«Es besteht keinerlei Hoffnung, dass in absehbarer Zeit eine Wohnung frei wird»

In Zürich warten Tausende darauf, eine günstige Wohnung zu ergattern. Inzwischen müssen einige Baugenossenschaften aber darauf verzichten, eine Warteliste zu führen. Der administrative Aufwand ist zu gross.

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Wer in Zürich eine bezahlbare Wohnung sucht, wendet sich an eine der zahlreichen Baugenossenschaften der Stadt. Und dann beginnt das grosse Ausharren. Denn die Wartelisten sind unendlich lang – wenn überhaupt noch eine Liste geführt wird. Immer häufiger wird darauf verzichtet, die Bewerber aufzulisten. Es sind schlicht zu viele.

So musste beispielsweise die Familienheim-Genossenschaft Zürich FGZ in diesem Frühling einen Bewerbungsstopp erlassen. «Im Moment nehmen wir nur noch Anfragen für Ein- und Zweizimmerwohnungen entgegen», erklärt FGZ-Präsident Alfons Sonderegger gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Für alle Wohnungen mit drei und mehr Zimmern liegen Hunderte von Bewerbungen vor. Es besteht keinerlei Hoffnung, dass hier in absehbarer Zeit etwas frei wird.»

60 Anfragen pro Woche für 100 Wohnungen pro Jahr

Pro Woche gehen rund 60 Anfragen von externen Wohnungsinteressenten bei der FGZ ein. «Sie kommen zum Teil sogar persönlich zu uns ins Büro oder legen den Bewerbungen Familienfotos bei», fügt Josef Köpfli, Geschäftsleiter der FGZ, hinzu. Doch mit einem Besuch oder Anruf ist es längst nicht getan. Die FGZ führt eine qualifizierte Bewerbungsliste «Wer sich für eine Wohnung interessiert, kann sich jeweils am Dienstag und Donnerstag telefonisch bei uns melden. Im Gespräch klären wir ab, ob in absehbarer Zeit überhaupt ein passendes Objekt frei wird», erklärt Köpfli. Erst, wenn dies der Fall ist, werden die Bewerbungsunterlagen zugeschickt.

Auf dieser qualifizierten Bewerbungsliste befinden sich momentan fast 800 vorgeprüfte Bewerbungen. «Wir können aber insgesamt nur etwa 150 Wohnungen pro Jahr neu vermieten», so Köpfli. «50 davon gehen an FGZ-Mitglieder, die beispielsweise mehr Zimmer benötigen, weil sie noch ein weiteres Kind bekommen haben. Nur 100 Wohnungen können an Externe vergeben werden.» Vor allem die 4-Zimmer-Reihenhäuser der FGZ sind enorm gefragt. «Wir können jährlich nur etwa 20 dieser Objekte vermieten. Die Nachfrage ist allerdings um ein Vielfaches höher.»

«Eine Warteliste wäre geradezu unfair»

Unter den gegebenen Voraussetzungen mache es einfach keinen Sinn, eine offene Warteliste zu führen, betont der FGZ-Geschäftsleiter. «Mit der Entgegennahme einer Bewerbung weckt man Hoffnungen. Wenn diese von vorneherein nicht zu erfüllen sind, wäre das geradezu unfair.»

Ganz auf Wartelisten zu verzichten und Anfragen nicht mehr persönlich entgegenzunehmen, kommt für Köpfli trotzdem nicht in Frage. «Es käme einer Lotterie gleich», hält er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet fest. «Wir müssen bei unserem Auswahlverfahren für eine gute soziale Durchmischung sorgen und gewisse Kriterien müssen erfüllt sein. Das ist mit unserem System ohne grossen administrativen Aufwand möglich.»

