Zürich
Er hätte lieber im Wartsaal geschlafen, als es in Zürich knallte
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 03.01.2012 4 Kommentare
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Junge Leute in Partystimmung warten an der Gleiskante aufgereiht auf den Zug in die Stadt. Nur wenige Meter hinter ihnen, hinter den Scheiben des Wartehäuschens, sitzt in sich zusammengesunken ein Mann. Neben seinen Füssen steht eine leere Weinflasche. Die Hosenbeine wurden mit der Schere abgeschnitten und sind völlig ausgefranst. Im Schoss liegen rote, aufgedunsene Hände, die Ränder der Fingernägel sind schwarz. Das Gesicht ist in der ausgebeulten Jacke vergraben, nur die grauen Haare wachsen wie Grasbüschel aus dem Kragen ans grelle Neonlicht.
Die Tür geht auf, drei Personen mit schweren Schuhen treten ein. «Hallo Walter», sagt einer von ihnen und will wissen, wie es ihm geht. Der Mann hebt langsam den Kopf und blinzelt. Schon am Vorabend waren die Mitarbeiter der SIP Züri (Sicherheit, Intervention, Prävention) aufgrund eines Anrufs der Polizei hier und haben ihn in eine soziale Einrichtung gebracht, nur einen Tag später ist er wieder im Bahnhof Stettbach; er schlafe schlecht in einem Bett. Jenny Müller, Yahja Al Omari und Maurizio Ponzo von der SIP Züri kennen Walter Widmer* und duzen sich. Seit sechs Jahren lebt er in Zürich auf der Strasse. Meilen hat er verlassen, als die SBB aufhörten, das Wartehäuschen zu heizen.
Einhaken mit Handschuhen
Nach einigem Hin und Her – «dort hast du ein warmes Bett» – willigt Walter Widmer ein, in die Notschlafstelle zu gehen. Missmutig allerdings. Er hat keinen Wein mehr, und Champagner, den es an Silvester in der Notschlafstelle geben soll, interessiert ihn nicht. «Ich bin auch hässig, wenn ich keine Zigarette mehr habe», tröstet ihn Al Omari und zieht sich blaue Plastikhandschuhe an. Er und Jenny Müller nehmen Widmer in die Mitte, haken wie bei einem guten Kollegen ein und führen ihn zum Auto.
Auf der Fahrt erzählt Widmer von den 7000 Quadratmeter Fensterglas, die er in seinem Leben montiert hat, von seiner Tochter, die ihm sagte, er werde sie eine Weile nicht mehr sehen, weil sie nach England gehe. Das ist neun Jahre her. «Aber wenn ich sie besuchen würde, machte sie mir die Tür schon wieder auf», sagt er immer wieder. Er erzählt von der Mutter seiner Tochter, die er nie geheiratet hat. «Die? Das habe ich sofort abgestellt.» Auf die Frage aber, weshalb er auf der Strasse lebt, antwortet er nicht sofort. Er spricht von einem Zimmer, das ihm gekündet worden ist, vom Sozialamt, das ihm zu wenig Geld gab.
Neulinge könnten erfrieren
Später am Abend werden die SIP-Mitarbeiter weitere Orte aufsuchen, an denen sie Obdachlose wissen. Wenn die Temperatur unter null Grad fällt, patrouillieren sie täglich. Sorgen machen ihnen nicht die Obdachlosen, die fit sind und schon lange auf der Strasse leben. Sorgen machen ihnen jene, die vom Alkohol verwirrt sind sowie schlecht ausgerüstete Neulinge. Sie könnten erfrieren. Manchmal stossen sie auch auf Verletzte: Walter Widmer etwa fanden sie vor einem Jahr auf dem nassen Boden einer Toilette mit zwei gebrochenen Rippen und einer schweren Lungenentzündung.
Später wird der SIP-Bus am Central vorbeifahren und Maurizio Ponzo auf zwei Männer deuten, zwei Polen. Sie sind vor ein paar Monaten in Zürich gestrandet und bleiben, weil sie auf Arbeit hoffen. Abends werfen sie jeweils einen Franken in ein Züri-WC und übernachten zu zweit darin. Danach wird der Bus in ein Waldstück fahren, wo sich zwischen zwei Holzbeigen ein Obdachloser eingerichtet hat. Die SIP-Leute werden an diesem Abend aber nur Wolldecken vorfinden, die so sauber gefaltet sind wie sonst nur im Schlafsaal einer Militärkaserne. Sie wissen nichts von diesem Mann, er spricht kein Wort mit ihnen.
