Zürich

«Es dauerte 15 Jahre, bis ich mir eine Professur zutraute»

Von Claudia Imfeld. Aktualisiert am 26.04.2010

Professorinnen sind nach wie vor rar an den Schweizer Universitäten. Zwei Rechtsprofessorinnen über das Frau-Sein in einer Männerdomäne, Vorurteile und die fast 25 Jahre, die zwischen ihren Berufungen liegen.

Ulrike Babusiaux (links) und Beatrice Weber-Dürler: Zwei der wenigen Professorinnen.

Dominique Meienberg

Frau Babusiaux, als Sie letzten September Ihre Professur an der Uni Zürich antraten, auf wie viele Professorinnen trafen Sie an der Rechtsfakultät?
Ulrike Babusiaux: Nicht auf viele. 7 von 44 Professuren sind derzeit von Frauen besetzt. Aber die Professorinnen sind sehr sichtbar, was auch daran liegt, dass man hier nicht über das Geschlecht definiert wird, sondern über das, was man kann. Auf das Klischee des Mäuschens bin ich in Zürich noch nicht getroffen, sondern nur auf gleichberechtigte Frauen.

Frau Weber-Dürler, Sie bekamen 1986 an der Hochschule St. Gallen (HSG) als erste Frau eine Professur. 1990 wechselten Sie nach Zürich. Wie war es da um die Zahl der Rechtsprofessorinnen bestellt?
Beatrice Weber-Dürler: In Zürich waren wir zwei. Das war nicht einfach. Als Frau wurde ich teilweise neugierig, aber auch misstrauisch begutachtet. Die Männer fragten sich: Kann sie das? Das erzeugt natürlich Druck.

Wie kam es, dass Sie sich für eine akademische Laufbahn entschieden, in einem Bereich, der vor 25 Jahren noch fest in Männerhand war?
Weber-Dürler: Es dauerte etwa 15 Jahre, bis ich mir eine Professur wirklich zutraute. Als ich studierte, waren vielleicht 8 von 200 Kommilitonen weiblich. Wir kamen gar nicht auf die Idee, den respektheischenden Professoren nachzueifern. Hinzu kam die fehlende Selbstsicherheit: Als ich nach der Habilitation eine erste Anfrage von auswärts erhielt, sagte ich: Höchstens 50 Prozent! Mehr, dachte ich, liege wegen der zwei Haushalte an zwei Orten nicht drin. Teilzeitstellen lagen damals aber fern. Erst als der Ruf nach St. Gallen kam, entschloss ich mich, es zu wagen. Kinder waren in dieser Situation für mich absolut ausgeschlossen. Und natürlich goutierten es manche in meinem Umfeld nicht, als ich als Professorin wegen der Wohnsitzpflicht der Hochschule nach St. Gallen zog und nicht bei meinem Mann in Zürich blieb. Babusiaux: Auch ich fühlte mich als Akademikerin bisweilen schief oder neugierig beäugt. Etwa wenn ich vor einem reinen Männergremium sass. Aber ich habe auch erfahren, dass es heute selbstverständlich ist, dass Frauen die universitäre Laufbahn einschlagen. Das Können wird meiner Erfahrung nach nicht infrage gestellt. Es ist ein anderer Umstand, der für Misstrauen sorgt: wenn eine Frau eine akademische Laufbahn und Familie anstrebt. Da spürte ich oft Unverständnis.

Sie haben zwei kleine Kinder. Wie organisieren Sie Beruf und Familie?
Babusiaux: Meine Mutter hat mir gesagt: «Wenn du arbeitest, denk nicht an deine Kinder, wenn du bei deinen Kindern bist, nicht an deine Arbeit.» Gerade wenn die Arbeit Spass macht, geht das auch. Natürlich braucht es ausserdem gute Möglichkeiten der Kinderbetreuung und einen Mann, der die Lasten mitträgt. Und manchmal zwinge ich mich, mit Scheuklappen durch die Wohnung zu gehen, um an meinen Schreibtisch zu gelangen. Aber es ist oft mühsam, gegen gesellschaftliche Vorstellungen anzugehen – und wenn die Kinder Probleme haben, plagt mich auch das schlechte Gewissen.

Warum entscheiden sich nicht mehr Frauen für eine akademische Laufbahn?
Weber-Dürler: Ich glaube, es liegt am Kinderwunsch. Ausserdem fehlt es den Frauen oft an der nötigen Zielstrebigkeit und dem Selbstvertrauen. Babusiaux: Die Frauen fragen sich, ob sie eine Dissertation überhaupt schaffen können. Für Männer scheint das nie eine Frage zu sein.

Bringen Quoten etwas?
Weber-Dürler: Eine Forderung nach einer 50-Prozent-Quote wäre undenkbar. Da würde die Qualität leiden und auch der Ruf der Frauen, die solche Stellen bekämen. Akzeptiert wird die Regel, Frauen bei gleicher Qualifikation den Vorzug zu geben; sie ist aber von bescheidener Wirkung und leicht zu umgehen. Babusiaux: Auch ich halte Quoten für wenig sinnvoll.

Was liesse sich im Interesse der Frauen denn verbessern?

Weber-Dürler: Den Frauen, aber auch der Wissenschaft insgesamt würde es nützen, wenn gewisse falsche Leistungsanforderungen eliminiert würden. Der Publikationsdruck etwa. Es ist kein Qualitätsmerkmal, wenn jemand viel publiziert. Oder der Druck, Drittmittel zu beschaffen, um mehr Arbeitskräfte zu finanzieren: In meinen Augen zerstört der damit verbundene bürokratische Aufwand den noch verbliebenen Freiraum für eigene Forschungsarbeiten. Diese Ansprüche stossen ganz besonders Frauen ab, weil es unmöglich ist, all das zu schaffen – und noch eine Familie zu haben. Solche Kritik würden Kollegen übrigens kaum wagen – sie könnte bereits als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden.

Heute sind rund 15 Prozent der Professuren in Frauenhand. Für 2018 wird die Zahl auf etwa 24 Prozent geschätzt.
Babusiaux: Langfristig wäre es wünschenswert, in allen Studienrichtungen 50 Prozent zu erreichen. Damit die Interessen von Mädchen und Jungen in allen Bereichen in etwa ausgeglichen sind, müssen wir aber gesellschaftliche Muster aufbrechen. Das muss zu Hause beginnen, an der Uni ist es dafür zu spät. Weber-Dürler: Schön wäre es, wenn irgendwann das Geschlecht keine Rolle mehr spielt.

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Erstellt: 25.04.2010, 23:24 Uhr

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