Zürich
Er will das Abfallsystem in Zürich «radikal vereinfachen»
Von Stefan Häne. Aktualisiert am 25.05.2010 71 Kommentare
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Zürich lobt San Francisco, aber...
Das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement (TED) mit Stadträtin Ruth Genner (Grüne) an der Spitze hält das Abfallsystem in San Francisco für innovativ, aber ehrgeizig. Das Modell lasse sich nicht telquel auf andere Städte übertragen. Zürich sei anders als San Francisco kleinräumig. Es sei bereits diffizil gewesen, in jeder Liegenschaft einen Container für Züri-Säcke zu platzieren.
Als nächste Herausforderung gelte es, jeder Liegenschaft, wenn gewünscht, zusätzlich einen Container für biogenen Abfall zur Verfügung zu stellen. «Für einen dritten Container würde wohl definitiv der Platz fehlen.»
Abgesehen davon wäre es laut TED schwierig, ein funktionierendes System ohne Not über den Haufen zu werfen. Die Beteiligung der Zürcher Bevölkerung zeige: «Das System ist nicht so kompliziert, dass es abschrecken würde.» Das TED betont zudem, die Recyclingquote sei nicht gesamtschweizerisch geregelt, sodass kein direkter Vergleich zwischen Schweizer Städten möglich sei, geschweige denn mit amerikanischen. (sth)
Als grüner Revolutionär sieht er sich zwar nicht. «Ich möchte aber zum Nachdenken anregen», sagt Simon Schneebeli (34). Der Bündner hat an der ETH Lausanne studiert und sich vor eineinhalb Jahren als Fachberater selbstständig gemacht. Nebst seinem Spezialgebiet – dem Asbest – geht er der Frage nach, wie sich der Abfall am effizientesten und ökologisch sinnvollsten entsorgen lässt. In den Schweizer Städten ortet er Verbesserungspotential, auch in Zürich: «Man kann das Abfallsystem vereinfachen, und zwar radikal.»
Als Vorbild dient Schneebeli San Francisco, das vor einem Jahr das strengste Abfallverwertungsgesetz in den Vereinigten Staaten verabschiedet hat. In der kalifornischen Stadt werden heute bereits 72 Prozent der Abfälle wiederverwertet; in Zürich sind es keine 50 Prozent. Diese Differenz ist laut Schneebeli nicht etwa auf eine «übermässige Sammel- und Sortierwut» der Einwohner San Franciscos zurückzuführen. Entscheidend sei vielmehr die Einfachheit des Systems: In Zürich liegen die Sammelcontainer für verschiedenste Abfallarten – etwa Weissblech, Aluminium, Glas, Kleider, Schuhe, PET – weit über die ganze Stadt verstreut. «Die Zürcher müssen ihre Abfälle mit vergleichsweise viel Aufwand entsorgen», sagt Schneebeli. Anders in San Francisco. Dort müssten die Konsumenten den Abfall zwar auch trennen, aber viel einfacher und mit weniger Zeitverlust.
Verwerten statt verbrennen
Das Konzept ist simpel: Vor jedem Haus stehen drei Container, die mindestens einmal pro Woche geleert werden. Im grünen Container landet alles, was sich kompostieren lässt. Zulässig sind auch verschmutzte Papierverpackungen. Diese Abfälle werden zu grossen Kompostieranlagen ausserhalb der Stadt gefahren, wo sie in einem einfachen und langsamen Verfahren kompostiert werden. Dann werden sie gegen geringes Entgelt an Privatgärten, Bauernbetriebe und Weingüter im Sonoma und Napa Valley abgegeben.
Der blaue Container steht für alles, was recycelt werden kann: Papier, Glas, Plastik, Metalle, Holz, Kleider. Diese Abfälle gelangen in eine Maschine, wo sie sortiert und danach als Rohstoffe verkauft werden. Es gibt verschiedene Technologien, mit denen sich Abfälle leicht trennen lassen, etwa Magnete für Metalle oder Infrarotstrahlen, um verschiedene Plastikarten zu separieren. Just Letzteres ist laut Schneebeli wichtig. Denn: Plastik ist aus Erdöl hergestellt. «Wenn wir ihn wiederverwerten, statt ihn wie in Zürich zu verbrennen, schonen wir die natürlichen Ressourcen.» In den schwarzen Container schliesslich kommt alles rein, was sich nicht wiederverwerten lässt und in San Francisco auf der Mülldeponie landet. Ziel der Stadtverwaltung ist es, 100 Prozent der Abfälle wiederaufzubereiten, dies bis 2020. Heute liegt der Anteil des Abfalls, der noch auf der Deponie landet, bei 28 Prozent.
Was ist ökologischer?
Für Schneebeli ist klar: Mit dem System aus San Francisco könnte Zürich seinen Recyclingrate auf mindestens 80 Prozent anheben. Allerdings gebe es eine Reihe offener Fragen, räumt er ein. Zu vergleichen gilt es etwa die Energiebilanz der beiden Systeme: Welches ist unter dem Strich ökologischer? Offen ist zudem, ob die hiesigen Kehrichtverbrennungsanlagen geschlossen werden müssten, weil ihnen bei einer steigenden Recyclingquote zusehends das Brennmaterial ausginge.
Zentral sind auch die Kosten. Allein die Anschaffung einer Sortieranlage hat San Francisco 38 Millionen Dollar gekostet. Schneebeli verweist auf Deutschland, wo der Wunsch nach einem einfacheren System besteht, wie eine Umfrage jüngst gezeigt hat. Die Deutschen seien gar bereit, mehr für die Abfallentsorgung zu bezahlen, wenn sie dafür bequemer zu handhaben sei.
Hürden im Kopf überwinden
Auch Hürden im Kopf gilt es zu überwinden, denn: Die Zürcher haben sich an ihr System längst gewöhnt; die Stadt Zürich gibt sich denn auch skeptisch. In San Francisco stemmten sich Bürgerorganisationen und Quartiervereine zu Beginn ebenfalls gegen die Neuerung, weil sie die Abfallentsorgung markant verteuerte. Doch mittlerweile ist das System akzeptiert.
Als Schlüsselfaktor bezeichnet Schneebeli den technologischen Fortschritt. Die Kosten für eine automatische Abfalltrennung würden stetig geringer, sagt er. Die Konsequenz: Abfälle über Sortieranlagen zu entsorgen, werde über kurz oder lang günstiger als via Verbrennungsanlage. Es sei daher nur eine Frage der Zeit, bis in der Schweiz eine Recyclingfirma ihre Dienste anbiete.
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Erstellt: 24.05.2010, 20:31 Uhr
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71 Kommentare
Da muss der gute Mann garnicht so weit weg nach einem Vorbild suchen: ein sehr ähnliches System wird seit Jahren bereit (und ich denke auch) erfolgreich in Deutschland angewendet. Es stimmt aber schon: durch Vereinfachung der Entsorgung macht man es auch den nicht so Mülltrennwilligen einfacher sich an der Wiederverwertung zu beteiligen. Antworten
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