«Er liebte das Geld und hasste den Kommunismus»

Über das unglaubliche Leben von Hans Ulrich Lenzlinger hat TA-Redaktor Stefan Hohler ein Buch geschrieben. Darin beschreibt er das Wesen und die Eskapaden des Fluchthelfers, der in Höngg erschossen wurde.

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Du bist in Höngg aufgewachsen. Der Titelheld deines Buches, Hans Ulrich Lenzlinger, wohnte an der Ackersteinstrasse 116. Bist du als Jugendlicher nie über den Zaun geklettert?
Das hätte ich mich nie im Leben getraut. Angetroffen habe ich ihn leider nie, obschon ich oft mit dem Töffli an seinem Haus vorbeigefahren bin. Vor dem Haus standen immer riesige Ami-Schlitten. In Höngg wussten alle, dass er Doggen und Geparde hatte, von Waffen und Kameraüberwachung war die Rede. Schulkollegen von mir haben ihn gesehen, wie er mit dem Gepard an der Leine über den Meierhofplatz spaziert ist.

Lenzlinger stirbt in deinem Buch im allerersten Satz, hingerichtet durch zwei Kugeln. Wer war er?
Eine extrem schillernde Figur, rücksichtslos und ichbezogen. Er hatte etwas von einem grossen Kind, das einfach macht, was es gerade will, ohne Rücksicht auf Verluste. Er zog sein Programm knallhart durch, als Lebemann und als Abenteurer.

Du schreibst als Polizeireporter seit acht Jahren täglich über böse Buben. Ist dir ein ähnliches Kaliber wie Lenzlinger schon mal begegnet?
Solche Typen jenseits von Gut und Böse, die sich kaum an Gesetze halten, gibt es heute kaum mehr. Mir fällt in dieser Preisklasse nur der 1981 verstorbene Zürcher Hells-Angels-Gründer Tino ein.

Sind die bösen Buben ausgestorben?
Es scheint so. Heute sind die soziale Kontrolle und die Aufsicht des Staates grösser als in den 70er-Jahren. Es wäre unvorstellbar, Löwen in einem Garten eines normalen Wohnhauses zu halten, mit spielenden Kindern in der Nachbarschaft. Da wäre die Kantonstierärztin längst eingeschritten. Zudem fehlt heute mit dem Hass auf den Kommunismus der Antrieb für derartige Typen. Auch ist die Angst vor Amoktätern – nicht zuletzt nach dem Fall Leibacher – viel zu gross, als dass man solche Menschen gewähren liesse. Lenzlinger hatte beispielsweise in einem öffentlichen Brief gedroht, dass er nichts mehr zu verlieren habe.

Was trieb einen derart extremen Typen an?
Er liebte das Geld und das Abenteuer und hasste den Kommunismus, aber auch die Schweizer Justiz und Polizei. Zudem war er als Fluchthelfer extrem mediengeil. Andere Fluchthelfer arbeiteten äusserst diskret, während Lenzlinger sich öffentlich vermarktete.

Man weiss bis heute nicht, wer Lenzlinger am 5. Februar 1979 erschossen hat. Deine Meinung?
Am Anfang war ich überzeugt, dass ihn die Stasi umgelegt hat, das wäre die abenteuerlichste Version. Heute glaube ich aber zur Hälfte, dass es jemand aus dem Fluchthelfermilieu war – ein Konkurrent oder einer, den Lenzlinger verpfiffen hatte. An eine Frauengeschichte oder ein Beziehungsdelikt glaube ich weniger, sonst hätte die Polizei in den letzten 30 Jahren irgendwelche Spuren dazu gefunden.

Du warst in Berlin im Stasi-Archiv. Wie wurdest du da aufgenommen?
Sehr herzlich. Ich hatte Zugang zu allen Akten, durfte aber nicht kopieren und fotografieren. Die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit hat in Deutschland einen enormen Stellenwert. Das zeigt auch, dass heute – über 20 Jahre nach dem Mauerfall – noch immer 1600 Personen in der Behörde für Stasi-Unterlagen arbeiten und Akten aufbereiten.

In den Stasi-Akten werden 1500 Abkürzungen und Begriffe verwendet. Wie viele kennst du auswendig?
Rund zwei Dutzend. Zum Beispiel IM für Inoffizieller Mitarbeiter, ZOV für Zentraler Operativer Vorgang, KW für Konspirative Wohnung oder KMHB für Kriminelle Menschenhändlerbanden. Neben Abkürzungen für fast alle Ausdrücke hat die Stasi auch Wörter anders definiert. So wurde das Wort «Hass» positiv verwendet, wenn es gegen den Klassenfeind ging. Und negativ, wenn sich der Hass auf die DDR bezog. Stasi-Sprache war eine kalte, unpersönliche Tätersprache.

In deiner täglichen Arbeit schreibst du häufig 10-Zeilen-Meldungen über Unfälle und Dealer, mehr Platz bekommst du nur bei schlimmen Gewalttaten oder spektakulären Gerichtsfällen. Woher nahmst du den Schnauf für ein 130-seitiges Buch?
Möglich war das nur, weil ich von meinem Arbeitgeber, dem Tamedia-Konzern, als Förderpreis einen zweimonatigen Schreib- und Recherchierurlaub bekam. Ich musste mich total umstellen vom Kurzstil und dem Aneinanderreihen von Fakten hin zum erzählenden, mehr atmosphärischen Stil in einem Buch. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.11.2012, 10:38 Uhr)

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Buchvernissage am Donnerstag 15. November

Wochenlang hat Autor Stefan Hohler in den Stasi-Akten in Berlin recherchiert, um Licht ins Dunkle rund um den mysteriösen Mord von 1979 an Fluchthelfer Lenzlinger zu bringen. Sein Buch «Fluchthelfer, Abenteurer, Lebemann» erscheint im Stämpfli-Verlag Bern. Öffentliche Vernissage ist morgen Donnerstag um 20 Uhr im Pfarreizentrum Heilig Geist an der Limmattalstrasse 146 in Höngg.

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