«Es geht langsam ans Eingemachte»

Am Montag will die Stadt über die aktuelle Lage der Prostitution und über den Strichplan informieren. Die Anwohner der betroffenen Gebiete sind mit der Geduld am Ende. Es herrscht Unsicherheit und Wut.

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Geht es um die Prostitution in Zürich, hat die Stadt gleich mit mehreren Baustellen zu kämpfen. Da wäre einerseits die Prostitutionsgewerbeverordnung (PGVO), die im März dieses Jahres erlassen wurde und vorerst nur teilweise in Kraft gesetzt werden konnte. Dann ist da noch der geplante Strichplatz in Altstetten, dessen Baubewilligung erst Mitte Jahr rechtskräftig wurde. Und schliesslich gibt es den Strichplan aus dem Jahr 1991, dessen Revision vor allem von den Anwohnern der heutigen Strichzonen sehnlichst erwartet wird.

Am kommenden Montag wollen nun das Zürcher Polizei- und das Sozialdepartement über die aktuelle Lage der Prostitution in Zürich und die verschiedenen Projekte informieren. Ein Anlass, dem die Direktbetroffenen mit gemischten Gefühlen entgegenblicken.

Zähringerstrasse: «Das Gewerbe hat riesige Probleme»

So beispielsweise die Mitglieder der Interessengemeinschaft Zähringerstrasse, die sich bereits seit langem dagegen wehren, dass ihre Strasse auch im neuen Strichplan eingetragen wird. «Unsere Erwartungen an die Stadt sind klar: Wir wollen keine Strassenprostitution mehr bei uns, und wir werden alles daran setzen, dieses Ziel zu erreichen», hält IG-Sprecherin Monika Braumandl gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet fest.

Anfang 2012 haben die Anwohner bereits auf eigene Kosten Sicherheitsleute angestellt, die an den Wochenenden für etwas Ruhe sorgen. Am 1. November wurde zudem eine Barriere an der Strasse errichtet, damit Unbefugte zwischen 19 und 4 Uhr nicht mehr durchfahren können. «Die Barriere hat im Bezug auf die Nachtruhe sehr gute Wirkung gezeigt und die Lage verbessert», so Braumandl, «aber die Situation ist noch immer unhaltbar. Das Gewerbe hat nach wie vor riesige Probleme wegen der Prostitution an der Strasse. Es geht langsam ans Eingemachte.»

Selbst Wohnungen könnten gemäss Braumandl nicht mehr vermietet werden. «Vor gut zwei Monaten ist eine Familie mit drei Kindern wegen der Verhältnisse an der Strasse ausgezogen. Die Wohnung steht noch immer leer. Vor allem Frauen wollen nicht hier leben.»

Die IG hofft nun, dass mit der Eröffnung des Strichplatzes die Prostituierten von der Strasse wegziehen – «oder dass die Prostitution dann nur noch von 22 Uhr bis 2 Uhr erlaubt sein wird, wie es die Stadt versprochen hat.»

Sihlquai: «Die Freier sind der reinste Horror»

Auch Max Egger, Hauswart einer Liegenschaft am Sihlquai, kann die Strichplatz-Eröffnung in Altstetten kaum erwarten. Denn mit dem neuen Strichplan soll der Strassenstrich am Sihlquai verboten werden, sobald der Strichplatz offen ist. «Seit 2010 hat man uns immer wieder Hoffnungen auf Verbesserungen gemacht. Jetzt werden wir auf den Sommer 2013 vertröstet», sagt er auf Anfrage. «Ich bin enttäuscht, dass man in Altstetten nicht wenigstens mit dem Abbau der Altlasten begonnen hat. Die müssen ohnehin entfernt und entsorgt werden. Das hätte man schon längst tun können und das ist noch nicht geschehen.»

Die Lage am Sihlquai habe sich zwar etwas beruhigt, seit die Hürden für eine Bewilligung zum Anschaffen erhöht wurden, so Egger weiter. «Einigen Frauen ist das wohl zu kompliziert oder zu teuer. Aber die Gesamtsituation ist nach wie vor inakzeptabel.» Voyeure und Freier seien nämlich noch immer «der reinste Horror» und würden weiter Lärm und Dreck machen.

Aargauerstrasse: «Wir bekommen keinerlei Informationen»

Während die Bewohner am einen Ende der Stadt die Eröffnung des Strichplatzes herbeisehnen, haben die Anrainer der Aargauerstrasse in Altstetten, wo die Sexboxen dereinst entstehen sollen, das Rekursverfahren gegen das Projekt verloren.

Nun kämpfen sie bereits mit den nächsten Problemen: «Seit der Abstimmung im März 2012 haben wir nie mehr etwas von der Stadt gehört. Wir bekommen keinerlei Informationen darüber, wie es nun weitergehen wird», sagt Andrea Targiroff, Mitglied der Interessengemeinschaft Aargauerstrasse 180, auf Anfrage. Dabei wäre es ihrer Ansicht nach sinnvoll, wenn die wenigen direkt betroffenen Mieter in die Abläufe miteinbezogen würden. «So könnte man vielleicht auch Kompromisse schliessen. Ich habe keine grossen Erwartungen, aber ich werde auch nicht gerne vor vollendete Tatsachen gestellt.»

30 oder 120 Prostituierte?

Man sei sehr verunsichert, weil man nicht auf dem Laufenden gehalten werde. «Ich sehe beispielsweise, dass das Containerdorf der Künstler sehr nahe an die Strasse der Brache gebaut wurde, und gehe nun davon aus, dass diese erweitert werden müsste. Ob dem so ist, weiss ich nicht», so Targiroff weiter. Ursprünglich sei den IG-Mitgliedern von der Stadt auch mitgeteilt worden, dass nur etwa 30 Frauen auf dem Strichplatz anschaffen werden. «Inzwischen habe ich aber gelesen, dass am Sihlquai bis zu 120 Prostituierte stehen. Was ist denn nun realistisch?»

Insbesondere das Thema Sicherheit liegt Targiroff am Herzen. «Das schlimmste Szenario wäre, wenn wir nun täglich mit Raufereien und Räubereien rechnen müssen, weil das Quartier zu wenig geschützt wird.» Es sei ihr deshalb ein Anliegen, dass die Stadt wenigstens punkto Sicherheit besser informiere. «Wir sehen beispielsweise, was an der Zähringerstrasse gemacht wurde, und möchten gerne wissen, ob bei uns auch ein Sicherheitsbeauftragter an einer Barriere dafür sorgen wird, dass unsere Strasse gesichert ist – schliesslich bezahlen wir ja auch Steuern.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.11.2012, 13:51 Uhr)

Auf diesem Areal entsteht der Strichplatz

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