Zürich

«Es sind eher die Eltern, die Angst vor dem Arzt haben»

Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 30.08.2011 4 Kommentare

Am 1. November wird in Zürich die erste Kinder-Permanence der Schweiz eröffnet. Der Leitende Arzt der neuen Praxis spricht zum ersten Mal über die Hintergründe und Ziele des Pionierprojekts.

«Eltern sollten ihrem Kind im Krankheitsfall Stärke und Selbstvertrauen geben»: Dr. med. Attila Molnar.

«Eltern sollten ihrem Kind im Krankheitsfall Stärke und Selbstvertrauen geben»: Dr. med. Attila Molnar.
Bild: Tina Fassbind

Neue Praxis, neues Logo: Am 1. November 2011 feiert die Kinderpermanence beim Zürcher Hauptbahnhof Eröffnung. (Bild: PD)

Dr. med. Attila Molnar

Dr. med. Attila Molnar war zuletzt Oberarzt in der Neonatologie im Universitätsspital Lausanne, wo Frühgeborene oder erkrankte Neugeborene versorgt werden. Nach dem Staatsexamen in Medizin arbeitete er zunächst ein Jahr lang in der Notfallstation der Unfallchirurgie am Zürcher Unispital, danach hat er eine Ausbildung als Pädiater im Zürcher Kinderspital absolviert und anschliessend eine Weiterbildung in Neonatologie und Kinderintensivbetreuung in Australien gemacht. Molnar ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Die Kinder-Permanence

Am Bahnhofplatz 9 im Zürcher Kreis 1 wird im Herbst die erste Kinder-Permanence, eine Notfallpraxis für Kinder, eröffnet. «Wir haben mit den Bauarbeiten in den neuen Praxisräumen begonnen. Am 1. November wollen wir Eröffnung feiern», sagt Mediensprecher Michael Meier gegenüber Tagesanzeiger.ch. Zunächst werde die Praxis täglich zwischen 12 und 20 Uhr offen sein, geplant sei eine Ausdehnung der Öffnungszeiten bis 22 Uhr. Die Kinder-Permanence werde in enger Zusammenarbeit mit der bereits bestehenden Permanence am Zürcher Hauptbahnhof geführt. Das Team der neuen Praxis wird derzeit noch aufgebaut. «Wir evaluieren die Dossiers noch, haben aber bereits zahlreiche sehr gute Bewerbungen erhalten», so Meier. (tif)

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Herr Molnar, Sie geben Ihre Stelle als Oberarzt im Universitätsspital Lausanne auf und betreten als Leitender Arzt der neuen Kinder-Permanence von Zürich völliges Neuland. Macht Sie das nicht nervös?
Ein bisschen schon. Aber es ist auch spannend. Ich habe mir diesen Schritt natürlich sehr gut überlegt. Die Idee zur Permanence entstand im Gespräch mit meinem Freund und Teilhaber Michael Meier. Ich habe ihm gesagt, dass mich der Aufbau einer solchen Notfallpraxis sehr reizen würde. Die Notfallstationen in Kinderspitälern sind immer überlaufen. Ich habe im Zürcher Kinderspital einen Teil meiner Ausbildung absolviert und kenne die Situation: Eltern sind verärgert wegen der langen Wartezeiten, die Ärzte sind überlastet. Mit unserem neuen Angebot wollen wir die Situation in Zürich verbessern. Wenn es gut läuft, kann dieses Modell auch in anderen Städten eingeführt werden.

Was reizt Sie denn daran, eine Notfallpraxis für Kinder zu leiten?
Ich habe mich schon sehr früh in Richtung Neonatologie und Kinderintensivbetreuung weitergebildet. In meiner Ausbildungszeit habe ich zwei Jahre in Australien verbracht, einem Land, das berühmt ist für das Angebot in diesen Sparten. Dort war ich unter anderem auch für eine Art «Kinder-Rega» tätig. Dabei habe ich gelernt, in Notfallsituationen mit Kindern schnell richtig zu handeln. Eine solche Ausbildungsmöglichkeit zum Notfall-Pädiater oder einen Facharzt-Titel in diesem Bereich gibt es in der Schweiz nicht.

Und das wollen Sie in der Pädiatrie ändern?
Es ist durchaus denkbar, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt auch Assistenzärzten die Möglichkeit geben, bei uns in der Praxis Erfahrungen zu sammeln – selbstverständlich immer unter Aufsicht eines Oberarztes. Das wird aber frühestens in einem halben bis einem Jahr möglich sein. Jetzt wollen wir erst einmal mit unserem Team aus Oberärzten die neue Praxis aufbauen.

