«Es ist ein kleines Wunder passiert»

Das Drogenelend auf dem Platzspitz erschütterte vor 20 Jahren die ganze Welt. Aus dem Schrecklichen habe die Politik aber etwas Gutes geschaffen, findet Mediziner Peter J. Grob, der ein Buch über den «Needlepark» geschrieben hat.

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Herr Grob, heute wirken die Bilder vom «Needlepark» irgendwie surreal und weit weg. Woran denken Sie, wenn dieser Ausdruck fällt?
Daran, dass die reine Repression gegen Drogenbenutzer durchbrochen wurde. Erstmals hat man ihnen saubere Spritzen abgegeben und medizinische Hilfe angeboten. Das war der Durchbruch. So weit ist es aber nur gekommen, weil sich die Behörden plötzlich mit der Aidsepidemie konfrontiert sahen.

Sie waren die treibende Kraft hinter Zipp-Aids. Wie kam es dazu?
In den 80er-Jahren versuchten die Labors des Universitätsspitals herauszufinden, welche Gruppen besonders betroffen sind von Hepatitis und Aids. Wie sich herausstellte, waren es die Drogenbenutzer. Sie steckten sich vor allem an, indem sie gebrauchte Spritzen tauschten. Um möglichst viele von ihnen zu erreichen mussten wir selber auf die Gasse gehen, das hiess damals auf den Platzspitz.

Sie gingen in den «Needlepark»?
Ja. Es sah aus wie in einem Flüchtlingslager. Der Park war unsäglich schmutzig, es sah so gar nicht aus wie in der Schweiz. 500 bis 600 Menschen standen, sassen oder lagen auf dem Boden. Eine Frau fiel mir auf, weil sie anders angezogen war als die Süchtigen. Es war die Leiterin des Roten Kreuzes des Kantons Zürich. Wir waren uns einig: Dies hier ist eine absolute Notsituation. Und wenn nicht etwas geschieht, dann werden sich jeden Tag Leute mit Aids und Hepatitis infizieren.

Und ist etwas geschehen?
Ja, es ist ein kleines Wunder passiert. Wir wollten eine Spritzentauschorganisation aufbauen, die 365 Tage im Jahr offen ist, und sind bei den Behörden vorstellig geworden. Und tatsächlich haben der Stadtrat und das Bundesamt für Gesundheit dafür einige Millionen Franken gesprochen.

Warum war dies ein Wunder?
Stellen Sie sich das damalige Umfeld vor! 1975 war das Betäubungsmittelgesetz massiv verschärft worden. Bereits der Besitz und Gebrauch von Spritzen waren danach strafbar.

Weshalb?
Man sagte: Keine Spritze und keine Nadel, also keine Krankheitsübertragung. Bis 1975 existierte eine Grauzone, und das hat gar nichts so schlecht funktioniert: Bei den Gassenimpfungen gegen Hepatitis wurden manchmal diskret «übrig gebliebene» Spritzen abgegeben. Ein gut meinender Geist wollte diesen Zustand legalisieren und reichte einen Vorstoss ein. Darauf musste der Gesetzgeber reagieren – und hat es so getan, wie es der damaligen Stimmung entsprach.

Waren Sie auch auf dem Platzspitz, nachdem Zipp-Aids seinen Betrieb aufgenommen hat?
Ich war jeden Tag dort. Die eigentliche Arbeit machten aber rund fünfzig Krankenschwestern und ein Dutzend Ärzte, die im engen Toilettenhäuschen im Schichtdienst täglich 9000 Spritzen abgaben und erste Hilfe leisteten. Manche taten dies sogar freiwillig neben ihrer Arbeit. Das waren die eigentlichen Helden.

War es gefährlich, auf dem Platzspitz zu arbeiten?
Nein. Der Platzspitz war zwar eine andere Welt, aber eine friedliche. Die Drogenkranken standen jeweils in langen Kolonnen vor unserem Häuschen an, weit gesitteter, als es jeweils an der Billettkasse vor einem Fussballspiel zu- und hergeht. Ich stellte mein Töffli drei Jahre lang jeden Tag vor dem Zipp-Haus ab – nicht abgeschlossen –, und es wurde nie gestohlen. Nur der Rückspiegel kam einmal weg. Eine Drogenkranke hatte ihn gebraucht, um sich einen Schuss in die Halsvene zu setzen. Viele Drogenbenutzer hatten über ihren verhärteten Venen eine ganz verkruste Haut und fanden manchmal nur noch am Hals durchgängige Blutgefässe. Die Frau übrigens hat sich nachher bei mir entschuldigt, weil sie den Spiegel verlegt hatte.

Als Aussenstehende hat man sich die Verhältnisse auf dem Platzspitz anders vorgestellt.
Die Süchtigen bildeten eine Schicksalsgemeinschaft, die zusammen gelitten hat. Ich war immer wieder über ihre Solidarität überrascht. Es kam vor, dass uns ein Drogenkranker mitteilte, es liege einer am Boden und atme nicht mehr. Dann eilte eine Krankenschwester oder ein Arzt mit einer Sauerstoffflasche dahin.

Man hörte aber auch immer wieder von gewalttätigen Übergriffen in der Drogenszene.
Ja, aber das geschah später, nachdem sich die Szene an den Letten verlagert hatte. Dort kamen Mafiagruppen ins Spiel. Am Platzspitz wurden Drogen mehr über den Kleinhandel beschafft: So schickte zum Beispiel eine Gruppe von Drogenkonsumenten einen von ihnen nach Amsterdam, weil sie gehört hatte, dass dort 1 Gramm Heroin nur 70 Franken kostete. Es wurde aber nicht nur Heroin gespritzt, die Süchtigen experimentierten mit einem Cocktail verschiedenster Substanzen, um deren Wirkung zu optimieren. Sie nahmen Kokain, dann Heroin und ruhten sich am Schluss auf Rohypnol aus.