Die SIP-Leute werden heute nicht mehr zur Brücke hinter einem Luxushotel fahren müssen, unter der lange ein Mann übernachtete. Sie treffen ihn in der Notschlafstelle, während sie Widmer anmelden wollen – frisch geduscht und sauber gekleidet. Er war ihnen gegenüber lange abweisend, liess sich mit der Zeit aber auf Gespräche ein und war schliesslich bereit, sich helfen zu lassen. «Manchmal braucht es eben einen Anstoss von aussen», meint Jenny Müller.
Kräftig und abgehärtet
Laut Christian Fischer, Betriebsleiter der SIP, ist in Zürich in den letzten Jahren kein Obdachloser erfroren, von Attacken hören seine Mitarbeiter selten. «Man darf sie nicht unterschätzen, nur weil sie ungepflegt aussehen und unangenehm riechen. Sie haben Gassenpower und können sich wehren.» Viele sind kräftig und abgehärtet. Und sie können Menschen und Situationen gut einschätzen. Die unangenehme Körperausdünstung gehört zur Abwehrstrategie. Sie umgibt sie wie eine Schutzglocke, in die kaum jemand freiwillig eindringt.
Die SIP Züri kennt die Obdachlosen – und bemerkt, wenn jemand verschwindet. Dann fragt sie auf der Gasse oder bei sozialen Einrichtungen nach ihnen. Dass ihre Zahl relativ klein ist, ist im Sinne der Gesellschaft. «Zürich akzeptiert das Phänomen Obdachlosigkeit nicht», sagt Fischer. Man möchte nicht, dass Leute auf der Strasse leben müssen. Und wenn sich ein Obdachloser in einem Hinterhof einrichten will, geht bei ihnen bald ein besorgter Anruf ein.
Weihnachten an Silvester
Kurz nach Mitternacht steht Walter Widmer wieder auf der Strasse. Dass er sich in der Notschlafstelle hätte duschen müssen, hätte er vielleicht noch akzeptiert, nicht aber, dass er an Silvester keinen Tropfen Alkohol mehr hätte trinken dürfen. An der Rosengartenstrasse steigen Raketen pfeifend in den Himmel, die SIP-Leute schütteln sich und Widmer die Hand: «Es guets Nois!» «Das kümmert mich einen Dreck», meint Widmer unwirsch und lässt sich wieder in den Bus schieben. Er soll in die «Herberge zur Heimat» gebracht werden, ein Obdachlosenheim im Niederdorf.
Am Strassenrand stehen junge Leute und halten Wunderkerzen in die Luft, von überall her – der Bus fährt mit weit offenen Fenstern – sind Glocken zu hören. In der Altstadt sind die Strassen mit Menschen überfüllt, der Verkehr stockt, der Bus kommt kaum mehr vorwärts. Bis er endlich bei der Herberge hält, hat Widmer auch seine Verwandtschaftsverhältnisse bis in die kleinsten Verästelungen erläutert, hat von seinem Vater erzählt, von seinen Schwestern und der Halbschwester, von der niemand wusste – bis Widmer mit deren Mutter eine Affäre hatte. Der Wein ist nach dem langen Gespräch mit Jenny Müller vergessen, Widmer versöhnt; er hatte wohl eben Weihnachten an Silvester.
Die SIP-Mitarbeiter begleiten ihn zur Tür der «Heimat». Zwei Stunden haben sie von Stettbach bis hierher gebraucht, und jetzt hält Widmer plötzlich inne. Nach dem grossen Feuerwerk knallt und klöpft es beim Bellevue noch immer. «Bei diesem Krach kann ich doch nicht schlafen», ruft er. Und fügt vorwurfsvoll an: «Im Wartesaal war es schön ruhig.»
*Name geändert
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.01.2012, 06:39 Uhr
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4 Kommentare
Drei Personen während zwei Stunden beschäftigt, plus Fahrzeug, zwei Schlafplätze nach Kundenwunsch - und das bei einem "Kunden", der offensichtlich gar nicht Kunde sein möchte. Wie oft läuft dieses Schauspiel im Jahr ab? Und wieviel kostet es von meinen mühsam zusammengekratzten Steuern? Ich wünsche mir auch einen solchen Rundumservice vom Staat, kriege aber nur Rechnungen :-( Antworten
Danke für diesen feinfühlig-empathischen Bericht. Das ist eine Seite der Lebens-Wirklichkeit, die uns nicht vertraut ist. Deshalb sind solche Berichte wertvoll... so lebendig und spannend geschrieben. Die schaffen auch Sympathie für die SIP. Mögen alle politisch Verantwortlichen zur Kenntnis nehmen, was da an wertvoller Sozialarbeit geleistet wird und das weiterhin zulassen, ja fördern. Antworten
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

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