Erste Liebe, erste Hiebe

Jugendliche erleben in ihren Paarbeziehungen häufig Gewalt – körperliche, sexuelle und psychische. Fachleute raten Erwachsenen, genauer hinzusehen.

Die Schattenseiten der Zweisamkeit: Gewalt in Teenagerbeziehungen ist ähnlich verbreitet wie Gewalt in erwachsenen Paarbeziehungen (Keystone)

Die Schattenseiten der Zweisamkeit: Gewalt in Teenagerbeziehungen ist ähnlich verbreitet wie Gewalt in erwachsenen Paarbeziehungen (Keystone) Bild: Keystone

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Madeleine ist 16 Jahre alt, ihr Freund Tim ein Jahr älter. Seit zwei Monaten sind sie ein Paar. Anfangs fand sie es süss, dass er so eifersüchtig ist. Nun getraut sie sich kaum mehr, ihre Kolleginnen zu treffen, aus Angst, ihn zu verletzen. Sie waren zusammen an einer Party und da hat sie sich zu lange mit einem alten Schulkollegen unterhalten, findet er. Nach der Party haben sie sich zu Hause gestritten und er hat sie gepackt, geschüttelt und ihr eine Ohrfeige verpasst. Madeleine ist traurig, mag aber kaum jemandem davon erzählen, schliesslich liebt sie Tim.

Das «Weichei mit der Klette»

Mike, 17, ist wütend auf seine Freundin Aline, 17. Er hat gemerkt, dass Aline heimlich sein Handy kontrolliert – und das schon lange. Nun wollte er seinen besten Kumpel treffen, und da ist sie ausgetickt, hat geweint und getobt. Ohne ihn könne sie nicht leben, hat sie gesagt, aber sie wisse nicht, ob sie ihm vertrauen könne. Seine Kollegen machen sich schon über ihn lustig, nennen ihn das «Weichei mit der Klette». Eigentlich mag er Aline ganz gern, aber er hat auch Angst. Was passiert, wenn er den Stress nicht mehr aushält und sie verlässt?

Situationen, wie sie Madeleine und Mike erleben, sind nicht die Ausnahme. Gewalt in Teenagerbeziehungen ist ähnlich verbreitet wie Gewalt in erwachsenen Paarbeziehungen, wie neueste Untersuchungen zeigen. Und sie kann viele Facetten haben. 75 Prozent der jungen Frauen und 50 Prozent der jungen Männer berichten von emotionalen Gewalterfahrungen. Ihr Freund oder ihre Freundin hat sie vor anderen, im Internet oder per Handy blossgestellt, beschimpft, bedroht oder kontrolliert sie und schränkt sie in ihrer Bewegungsfreiheit ein.

Jede vierte junge Frau und fast jeder fünfte junge Mann haben körperliche Gewalt in Beziehungen erlebt. Das heisst, sie sind geschlagen, getreten, geschüttelt oder gewürgt worden. Sexuelle Gewalt kommt ebenfalls häufig vor: 33 Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungs berichten, dass ihr Freund oder ihre Freundin sie zu sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen hat.

Gewalterlebnisse sind prägend

«Oft sind die Übergänge zwischen den verschiedenen Formen von Gewalt fliessend», sagt Sandra Fausch von der Luzerner Bildungsstelle häusliche Gewalt. Man könne nicht sagen, eine Form der Gewalt sei schlimmer als die andere, jede und jeder Betroffene erlebe das anders. Allen schlechten ersten Erfahrungen gemeinsam ist, dass sie das spätere Verhalten prägen.

«Wer Konflikte nur mit Gewalt zu lösen weiss oder wer nur die Opferrolle kennt, lernt nicht, Probleme anders anzugehen.» Je länger solche Beziehungen dauerten, desto schwieriger werde es, Verhaltensmuster zu durchbrechen, sagt Fausch. Sie hat die Fachtagung «Erste Liebe, erste Hiebe» mit organisiert, die letzte Woche in Zürich stattfand.

Die meisten jungen Menschen zwischen 13 und 17 Jahren haben einen Freund oder eine Freundin oder hatten mindestens schon eine Liebesbeziehung. Mit 13 Jahren dauert eine Beziehung im Schnitt vier Monate, mit 15 Jahren sechs Monate, mit 17 Jahren zwölf Monate. Jugendliche verbinden ihre ersten Beziehungen mit Liebe und Harmonie, wie Werner Huwiler, Leiter des Mannebüros Züri, sagt. Doch diese Beziehungen seien von Unsicherheiten geprägt. Viele Jugendliche orientieren sich deshalb an stereotypem Verhalten und geben sich härter oder erfahrener, als sie eigentlich sind.

Laut Studien denken Jugendliche bei Gewalt in Beziehungen hauptsächlich an extreme körperliche oder sexuelle Gewalt. Subtilere Formen von Gewalt nehmen sie nicht als solche wahr. So glauben auch gut 40 Prozent der Jugendlichen, es sei in Ordnung, die SMS des anderen zu lesen, ohne zu fragen. 30 Prozent finden es auch okay, immer wissen zu wollen, wo der andere gerade ist. Für 10 Prozent ist es vertretbar, dem Freund oder der Freundin zu verbieten, mit anderen auszugehen. «Viele Jugendliche sind sich der verschiedenen Formen von Gewalt in Liebesbeziehungen nicht bewusst. Oft nehmen sie Gewalt als etwas ganz Normales, ja sogar als Liebesbeweis wahr», sagt Enrico Violi, Beauftragter für Gewalt im schulischen Umfeld beim Kanton Zürich. Um an dieser Situation etwas zu ändern, brauche es einiges an Aufklärungsarbeit.

«Beziehungen ernster nehmen»

«Eltern, Lehr- und andere Fachpersonen müssen jugendliche Paarbeziehungen ernster nehmen», sagt Franziska Greber, die Co-Leiterin der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt im Kanton Zürich.

Eltern, die mitbekommen, dass ihre Tochter einen aufbrausenden Freund hat, denken vielleicht: «Er ist nicht die Liebe ihres Lebens, aber in vier Monaten ist der Spuk vorbei.» Und sie fragen nicht nach. Doch es gelte in solchen Fällen, genau hinzuschauen und den Jugendlichen beratend zur Seite zu stehen. Teenager müssten lernen, Streit von Gewalt zu unterscheiden, sich von Gewalt abzuwenden und sich eine Streitkultur anzueignen. In schwererwiegenden Fällen könne die Polizei eine Wegweisung, ein Kontakt- oder Betretverbot auch bei Jugendlichen anordnen, so Greber.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.11.2012, 10:08 Uhr)

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