Es muss nicht immer Ziger sein

Glarus ist Gast am Zürcher Sechseläuten. Dazu eine Liste, die belegt, was der nahe Kanton an fast Unbekanntem birgt.

Den Klöntalersee kennen viele. Aber das Gessnerdenkmal an seinem Ufer? Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Den Klöntalersee kennen viele. Aber das Gessnerdenkmal an seinem Ufer? Foto: Arno Balzarini (Keystone)

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Glarus ist dieses Jahr Gastkanton am Sechseläuten, ab heute präsentieren sich die Glarner in der Stadt. Als Zürcher freut man sich, man hat für Glarus gute Gefühle. Man denkt an die Skiferien in Braunwald. An die Velotour über den Kerenzerberg mit Tiefblick auf den Walensee. An Ziger­hörnli und ans Martinsloch.

Das ist das bekannte Glarnerland. Doch lohnt es sich, auch die weniger bekannten Dinge zur Kenntnis zu nehmen, die sich im nahen Kanton finden und ihn ebenso ausmachen. Hier eine Liste, auf dass wir den facettenreichen Stand Glarus noch besser erfassen.

  • Ein Grabstein auf dem Kirchhof von Obstalden erinnert an Rachid Osman, gestorben 1962, und an Rosa Osman-Keller, gestorben 1994. Rachid war ein Spross der Osmanendynastie, die jahrhundertelang das gleichnamige Vielvölkerreich regierte. Die moderne Türkei, die die Osmanenherrschaft beseitigte, wies den Prinzen 1923 aus. Er kam in die Schweiz, landete auf dem Kerenzerberg und heiratete eine Coiffeuse – Liebe im Glarnerland.

  • In Mollis eine Tafel am Haus, in dem er lebte: David Zwicky, 1740 bis 1796. Im Stehen ist er gestorben. Angelehnt an eine Felswand. Viele Wochen dauerte es, bis man die Leiche im steilen Gelände über der Auernalp fand. Zwicky hatte sich das Bein gebrochen, war noch ein Stück gekrochen, hatte Notschüsse abgefeuert, war an Erschöpfung und Kälte eingegangen. So endete ein Mann, der arm geboren wurde und bei seinem Tod eine riesige Guldensumme und ein eigenes Haus besass. Zwicky hat 1300 Gämsen geschossen, er war der berühmteste Glarner Jäger aller Zeiten. Auf der Jagd ist er gestorben.
  • Beim Bergli zwischen Linthal und Urnerboden zweigt von der Klausenstrasse ein Fussweg ab. Er führt in ein Tobel zum Wasserfall Berglistüber und gar hinter diesen. Vor sich hat man die stiebende Wassersäule, 44 Meter hoch, ein aparter Anblick. Das Wasser im Becken schimmert grünblau: Südsee im Glarnerland.

  • Die Alp Tschingel erreicht man von Elm im neuen Miniseilbähnli. Oder zu Fuss durch die Urwelt der Tschinglenschlucht. Die paar Hütten mit dem Alpwirtschäftli sind so rührend in ihrer Puppenstubenhaftigkeit inmitten der bösen Berge, dass man es kaum glaubt.

  • Von der Glarner Textilblüte zeugen die Hänggitürme, an denen man einst Stoffbahnen zum Trocknen aufhängte. Besonders imposant ist der Hänggiturm in Ennenda. Ab August lohnt sich die Reise doppelt. Dann öffnet in dem historischen Ambiente das modernisierte und er­weiterte Anna-Göldi-Museum. Es erinnert an die Magd, die als Hexe hingerichtet wurde.

  • Erstaunlich, wo Menschen wirten. Auf dem Segnespass, 2627 Meter über Meer, kam es vor vielen Jahren zu folgendem Rencontre: Der Wanderer klopft ans Fenster des mysteriösen Holzverschlages. Ein Mann schaut heraus: «Was wollen Sie?» Der Wanderer: «Gern etwas zu trinken.» Der Mann: «Ist es ein Notfall?» «Nein, nur Durst», sagt der Wanderer, worauf sich das Fenster wieder schliesst. So war das, als das Gehütt dem Militär gehörte. Heute gibt es an der exponierten Stelle zwischen Elm und Flims erstaunlicherweise unmittelbar beim Martinsloch eine Lodge. Man bekommt zu trinken. Zu essen. Und sogar ein Bett.

  • Zwischen der Bergstation der Garichti-Seilbahn und der Leglerhütte findet sich die Kärpfbrücke. Ein Naturtunnel, den der Bach durchs weiche Gestein getrieben hat, wohingegen er das härtere Gestein darüber verschmähte. Bei Niedrigwasser ist der 50 Meter lange Tunnel begehbar. Taschenlampe mitnehmen! Und mit nassen Füssen rechnen!

  • Auf der touristisch eingerichteten Berglialp hoch über Matt badet man im Lärchenholz­zuber heiss. Und man isst Fenz, den Albtraum des städtischen Kalorienneurotikers. Fenz (das Rezept variiert je nach Region) besteht aus Mehl, Griess, Milch, Salz und brutal viel Butter. Man wird garantiert sehr satt.

  • Der Klöntalersee: die Schweizer Antwort auf Norwegens Fjorde. Auf der strassenlosen Seite steht das Gessnerdenkmal von 1788. Es erinnert an den Zürcher Idyllendichter Salomon Gessner – und belegt die enge Verbindung der grossen Stadt mit dem Landkanton, der nun am Sechseläuten gastiert. Auch dieses Denkmal wäre ein Grund, die Glarner bald mit einer Gegenvisite zu beehren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2017, 18:21 Uhr

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