Zürich

Fit fürs Gymnasium

Mit einem Förderprogramm hilft das Gymi Unterstrass Migrantenkindern beim Schritt an eine Mittelschule. Neun von elf schafften zuletzt den Sprung.

Sind doppelt benachteiligt: Migrantenkinder aus armen Verhältnissen.

Sind doppelt benachteiligt: Migrantenkinder aus armen Verhältnissen.
Bild: Keystone

Sie heissen Praveen, Luiz oder Sania. Sie haben ihre Wurzeln in Sri Lanka, Brasilien oder in Kosovo und wollen einmal Arzt, Anwalt oder Lehrerin werden. Träume, die oft Träume bleiben, weil Teenager wie sie geringere Chancen haben, den Sprung ans Gymnasium zu schaffen. Deutlich geringere sogar, wenn ihre Eltern keine Ingenieure oder Manager sind. Wenn sie, um es auf Bildungsdeutsch zu sagen, aus bildungsfernen Schichten stammen.

«Was schätzen Sie?», fragt Jürg Schoch, der Direktor des Gymnasiums Unterstrass, an diesem Samstag in die Aula. «Wie viele Schweizer Sechstklässlerinnen mit einem Notenschnitt von 4,5 schaffen den Sprung in die Sek A?» – Es sind 90 Prozent. «Und wie viele Sechstklässler aus Mazedonien oder Kosovo?» Es sind 33 Prozent, beim gleichem Notenschnitt wohlverstanden.

Hartes Trainingslager

Es sind die Eltern von Praveen, Luiz oder Sania, denen Schoch die Zahlen präsentiert. Und deren Eltern sitzen im Saal, weil ihre Kinder drei von zwölf Sek-Schüler sind, die als dritter Jahrgang den Schritt in das Förderungsprogramm «Chagall» geschafft haben. Aufgrund einer Empfehlung des Klassenlehrers. Aufgrund eines Motivationsschreibens. Aufgrund eines Tests und eines Aufnahmegesprächs. Zwölf Teenager, auf die ein hartes Trainingslager wartet. Neun Monate, während denen sie an Mittwochnachmittagen und Samstagmorgen Deutsch, Französisch, Englisch und Mathe büffeln.

An ihrer Selbstsicherheit und Lerntechnik schleifen, um danach fit zu sein, fit fürs Gymnasium. Und für einmal werden sie die Statistik dann auf ihrer Seite haben: Fünf von elf schafften es im ersten «Chagall»-Jahrgang, neun von elf im diesjährigen.

Eine Quote, auf die man selbst am Zürichberg stolz wäre. Eine Quote, die aber auch zeigt, wie viel mit Unterstützung möglich ist. Sofern die Motivation stimmt. Und die ist deshalb eines der Kriterien für die Aufnahme, wie Programmleiter und Lehrer Stefan Marcec sagt. Neben dem 100-prozentigen Migrationshintergrund und Eltern, die sich ein Lernstudio nie leisten könnten, sowie einem Basiswissen.

Im Gespräch mit Regine Aeppli

Dass es dieses Basiswissen braucht, ist eine Erfahrungen, die die «Chagall»-Lehrer gemacht haben. Zwar besagt eine Studie, dass ein guter Sek-B-Schüler so gut wie ein mittlerer Sek-A-Schüler ist. In der Praxis aber, so Stefan Marcec, zeige sich, dass B-Schülern oft das Sitzleder fehle und deshalb ein zweijähriger Besuch des Programms nötig wäre.

Auf vier Jahre ist «Chagall» als Pilotprojekt angelegt, finanziert wird es mit jährlich 80'000 Franken durch Stiftungen. Dazu wird das Projekt wissenschaftlich begleitet und soll am Ende das Knowhow liefern, um in der Volksschule implementiert werden zu können. Mit einigen Kantonen ist man im Gespräch, demnächst auch mit Bildungsdirektorin Regine Aeppli.

Manche Lehrer sind skeptisch

Ob «Chagall» den Sprung an die Volksschule aber schafft? Aus Schulleiter Jürg Schoch Äusserungen lässt sich eine Skepsis ableiten: Er höre zwar von Lehrern, dass es eine «Supersache» sei, aber auch, dass man das nie hinbrächte. Immer wieder kriegt Schoch auch die Frage zu hören, wieso man nur Migranten aufnehme? Natürlich mindere Armut Bildungschancen genauso wie der Migrationshintergrund, entgegnet Schoch. Da die Mittel aber begrenzt seien, konzentriere man sich auf die doppelt Benachteiligten.

Und wie erklärt sich Schoch sein Zahlenrätsel mit der mageren Übertrittsquote der Migrantenkinder? Zum Beispiel mit der Erfahrung der Primarlehrer, dass Kinder mit weniger gutem Umfeld in der härteren Sek A oft scheiterten. Natürlich aber übten bildungsbewusste Eltern auch mehr Druck auf die Lehrer aus und schöpften so das Sek-A-Kontingent aus. Mit dem Resultat, dass in Schweizer Schulbänken ein Potenzial versauere, was sich das Land im Grunde gar nicht leisten könne. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2010, 20:35 Uhr

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