel, wenn der Lebensmittelinspektor aufkreuzte und sich zum Beispiel die Personalgarderobe anschauen wollte. Die schreibt das Gesetz ja vor, und wir gaben die Schiedsrichterkabine dafür aus. Als der Inspektor das erste Mal vorbei schaute, musste ich die Kabine aufschliessen. Ich hoffte nur, dass sie nicht nach Dulix roch, und vor allem, dass sie leer war. Das war sie zum Glück dann auch.

Wann wurde mehr getrunken,im Sieg oder in der Niederlage?
Nach den Siegen. Es gab allerdings auch ein paar denkwürdige Niederlagen. Zu Beispiel eine gegen YB, als plötzlich die Stimmung kippte und ein unglaubliches Fest daraus wurde. Aber nach Niederlagen wurde sicher stiller getrunken, und besonders still nach dem 5:6-Cup-Out gegen GC.

Inwiefern steht die Flachpassbar für den FCZ von 2002 bis 2006?
Wir haben uns kürzlich mit Heiner Ganz darüber unterhalten. (Anm. Ganz hatte als Marketingleiter des Klubs die Flachpass-Leute in den Letzigrund geholt.) Er sei zur falschen Zeit am richtigen Ort gewesen, sagte Ganz. Bei uns war es gerade umgekehrt: Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Gerade weil alles so marod war, wie es Ganz im Buch beschreibt, hatten wir freie Hand.

Und inwiefern steht das Ende der Bar für den FCZ von heute?
Ich glaube nicht, dass das Ende für den neuen FCZ steht. Der Abriss des Stadions bedeutete einfach auch das Ende der Bar. Hätte man sie an einen neuen Ort retten können, hätte man es wohl getan. Der Verein ist nicht so weit weg von der Basis. Er weiss um das Kultpotenzial der Fanszene, was sich alleine an den Modelinien zeigt. Käme es zu einer Neuauflage, würde man das Ganze vom Verein her aber wohl etwas professioneller angehen und das Konzept stärker nach ökonomischen Kriterien überprüfen. Das vermute ich zumindest.

Sind es ein paar Fotos von ehemaligen Fussballern, die eine Fanbar ausmachen?

Die gehören sicher dazu, weil sie deutlich machen, dass die Vergangenheit eines Vereins etwas wert ist. Dass das auch die Gäste so verstanden, zeigte sich darin, dass in den vier Jahren nie etwas gestohlen oder kaputt gemacht wurde, auch bei den gröbsten Festen nicht. Worauf es aber ankommt, finde ich, dass man nicht versucht, den Leuten etwas aufzudrängen. Sie sollen nicht wie in modernen Stadionbars das Gefühl haben, dass es letztlich nur ums Abkassieren geht. Wir wollten, dass sie sich daheim fühlen.

Die Flachpassbar ist Geschichte ohne Gegenwart. Hat sie eine Zukunft?
Wir hoffen auf das neue Stadion. Die Absicht bestand zumindest, dort ein Fanlokal mit 400 Plätzen einzurichten.

Eines, in dem FCZ-Fussballer-Fotos jede Woche abgehängt werden müssen, um Bilder von GC-Grössen aufzuhängen?
Das wird oder würde tatsächlich eine der Fragen sein. Wir haben uns darüber auch schon den Kopf zerbrochen. Damals, als das Fünfeck noch der neue Hardturm hätte werden sollen und GC während des Baus im alten Letzigrund hätte spielen müssen. Wir kamen zu keiner Lösung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2011, 20:25 Uhr

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