Er kommt nicht los von den Drogen

Der ehemalige Stadtzürcher Drogenbeauftragte Michael Herzig will eine neue Debatte zur Liberalisierung anstossen.

Hat mit 49 nochmal neu angefangen: Der ehemalige Drogenbeauftragte von Zürich Michael Herzig.

Hat mit 49 nochmal neu angefangen: Der ehemalige Drogenbeauftragte von Zürich Michael Herzig.

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16 Jahre lang galt Michael Herzig als Zürichs «Mister Drogen». Niemand kannte die Welt der Süchte besser, von den Verstecken der Crack-Dealer bis zu den Finten der Präventionspolitik.

Im Juni war Schluss. Herzig kündigte seinen Job als Drogenbeauftragter. Mit 49 Jahren könne man noch einmal von vorn anfangen. «Freischwebend» nennt er seinen jetzigen Zustand. Die Freiheit nutzt er auch, um frei zu reden. Im letzten «SonntagsBlick» forderte er, alle Drogen zu legalisieren, auch Heroin und Kokain. Die Konzepte der Suchtpolitik veralteten. Weltweit weise der Trend Richtung Freigabe, die Schweiz verliere den Anschluss. Nein, sagt Herzig, das sei nicht die Rache eines frustrierten Ex-Beamten. Er sei im Frieden gegangen. Und in der Verwaltung habe er seine Vorliebe fürs Legalisieren nie verborgen. Herzig trug seine Meinung auch an die Öffentlichkeit. 2004 schlug er vor, Zürich solle Kokain an Süchtige abgeben.

Als Drogenbeauftragter habe ihn das Tagesgeschäft stark vereinnahmt, sagt Herzig. Von einem Problem zum nächsten hetzte er: neue Partypillen, Randständige im Zeughaushof, Punks am Stadelhofen, wütende Nachbarn einer Methadonabgabestelle, versiffte Innenhöfe. Michael Herzig kümmerte sich darum. Jetzt erst finde er Zeit und habe Luft, die Drogenfrage neu zu durchdenken, sagt Herzig. Dies sei dringend nötig. Viele Politiker mieden das «Pfui-Thema». Und die Linke, welche die Legalisierung einst anstiess, habe sich in die «Präventionsfalle» politisiert. Wer ständig neue Regeln gegen das Rauchen durchsetze, habe Mühe, die Freigabe von Cannabis zu befürworten.

Ein «gewiefter Kerl»

Michael Herzig ist kein Fantast. Der studierte Historiker prägte den viel gelobten, pragmatischen Zürcher Weg mit. Er gründete die SIP, eine mobile Problemlösertruppe, schuf Alkoholikertreffs, warb für die Heroinabgabe, half, das Nach-Letten-Elend aus den Kreisen 4 und 5 zu vertreiben. Selbst skeptische SVP-Politiker nannten ihn einen «gewieften Kerl».

In den letzten Jahren trieb er die Verschiebung des Strassenstrichs in die Altstetter Sexboxen voran. Herzig, der oft mit Schirmmütze, Backenbart und schwarzer Brille auftritt, verteidigte das Projekt in unzähligen Interviews. Durch seine Aussagen schimmerte immer Sympathie mit den Süchtigen und Randgestalten. Ein Abstinenzler war Herzig nie. Er trinkt gern Bier und Whiskey, spielt Bass in einer «Altherrenpunkband», deren bekanntester Song «Face Down in the Vomit» heisst. Den Kreis 5, wo der Berner seit langem wohnt, findet er heute fast zu proper.

Die Anziehung des Abgründigen lebt er auch im Schreiben aus. Dieses Jahr hat er seinen vierten Krimi («Frauen hassen») veröffentlicht. Wie die Vorgänger spielt er in einem düsteren, gewalttätigen Zürich.

Eine erfolgreiche Drogenpolitik funktioniere ganz einfach, findet Herzig: Wer wegen einer Sucht Hilfe sucht, soll sie bekommen. Die anderen seien selbst für sich verantwortlich. Ob sein Aufruf zur Entkriminalisierung viel bewirkt, bezweifelt Herzig. Die Schweizer Debatte laufe eher in die entgegengesetzte Richtung. «Manchmal muss man halt provozieren.» Beruflich wird Herzig nicht mehr direkt mit Drogen zu tun haben. Nächstes Jahr beginnt er als Dozent an einer Fachhochschule. Es ist ein Teilzeitpensum. So kommt er oft zum Schreiben. Wenigstens seiner Fantasie bleiben die Abgründe erhalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2014, 19:17 Uhr

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