Wer waren die Drogensüchtigen?
Psychologen und Soziologen behaupteten, es seien vor allem Kinder aus zerrütteten Familien oder Secondos. Heute weiss ich, dass das nicht stimmt. Natürlich waren dort Kinder aus zerrütteten Familien, aber auch von der Goldküste. Es gab das ganze Spektrum – Berufstätige, Studenten, Arbeitslose, Aussteiger. Am Platzspitz tauchten auch gut gekleidete Männer auf, die eine Spritze holten und gleich wieder verschwanden. Es haben weniger Süchtige Sozialhilfe bezogen, als bestimmte Parteien behaupteten. Meine Botschaft ist: Drogenbenutzer sind oft normale Steuerzahler, integrierte Leute.

Liess es die Bevölkerung gleichgültig, was auf dem Platzspitz geschah?
Nein. Viele Privatpersonen boten ihre Hilfe an und stellten etwa einmal pro Woche ihr Bad oder ihre Waschmaschine zur Verfügung. Manchmal kamen auch Eltern, die ihre Kinder suchten. Das war wahnsinnig hart. Manche plagten Schuldgefühle. Sie hatten ein grosses Bedürfnis, ihrem Kind zu helfen. Das konnten sie aber nicht immer, und so haben sie anderen Süchtigen geholfen, als Ersatzhandlung gewissermassen. Es sind auch religiöse Gruppen auf dem Platzspitz aufgetaucht, die mit den Drogenbenutzern beteten oder ein «Fest des Lebens» feierten, mit Mahlzeiten und mit Ansprachen ehemaliger Süchtigen.

Wie gingen Sie mit der Situation um?
Ich ging sozusagen vom Glashaus der Universität auf die Gasse. Wenn man einmal hingeschaut hat, konnte man sich nicht mehr von diesen Eindrücken lösen. Man konnte nicht nicht involviert sein.

Zürich hatte mit dem Platzspitz die grösste offene Drogenszene der Welt. Weshalb ausgerechnet Zürich?
Zürich war der erste Ort, wo direkt in der Drogenszene Spritzen abgegeben wurden und medizinische Hilfe angeboten wurde, das bewirkte einen Sog. Wenn es im Tessin an einem Tag regnete, reisten mehrere Hundert Drogenkonsumenten an. Zudem lag der Platzspitz günstig, etwas abseits von Schulen und Geschäften, abseits vom normalen Leben. Man konnte gut an ihm vorbeischauen.

Andere Städte hatten auch offene Drogenszenen. Aber über jene in Zürich wurde in den Medien weltweit am prominentesten berichtet.
Die Szenen im Ausland waren kleiner und weniger sichtbar. Dazu kam, dass man nicht verstehen konnte, wie in einem so reichen, geordneten Land so ein Elend entstehen konnte. In einer Grossstadt wie New York hätte dies kaum jemanden erstaunt. Die internationalen Medien berichteten aber nicht nur negativ über den «Needlepark»: Wohl bezeichneten ihn manche als Schandfleck, andere aber schrieben, es sei der erste Ort, wo man wirklich etwas gegen die Drogenepidemie unternehme.

Stimmt das?
Ja, ich muss hier dem damaligen Stadtrat Anerkennung zollen. Er wurde oft angegriffen wegen seiner liberalen Haltung. Aber er hat den Ernst der Situation erkannt und mutige Beschlüsse gefasst.

Hätte man den Platzspitz verhindern können?
Hätte man ihn verhindern sollen? So schrecklich die Situation gewesen ist, aber wenn man die 2000 Süchtigen nicht gesehen hätte, wäre nichts passiert. Was daraufhin geschehen ist, ist eine absolute Erfolgsstory. Auch andere Länder haben danach Spritzen abgegeben oder niederschwellige Methadonbehandlung eingeführt, allerdings erst Jahre später. Zürich war ein weltweites Experiment.

Es hat den Platzspitz gebraucht?
Die Situation hat ein gesellschaftliches Umdenken bewirkt. Das hat zwar 33 Jahre gedauert, von 1975, als das Betäubungsmittelgesetz revidiert worden ist, bis 2008, als das Schweizer Stimmvolk Ja sagte zum 4-Säulen-Prinzip, zu Prävention, Therapie, Schadenminderung und Repression. Historisch gesehen sind 33 Jahre aber eine kurze Zeit für ein gesellschaftliches Umdenken. Mein Buch ist ein positives Dokument, wie aus etwas Schrecklichem etwas Gutes geschaffen worden ist. Aber unter uns gesagt: Wenn man den Leuten in einem Buch die Leviten liest, wollen sie es ohnehin nicht lesen.

Wie sieht die Situation in der Drogenszene heute aus?
Im Moment ist die Epidemie wohl auf dem tiefstmöglichen Niveau. Wir haben weniger Gassenelend, viel weniger HIV-Infektionen und weniger Todesfälle. Am wichtigsten für mich ist jedoch, dass die Drogensucht medizinalisiert worden ist. Man betrachtet sie nicht mehr als böswillige Laune der Betroffenen, sondern als Krankheit und behandelt sie entsprechend.

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(Erstellt: 24.11.2009, 04:00 Uhr)

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