Nur noch für interne Wechsel

Anders die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich ABZ. Die grösste Genossenschaft der Stadt hat externe Wartelisten inzwischen abgeschafft – weil der Aufwand zu gross wurde. «Das macht bei Tausenden Anfragen keinen Sinn. Wir können sie gar nicht mehr bearbeiten», sagt ABZ-Präsident Peter Schmid. Geführt wird einzig noch eine interne Warteliste für ABZ-Mitglieder, die eine Umsiedlung innerhalb der Genossenschaft beantragen.

Wer sich für ein Objekt der ABZ interessiert, kann sich auf der Homepage der Genossenschaft schlaumachen. «Dort schreiben wir die Wohnungen aus, die wir überhaupt noch auf den freien Markt geben können. Das sind im Moment noch rund 150 Objekte pro Jahr», so Schmid. Auf Inserate anderer Plattformen wie beispielsweise Homegate habe man verzichtet, um die Anfragen weiter zu reduzieren. «So melden sich nur jene bei uns, die sich ganz bewusst für unsere Genossenschaft entschieden haben.»

Interessenten können sich direkt bei der ABZ melden. «Wir treffen dann eine Auswahl, wer sich die Wohnung ansehen kann. Würden wir das nicht tun, kämen Hunderte zur Wohnungsbesichtigung. Ich habe das mal erlebt bei einer unserer Wohnung an der Neugasse. Es waren so viele Leute da, dass ich dachte, es fände eine Demonstration statt.»

Auch bei der Baugenossenschaft ASIG wird keine Warteliste mehr geführt. Die Liste sei endlos lange gewesen und wenn dann ein Objekt frei wurde, seien die Angaben auf der Warteliste nicht mehr aktuell gewesen, hiess es auf Anfrage. Interessenten können sich nun jeweils am Ende jedes Monats telefonisch bei der ASIG melden. Dann steht fest, welche und wie viele Wohnungen im Verlaufe des Monats gekündigt wurden. Passt eine Anfrage zu einem der frei werdenden Objekte, wird ein Bewerbungsgespräch vereinbart. Einzig bei Erstvermietungen wie derzeit bei Wohnungen in der neuen Siedlung Living 11 in Zürich-Seebach muss man sich schriftlich bewerben.

Schlechte Aussichten auf Jahre hinaus

Dass viele Genossenschaften aus administrativen Gründen inzwischen auf Wartelisten verzichten müssen, ist ein weiteres Zeichen für den enormen Druck auf den Zürcher Wohnungsmarkt. «Die Aussichten sind auf Jahre hinaus sehr schlecht, deshalb mussten wir für Objekte mit über 2 Zimmern den Bewerbungsstopp erlassen», hält FGZ-Präsident Alfons Sonderegger fest. Zwei Frauen sind bei der Familienheim-Genossenschaft für die Bearbeitung der Anfragen zuständig. «Das Telefon klingelt praktisch alle zehn Minuten und so müssen sie mehrmals täglich Leute enttäuschen, die bei uns wohnen möchten.»

ABZ-Präsident Peter Schmid hält gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet fest, dass vor allem die persönlichen Anfragen zugenommen haben. «Ich bekomme immer wieder Briefe, in denen die Leute ihre Notfälle schildern.» So zum Beispiel ältere Paare, die keine Wohnung im Quartier finden oder Menschen, die sich die Mietzinse auf dem freien Markt nicht leisten können. «Manchmal meldet sich auch ein Vater, der nach der Trennung von der Frau eine Wohnung in der Nähe der Kinder sucht und nichts findet. Es ist wirklich tragisch. Die Anfragen berühren einem sehr.»

Das mache auch die Arbeit der Vermittlungsabteilung bei der ABZ emotional schwierig, weil sie täglich mit solchen Schicksalen konfrontiert seien und damit umgehen müssten. «Aber wir können ja nicht die ganze Welt retten, auch wenn wir das gerne tun würden.»

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Bewerbung für eine Wohnung in Zürich gemacht? Schildern Sie uns Ihre Erlebnisse in einem Mail: zuerich@newsnet.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.06.2012, 12:03 Uhr)

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