Woran erkennt man als Kinderarzt eigentlich, was dem Kind fehlt?
Das lässt sich nicht so einfach beschreiben. Das Wichtigste ist eine Beurteilung des Allgemeinzustandes. Dazu braucht man viel Erfahrung. Dazu kommt auch die Messung verschiedener Aspekte: Wie rasch atmet das Kind, wie ist sein Puls, sein Blutdruck, seine Temperatur? Die Anzeichen sind vielschichtig. Eine Lungenentzündung erkennt man beispielsweise oft nur daran, dass die Atemfrequenz erhöht ist und das Kind etwas Fieber hat. Während es Erwachsenen rasch sehr schlecht geht, sind Kinder in einem solchen Fall auf den ersten Blick noch recht munter. Trotzdem muss man handeln. Darum ist es so wichtig, dass in unserer Permanence nur erfahrene Oberärzte arbeiten.

Geht es nicht an die Substanz, täglich kranke und leidende Kinder zu betreuen?
Wenn ein gesundes Kind plötzlich schwer krank wird und man nichts mehr tun kann, dann nimmt mich das schon sehr mit. Aber das kommt zum Glück nicht oft vor. Für mich ist es wichtig, die Limite der Medizin zu erkennen. Ob ein Kind überlebt oder nicht, liegt aber nicht nur an uns Ärzten, sondern vor allem am Kind selbst.

Wie meinen Sie das?
Wenn ein Kind den Kampf aufgibt, dann überlebt es nicht. Wenn wir aber sehen, dass es Energie und Lebenswillen hat, dann können wir medizinisch etwas tun. Diesen Überlebenswillen kann man schon bei Kindern erkennen, die erst wenige Tage alt sind. Das habe ich schon oft erlebt.

Wie nehmen Sie den Kindern die Angst vor dem Arztbesuch?
Kinder bekommen nur Angst, wenn sie Leute nicht kennen oder schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wenn ich die kleinen Patienten untersuche, dann lasse ich sie dabei meist auf dem Schoss ihrer Eltern sitzen, oder ich mache das, während sie weiterspielen. Es sind eigentlich eher die Eltern, die Angst haben. Wenn man den Kindern diese Angst nicht zeigt, dann hilft das bei der Untersuchung. Mitleid nützt einem Kind nicht viel. Man sollte ihm in einem Krankheitsfall Stärke und Selbstvertrauen geben. Für Eltern ist das nicht einfach, weil sie selbst unsicher werden, wenn ihr Kind erkrankt.

Was wird die neue Kinder-Permanence auszeichnen?
Sie wird natürlich sehr kinderfreundlich sein und keine Spitalatmosphäre verströmen. Die Behandlungs- und Warteräume werden von einer Kinderbuchzeichnerin gestaltet. Vor allem aber wollen wir die Wartezeit möglichst kurz halten. Unser Ziel ist es, dass jedes Kind innerhalb einer halben Stunde von einem Arzt betreut werden kann. Wir haben zum Glück Ärzte, die sehr flexibel sind. Sollte sich herausstellen, dass unser Angebot vor allem am Abend stark genutzt wird, dann können wir die Arbeitszeiten ausdehnen. Ich hoffe, dass die Bevölkerung unser Angebot bei Bagatellfällen nutzt und so die schweren Notfälle im Kinderspital schneller betreut werden können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.08.2011, 11:36 Uhr

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4 Kommentare

Urs Burkart

30.08.2011, 15:27 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Dank Gott haben wir das Privileg, dass in unseren Spitaelern solche Persoenlichkeiten zur Verfuegung stehen.
Unser Kind wurde von Dr. Molnar und seinem Team in Lausanne behandelt. Seine Austrahlung und Kompetenz im Umgang mit Kind und Eltern haben mich tief beeindruckt.
Hoffentlich bekommt er die noetige Unterstuetzung um seine Projekte zu realisieren.
Antworten


Lia Schneider

30.08.2011, 12:15 Uhr
Melden 2 Empfehlung

eine super Idee. Nachdem wir vor kurzem sowohl von unserem Kinderarzt als auch von der regulären Permanence abgewimmelt wurden und wegen einer Hand-Mund-Fuss-Krankheit jetzt nicht ins Spital rennen mussten, hat sich zum Glück nach x Anrufen ein uns Fremder Kinderarzt erbarmt - dieses Angebot werden wir gegebenenfalls gerne nutzen. Antworten



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