«Eine wichtige Funktion einer modernen Universität ist ihre Unabhängigkeit»

Die ausländischen Unterstützer und Unterstützerinnen von Iris Ritzmann verfolgen die Ereignisse an der Universität Zürich seit Monaten. Einige gingen von sich aus auf die oppositionellen Professoren zu.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Protestinserat, das heute Freitag in der «Neuen Zürcher Zeitung» erschienen ist, haben rund 600 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterschrieben. Sie alle wehren sich gegen die Entlassung der Zürcher Professorin Iris Ritzmann. Der stellvertretenden Leiterin des Medizinhistorischen Instituts wird vorgeworfen, das Amtsgeheimnis verletzt zu haben. Ein Blick auf die lange Liste der Akademiker und Akademikerinnen, die sich dem Protest angeschlossen haben, zeigt: Auffallend viele unter ihnen sind an Institutionen im Ausland tätig, viele davon Frauen.

So zum Beispiel Anne Kveim Lie. Die Norwegerin ist Professorin für Medizingeschichte an der Universität Oslo. Über ihr Netzwerk hat sie das Protestschreiben per E-Mail erhalten. Die Berichterstattung über die ganzen Ereignisse rund um das Medizinhistorische Institut in Zürich hat sie seit längerem in den Schweizer Zeitungen verfolgt. Christoph Mörgeli hat sie bis vor dem Prozess nicht gekannt, weder von internationalen Konferenzen zur Medizingeschichte noch von Publikationen in internationalen Fachzeitschriften. Der ehemalige Institutleiter Professor Flurin Condrau hingegen sei ihr von seinen Publikationen sehr wohl ein Begriff gewesen. Deshalb habe sie seinem Handeln auch voll und ganz vertraut.

Unakzeptable Entlassungsgründe

Anne Kveim Lie hat ganz einfach wütend gemacht, dass Iris Ritzmann, die sie ebenfalls nicht persönlich kennt, freigestellt und dann entlassen wurde. «Die genannten Gründe für die Entlassung sind unakzeptabel.» Wenn dies geschehe, weil jemand ein Passwort weitergegeben habe, das ohnehin zig anderen zugänglich sei, sei das einfach nicht nachvollziehbar. «Zudem verstehe ich absolut nicht, dass eine moderne Universität sich in diesem Fall so unter politischen Druck setzen lässt. Wichtige Funktionen der Universität in liberalen, demokratischen Ländern sind ihre Unabhängigkeit und ihre Dienste für die Gesellschaft.»

Der österreichischen Post-Doktorandin Theresia Hofer, die ebenfalls in Oslo lehrt und zur Tibetischen Medizin forscht, geht es auch um das Ansehen der Medizingeschichte im deutschsprachigen Raum und in Europa. Dass das Medizinhistorische Museum von Zürich ziemlich heruntergekommen ist, sei weitherum bekannt gewesen. Der Schritt von Flurin Condrau, einiges in Ordnung zu bringen und sich in dieser Mission auch vom damaligen Museumsleiter Christoph Mörgeli nicht einschüchtern zu lassen, sei deshalb in der Fachwelt sehr bewundert worden. «Die Entlassung von Iris Ritzmann durch die Unileitung wirkt deshalb wie ein Rachefeldzug.» Sie ist deshalb auch nicht erstaunt, dass die akademische Solidarität in diesem Fall so gross ist.

Argumentation überzeugte Fachfremde

Zu den fachfremden Unterzeichnenden gehört Ulrich von Alemann. Der deutsche Politikprofessor ist an der Universität Düsseldorf tätig. Über einen gut unterrichteten Akademikerkollegen hat er vom Fall und dem Protestschreiben erfahren. Für ihn war sofort klar: «Dieser Fall ist eine Frage der akademischen Freiheit. Diese sehe ich durch das Vorgehen der Universitätsleitung erheblich in Gefahr.» Die Argumentation derjenigen, die den Aufruf initiiert haben, habe ihn überzeugt, deshalb habe auch er das Schreiben unterzeichnet.

Unter den Mitunterzeichnenden ist auch Beate Fricke genannt. Die deutsche Professorin für Mittelalterwissenschaften lehrt in Berkeley, Kalifornien. Davor war sie während mehrerer Jahre an der Universität Zürich tätig. Iris Ritzmann kennt sie flüchtig von wissenschaftlichen Veranstaltungen, Tagungen oder Vorträgen, die im Rahmen der Wissenschaftsgeschichte stattgefunden haben.

Seit ihrer Zürcher Zeit informiert sich Fricke regelmässig via Zeitung über die Geschehnisse in ihrer alten Heimat. Das Vorgehen im Fall «Ritzmann» ist ihr sauer aufgestossen. «Ich finde es absolut unverständlich, dass eine Universität eine wissenschaftliche Mitarbeiterin entlässt, bevor die Angelegenheit juristisch abgeklärt ist. Schliesslich gilt ja auch in der Justiz in dubio pro reo.» Als sie vom angekündigten Protestschreiben in der Zeitung las, setzte sie sich deshalb unverzüglich mit den Organisatoren in Verbindung, um sich dem Protest anzuschliessen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2013, 15:21 Uhr

«Ich verstehe nicht, warum eine moderne Universität unter politischem Druck handelt»: Anne Kveim Lie, norwegische Professorin für Medizingeschichte (Bild: PD)

«Die Entlassung von Iris Ritzmann durch die Unileitung wirkt deshalb wie ein Rachefeldzug»: Theresia Hofer, Post-Doktorandin an der Universität von Oslo. (Bild: PD)

«Ich finde es absolut unverständlich, dass eine Universität eine wissenschaftliche Mitarbeiterin entlässt, bevor die Angelegenheit juristisch abgeklärt ist.»: Beate Fricke, Professorin an der Berkeley-Universität in Kalifornien. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Fall Mörgeli: «Andreas Fischer flüchtet nicht»

Der interimistische Rektor Otfried Jarren beteuert, Andreas Fischer habe mit seinem Rücktritt zum Wohle der Universität gehandelt. Druck habe es nicht gegeben. Mehr...

Das Protest-Inserat der opponierenden Professoren

Hintergrund Die Kritik an der Uni Zürich reisst auch nach dem Abgang des Rektors nicht ab. Professoren aus dem In- und Ausland geben sich mit den jüngsten Rückschritten nicht zufrieden. Mehr...

«Ritzmann hat Anspruch auf Lohn»

Interview Die Uni Zürich will Professorin Iris Ritzmann bis zum Ende der Kündigungsfrist keinen Lohn mehr bezahlen. Ist das rechtens? Dazu Arbeitsrechtler Thomas Geiser. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wellenreiter: Jonathan Gonzalez, Mitglied des spanischen Surf-Teams, übt seine Künste im Wave Garden, einem grossen Pool, der Wellen künstlich erzeugt (25. Mai 2017).
(Bild: Vincent West) Mehr...