Zürich

«Es droht ein Rückfall in Basarzeiten»

Von Stefan Häne. Aktualisiert am 17.05.2010

Dumpingpreise, offene Stadtgrenzen, Öko-Fahrzeuge: Zürichs Taxigewerbe steht vor grossen Veränderungen. Roberto Weidmann, Präsident des Taxi-Dachverbands, warnt vor einer Verslumung der Branche.

«Künftig sollen auf Zürichs Strassen nur noch Öko-Taxis fahren», fordert Dachverbandspräsident Roberto Weidmann.

«Künftig sollen auf Zürichs Strassen nur noch Öko-Taxis fahren», fordert Dachverbandspräsident Roberto Weidmann.
Bild: Tom Kawara

Artikel zum Thema

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...


Die Qualität der Zürcher Taxis ist umstritten. Hat das Image der Taxifahrer gelitten?
Ja, leider. Selbst die vorbildlichen Fahrerinnen und Fahrer müssen sich bei harmlosen Äusserungen von Kunden neuerdings anhören, sie seien unverschämt. Ärgerlich ist, dass alle Taxifahrer in einen Topf geworfen werden. Dabei gibt es unter den rund 1500 Fahrern in der Stadt Zürich schätzungsweise nur zwischen 50 und 70 schwarze Schafe; das sind keine 5 Prozent. Die grosse Mehrheit arbeitet so, dass es keinen Grund für Beanstandungen gibt: freundlich, ortskundig und zuverlässig.

Was soll mit den schwarzen Schafen geschehen?
Uns sind die Hände gebunden. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Fahrers, Anstand zu lernen und Regeln einzuhalten. Es ist nicht zuletzt ein kulturelles Problem, mit dem wir es zu tun haben. Beim Hauptbahnhof stammt die Mehrheit der Fahrer aus dem Ausland. Diese Leute haben viel Stolz und lassen sich von uns nichts sagen. Tun wir es trotzdem, besteht die Gefahr, dass sie aggressiv werden. Kürzlich wollten zwei Engländer mit dem Taxi vom Hauptbahnhof aus in ein Hotel in der Nähe fahren. Ihnen wurde die Fahrt verweigert, weil sie nur 10 bis 15 Franken gekostet hätte. So etwas schadet dem Ruf unserer Branche enorm.

Was erwarten Sie von Daniel Leupi, Zürichs neuem Polizeivorsteher?
Er wird das Rad nicht neu erfinden können. Ich hoffe, dass er als Grüner trotz seiner Präferenz für die öffentlichen Verkehrsmittel und das Velo ein offenes Ohr für das Taxigewerbe haben wird. Bis anhin haben wir uns nicht ernst genommen gefühlt. Leupis Vorgängerin Esther Maurer hat alle unsere Ideen vom Tisch gewischt - so etwa den Vorschlag, die zu hohe Zahl der Taxis von 1500 auf 1200 zu reduzieren. Das entspräche 3 Taxis auf 1000 Einwohner - ein Wert, wie er international üblich ist und den Taxifahrern genügend Fahrten und damit das Einkommen sichert.

Auch die jüngst gefällten Entscheide des Bezirksrats werden politisch zu reden geben. Der Stadtrat darf die Taxipreise nicht länger regeln. Mit welchen Folgen rechnen Sie?
Vorweg dies: Die neue Regel ist noch nicht definitiv. Der Bezirksrat hat drei Beschwerden zur neuen Taxiverordnung behandelt. Diese geht nun zurück in den Gemeinderat, der die strittigen Punkte neu verhandeln muss. Zurück zu Ihrer Frage: Falls die Taxifahrer die Preise künftig selber bestimmen können, droht ein Rückfall ins Basarzeitalter. Die Fahrer würden die Kundschaft mit Sonderangeboten anlocken; dies kennen wir aus Basel. Es käme zu einem ruinösen Preiskampf. Die heutige Regel ist gut: Der Stadtrat setzt den Preis nach Rücksprache mit uns fest.

Sind die Zürcher Taxis zu billig?
Die Preise - 6 Franken Grundtaxe und 3.80 Franken pro Kilometer - halte ich für angemessen, da sie breit akzeptiert sind. Einen Aufschlag würden die Kunden zum jetzigen Zeitpunkt nicht goutieren. Wir haben die Preise erst gerade um 5,6 Prozent erhöht.

Der Bezirksrat hat auch zugunsten der Landtaxis entschieden. Neu sollen auswärtige Taxis auf dem Gebiet der Stadt Kunden abholen dürfen. Was halten Sie davon?
Es käme zu einer Marktöffnung, die ich für problematisch halte. Heute hat der Kunde in Zürich die Gewähr, dass das Taxi von der Stadt offiziell zugelassen ist. Der Fahrer hat eine Prüfung abgelegt; das Auto entspricht den Vorschriften. Diese Qualität ist bei einer Marktöffnung in Gefahr, weil viele auswärtige Taxis diese hohen Anforderungen nicht oder nur teilweise erfüllen. Kleinere Gemeinden kennen, anders als Zürich, keine Taxiverordnung - eine Zulassung zu erhalten, ist für einen Fahrer auswärts daher wesentlich einfacher. Es droht eine Verslumung der Branche. Als Verlierer stünde am Ende der Kunde da. Von aussen sieht man einem Taxi nicht an, ob der Service gut ist.

Warum stemmen Sie sich derart gegen den freien Markt?
Weil er auch mit einer Grenzöffnung nicht spielen wird. Theoretisch müsste sich die Zahl der Taxis bei einem Überangebot mittelfristig nach unten regulieren. Dass dies nicht geschieht, liegt an den Sozialämtern der Stadt Zürich und anderer Gemeinden. Wenn ein Taxifahrer mit seinem Lohn unter dem wirtschaftlichen Existenzminimum bleibt, erhält er vom Sozialamt den fehlenden Betrag ausgeglichen. Auf diese Weise fährt die Stadt oder Gemeinde besser, als wenn die gleiche Person arbeitslos wäre. Sie hat also ein Interesse daran, dass diese Leute in der Taxibranche bleiben.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Ich habe dem Sozialamt einer Stadt in der Umgebung von Zürich eben eine Rechnung geschickt. Sie stammt von einem Taxifahrer, der bei mir einen Wagen gemietet hat, aber nicht genügend Geld hat, die Miete zu bezahlen. Das Sozialamt, das diesen Fahrer betreut, wird nun den Betrag begleichen - anstandslos, wie man mir versichert hat. Dieser Mechanismus ist auch der Grund, weshalb bei Regelverstössen hohe Bussen auf Taxifahrer keine abschreckende Wirkung entfalten würden. Viele Taxifahrer beziehen Gelder aus der Sozialhilfe. Letztlich würde also der Steuerzahler die Busse finanzieren.

Ein letzter Entscheid des Bezirksrats: Taxis mit geringen Emissionen sollen für ihren Standplatz statt jährlich 780 Franken nur ein Viertel davon bezahlen. Eine gute Idee?
Ja. Ich gehe sogar einen Schritt weiter: Künftig sollen auf Zürichs Strassen nur noch Öko-Taxis fahren. Man müsste strenge Anforderungen definieren, etwa die Abgasnorm Euro-5 als Minimalstandard bei der Anschaffung eines neuen Autos. So liesse sich mittelfristig die ganze Flotte umrüsten. In Mailand fahren heute schon fast nur noch Hybridfahrzeuge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2010, 08:38 Uhr

Zürich

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.