Zürich
«Empfangsantenne für Venusfrequenzen» hinter dem Dolder
Von Christoph Landolt. Aktualisiert am 16.09.2010 18 Kommentare
Sektenblog
Sechshundert Meter hinter dem Dolder Grand, etwas unterhalb des Ausflugrestaurants Degenried, lichtet sich der Wald. Ein Brunnen, Sitzbänke – und auf dem Boden eine knapp zehn Meter grosse Blumenfigur aus Kieselsteinen. Die Erklärung, was die Steine bezwecken sollen, findet sich auf den Bänken: «Venusblume – Blume der Liebe», erfährt man da. Und weiter: «Die Venusblume sei wie eine Empfangsantenne für Venusfrequenzen.»
Welchen Effekt die Venusfrequenzen haben, bleibt schleierhaft. Es scheint jedoch um «das Erwachen der Liebe im Menschen» zu gehen, um «Bewusstseinserweiterung» und um «nachhaltigen Frieden», der dadurch selbstverständlich werde. Auch werde selbstverständlich, «dass Mensch und Mutter Erde eine Einheit bilden», die sich «in liebevoller Zuwendung und Hochachtung» ausdrücken wolle.
Mehr Informationen über diese «Vision einer neuen Welt» verspricht eine Handynummer, hinter der eine «Sieglinde» steckt: «Es geht vor allem darum, dass in einem selber eine Heilung passiert.» Die Venus verbinde man ja mit Liebe, und der Einstrahlungspunkt der Venus beeinflusse Erde und Menschen. So ist gemäss Sieglinde auch zu erklären, dass etwas mit einem passiere, wenn man sich in die Venusblume stellt. – Warum das so ist? Sieglinde, die die Kieselfigur am vorletzten Samstag zusammen mit anderen gelegt haben will, erklärt: «Der Mensch ist nach einer heiligen Geometrie aufgebaut, gleich wie die Venusblume.»
Radikale Verblendung
«Das sind radikale Esoteriker», erklärt der Sektenexperte des «Tages-Anzeigers», Hugo Stamm. Die Idee, dass Rettung für die menschlichen Probleme von anderen Planeten kommen müsse, sei typisch für Hardcore-Esoteriker. Bei Theorien wie jener von den Venusfrequenzen handle es sich jedoch um absoluten Aberglauben, um radikale Verblendung. «Es ist die Missachtung von allem, was uns Menschen an rationalen Fähigkeiten gegeben ist.» Letztlich sei die Steinfigur, meint Stamm, «nichts anderes als spirituelle Umweltverschmutzung».
Dass die Waldkindergarten-Kinder, die regelmässig unmittelbar neben der Lichtung spielen und lernen, von den Venusfrequenzen beeinflusst werden könnten, glaubt Stamm jedoch nicht. «Kinder kämen nie auf die Idee, dass es sich dabei um Übersinnliches handelt. Allenfalls fänden sie es eine schöne Zeichnung.» Auch Sieglinde glaubt nicht an einen negativen Effekt auf die Waldkindergärtler: «Das schadet ja nicht.» Venusfrequenzen sind demnach das erste Heilmittel ohne Nebenwirkungen.
Die Venusfrequenzen werden vorerst weiter fliessen und ihre heilende Wirkung unverändert entfalten. Die Stadt jedenfalls verzichtet auf eine Räumung des Waldstücks. «Grün Stadt Zürich», erklärt Sprecher Lukas Handschin, «vertraut auf die Selbstheilungskräfte der Natur.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.09.2010, 11:28 Uhr
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18 Kommentare
Wenn auch Herr Stamm ein geachteter Sektenkenner ist. Mit dem Kommentar zu den Kieselsteinblumen ist er extrem eng fokussiert. Viele Menschen machen gerne aus Kieselsteinen doer Sand etwas Schönes, ohne sich dabei gleich das ganze Universum herbei zu wünschen. Geniessen wir doch einfach das schöne Blümchen, bis Kinder daraus wieder etwas anderes gestalten. Antworten
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